Gernulf Olzheimer kommentiert (CXVII): Verbotskultur

19 08 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Natur bevorzugt die einfachen Strukturen. Wärme, Salzgehalt und die Abwesenheit von Blasmusik sorgen für die Verteilung von Amöben mit und ohne Gamsbart; wer als Singvogel einmal die bitter schmeckende Käferlarve aufpickte, wird sich hinfort an andere Nahrungsmittel halten, die ohne die grelle Warnzeichnung auf dem Rücken des unaromatischen Widerlings auftreten – schon in den unteren Stockwerken der evolutionären Schule setzt die Lebensspenderin auf den Lernerfolg, der dem Tier stets das Vorteilhafte des Tuns und Lassens vor Augen führt. Es erfährt positive Verstärkung, und sei es auch in Gestalt seiner Population, die stark und gesund Generation um Generation brütet wie die Mücke im schwülwarmen Teich. Eine Art müsste schon ziemlich weit heruntergekommen sein, wollte sie aus fernliegenden Gründen zu Verhaltensmaßregeln greifen, die weder die vitalen Interessen noch den Zusammenhalt der Herde zu sichern vermöchten, in etwa so weit degeneriert wie der Hominide mit dem lächerlichen Anspruch, der Schöpfung vorzustehen.

Derart beknacktes Personal auf diesen Planeten hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Auftreten seiner Genomkollegen möglichst unsinnig zu kodifizieren. Für Jahrhunderte waren Eltern damit betraut gewesen, ihre Brut im Vollkontakt mit anderen Kindern aufzuziehen; mancherorts wurde der Säugling gar an die leiblich nicht verwandte Brustdrüse gepackt, von bezahlten Angestellten sozialisiert, in kommunal organisierten Horten und Kindergärten bis zur Vorreife der standardisierten Komplettverdeppung geführt. Doch die Jetztzeit regelt es auf ihre Art, fremdes Kindermaterial darf aus ethisch-moralischen Gründen nur noch mit sterilen Handschuhen für maximal drei Sekunden berührt und ausschließlich im Beisein einer Bezugsperson angeatmet werden. Tanten brauchen eine staatliche Lizenz, um ihre eigenen Neffen länger als drei Stunden zu beaufsichtigen. Wer im zehnten Stock oder höher in seinem eigenen Haus sein eigenes Fenster öffnen und/oder schließen will, darf dies nicht ohne eine von Kantonspolizei und Landeshauptmann abgestempelte Blödmannskarte, die ein borderlineintelligenter Oberamtsschrat sich aus der Hohlbirne geschwiemelt hat: mit amtlichem Siegel darf gestoffwechselt werden, hurra, und wer sich nicht an die Regeln hält, ist doof.

Wer sich diesen Regeln unterwirft, ist nicht weniger bekloppt. Die aus konservativer Richtung schwappende Verbots- und Verordnungskultur degradiert das ζωον πολιτικόν zur Fressapparatur mit Lautgeber und Fortpflanzungsreflex, vulgo: was das angeblich bürgerliche Kompetenzimitat eh schon ist. Hinter der vordergründig väterlichen Attacke, die aus reiner Liebe nur verdrischt, was sie liebt (wo sonst bekäme eine Zusammenrottung wie das bourgeoise Lager Zuneigung her, wenn nicht aus der Knute), verbirgt sich krude Antipädagogik: was ihr Wille nicht brechen kann, muss böse sein.

Interessanterweise kommt diese Welle aus pseudoliberalen Gefilden, die ansonsten Freiheit und Eigenverantwortung säuseln: die Freiheit, die Haut zu Markt zu tragen, die Eigenverantwortung, weil das Pflichtgefühl der Allgemeinheit längst zerbröselt ist. Was sich nicht als Individuum im einzelnen Topf schmoren lassen will – doch halt, das Gemeinschaftsgefühl schafft die kollektive Unterwerfung unter den paternalistischen Zwang einer Schnöselrotte, hirnentkernt und an der Raumkrümmung verbogen: kein Trinkwasser mehr in Plasteflaschen, keine Fernsehwerbung mehr für fetthaltige Lebensmittel, kein Alkohol, kein Tabak, keine Süßwaren, kein Radfahren ohne Sturzhelm, keine Schmierwurst ohne Waffenschein, und Einatmen ohne Einatmungsgenehmigungsantrag wird kostenpflichtig verwarnt. Man fragt sich, wie die Menschheit sich unbeschadet bis zu diesem Tiefpunkt hat entwickeln können, ohne vorher in ihre Bestandteile zu zerfallen.

Es ist den Vollbrezeln herzlich egal, ob und wie sich die Adipositas auf den Volkskörper auswirkt; sie sind kaum daran interessiert, Kindesmissbrauch oder Ladendiebstahl zu bekämpfen, wenn dabei auch nur eine einzige ihrer eigenen Schweinereien durch einen Ermittlungsfehler ans Tageslicht gespült würde. Die Fußhupenpopulation an den Schaltstellen dieser entarteten Hominidenmasse braucht den fürsorgerischen Freiheitsentzug, um ihre eigene Überflüssigkeit zu überspielen. Um das Angenehme mit dem Unnützen zu verbinden, nistet sich die Schmarotzerschicht als ausführende Kraft einer ausufernden Bürokratie gleich noch in den Kontrollorganen. Die gute, alte Zeit, sie hätte uns vor Müßiggang und Unzucht gewarnt, vor allem aber vor dem Teufel, was relativ ehrlich war, da ein offenbar an den Haaren herbeigezogener Popanz, um den Kindern Angst zu machen, nicht aber dem denkenden Menschen. Das dünne Mäntelchen der Sklavenhalterliebe ist nur fadenscheiniges Motiv, eine florierende Absicherungsindustrie aus dem blutenden Boden zu stampfen, absichernd gegen den Pöbel. Sie nennen es Prävention. Es ist ein Käfig, der unter Strom steht. Warten wir, bis sich die Gouvernante selbst den Arsch daran verbrennt.


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