Alles Gute kommt von oben

30 08 2011

Anne kniff die Augen zusammen und blickte nach oben. „Sieht ganz nach Regen aus.“ „Schmeckt aber wie Weißwein, hähähä!“ Der fette Mann mit dem ölig zurückgekämmten Haar schlug sich auf die Schenkel und schüttete sich schier aus vor Lachen über seinen dämlichen Witz. Ich blickte Anne an; sie blickte ihn an, kniff ganz leicht die Augenbrauen zusammen. Wie konnte das bloß passieren, hier in Bücklers Landgasthof?

„Er hat sich wieder einmal beschwatzen lassen“, grummelte Bruno, jener, den man ehrfurchtsvoll Fürst Bückler nannte, wie er mit seinen kunstvoll verzwirbelten Schurrbartspitzen in der Küche stand und Schwarzsauer kochte. „Kaum ist ein Vertreter im Haus, kümmert sich Hansi nicht mehr um den Service, guckt sich tagelang nur Prospekte an und unterschreibt dann irgendwelche Sachen. Ich bin mit einem geistesgestörten Bruder geschlagen.“ „Na“, tröstete ich ihn, „die Idee, den Innenhof zu pflastern und ein Gartenlokal daraus zu machen, war doch recht vernünftig.“ „Richtig“, gab er trocken zurück. „Weil es meine eigene war. Aber das hier…“ Bruno deutete auf die schmal um den Hof laufenden Metallkästen an den Wänden. „Hansi wollte keine Sonnenschirme, denn so können wir drei Tische mehr unterbringen. Darum der ganze Aufwand mit den ausziehbaren Dächern.“

Anne hatte inzwischen die Tageskarte studiert. „Ich werde den Lammrücken nehmen“, verkündete sie. „Nehmen Sie ein Schnitzel“, ließ sich die bekannte Stimme neben ihr vernehmen, „das muss weg!“ Der Dicke platzte fast. „Sie gestatten“, schwafelte er und zog bereits einen Stuhl an sich. Anne hob nur leicht den Kopf. „Nein“, sagte sie schneidend. Hansi eilte mit dem Brotkorb und einem Schälchen Schmalz herbei. „Sie haben sich bereits miteinander bekannt gemacht? Das ist fein – dann können wir uns jetzt ja überlegen, wie wir unser neues regensicheres Gärtchen in unserem Prospekt bewerben.“ Der Dicke knickte steif in der Hüfte zusammen. „Firma Sengespeck, angenehm. Markisen, Bedachungen, die verwandten Bedarfe, stets zu Diensten. Sengespeck macht Sonne weg!“

Er zog ein kleines Kästchen mit zwei Knöpfen aus der Rocktasche und zeigte es herum wie ein Zauberer in der Manege. „Unsere ausfaltbaren Wetterdächer werden selbstverständlich nicht mehr altmodisch mit einer Kurbelmechanik bedient, sondern motorbetrieben und ferngesteuert. Schauen Sie selbst.“ Die Firma Sengespeck fuchtelte mit dem Gerät im Hof herum und drückte mehrmals auf einen der beiden Knöpfe. Nichts passierte. „Sie sollten vielleicht den roten Knopf versuchen“, regte Hansi an. „Das brauchen Sie mir nicht zu sagen“, schimpfte Sengespeck. Quietschend öffneten sich die Aluminiumgehäuse, in Zeitlupe ratterte eine blassblaue Stoffplane heraus, die sich bis in die Mitte des Innenhofs schob; von der anderen Seite bewegte sich ein ebensolches Klappdach auf die Mitte zu. „Wie Sie sehen, Wind sowie leichte Niederschläge machen unserem Sonnenschutz nicht viel aus.“ „Hübsch“, teilte ich ihm mit. „Allerdings haben wir uns anders entschieden. Wir ziehen dann doch die Sonne vor. Wenn Sie sich bitte freundlicherweise wegmachen würden?“

Sengespeck blähte gewaltig die Nüstern. Bruno, der sich die ganze Zeit im Hintergrund gehalten hatte, packte ihn kurzerhand am Arm und bugsierte ihn an einen der mittleren Tische. „Sie essen jetzt ein Tagesmenü auf Kosten des Hauses“, zischte er den Dachverklapper an, „und dann will ich Sie hier nicht mehr sehen!“ Über unseren Köpfen ruckelte es. „Ich kriege das nicht wieder rein“, rief Hansi. Das Ding rumpelte, stoppte, fuhr wieder an und ließ sich durchaus nicht überreden, wieder in den Kästen zu verschwinden. „Und was jetzt?“ „Es regnet ohnehin gleich“, mopste sich Sengespeck. „Dann lassen Sie die Markise doch ausgefahren.“ Während Hansi ruckweise das Stoffdach vor und zurück bewegte, quatschte der Dicke bereits die nächsten Gäste an. „Diese dumme Qualle“, knurrte Bruno. „Ich lasse mir doch hier nicht meine Gäste belästigen!“ „Man sollte ihn als Sonnenschirm aufspannen“, witzelte ich. „Wenigstens kann man dann mit dem dämlichen Slogan etwas anfangen.“ „Das dürfte jetzt lustig werden.“ Anne häufte Erbsen auf ihre Gabel. „Er stört gerade den Vorsitzenden des hiesigen Gewerbevereins.“ Hansi war zornesrot angelaufen. „Dieser verdammte Klapperatismus!“ Mit einem Besenstiel musste er die Metallkästen verschließen, denn diese waren nicht motorisiert; sie öffneten sich lediglich beim Ausfahren des Markisengestells. „Am liebsten würde ich diesen ganzen Mist wieder abreißen und ihm vor die Füße schmeißen!“

Da begann es tatsächlich zu tröpfeln. Ein böiger Wind setzte ein, es frischte merklich auf. Eilig kam Hansi vor die Tür gerannt, blickte sich hektisch und durchsuchte seine Schürzentaschen. Da sah er die Fernbedienung, die er auf unserem Tisch hatte liegen lassen. Nervös schaltete er hin und her, doch nichts rührte sich. „Sie sollten den roten Knopf versuchen“, äffte Sengespeck. Anne tupfte sich die Lippen, legte die Serviette auf den Tisch und trat schnell ins Haus, denn schon zogen sich düstere Wolken am Himmel zusammen. Ich folgte ihr. Nur Hansi drückte und schaltete, er fuchtelte mit der Steuerung in der Luft herum und biss sich vor Wut auf die Lippe. Da brach ein heftiger Regen los. In Sekunden war der Fette klatschnass. „Die Küche empfiehlt Regenbogenforelle an Wassermelone“, rief ich schadenfroh, „und dazu ein Vol-au-vent.“ Sengespeck ruderte mit den Armen durch den Wolkenbruch auf Hansi zu. „Geben Sie mir das Ding“, gurgelte er, „Sie sind ja zu blöde dazu!“ Er riss ihm die Fernsteuerung aus der Hand und patschte wie besessen darauf herum. Da riss Hansi der Geduldsfaden. „Packen Sie Ihren verdammten Mist zusammen“, schrie er und packte Sengespeck am Kragen, „und scheren Sie sich zum Teufel damit! Ich will Sie und Ihren Dreck hier nie wieder sehen, verstanden?“

Vorsichtig balancierte Anne unter ihrem Schirm über den Kiesweg. Der Regen hatte sich ein wenig ausgetobt, man konnte zum Wagen gelangen. „Ach übrigens“, sagte sie und griff in die Jackentasche – ich hatte erwartet, dass sie den Autoschlüssel hervorzöge, doch sie ließ eine kleine Batterie in meine Hand gleiten. „Steck die bitte nachher in mein Diktiergerät, ja? Es ist furchtbar nervig, wenn diese elektrischen Dinger nicht funktionieren.“


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