Kopierstau

21 08 2011

Rettung naht! Kurz vor dem Vollkontakt mit der Abszisse verkündet FDP-Vize Zastrow, die Partei könne unter ihrem charismatischen, im Volk enorm beliebten Vorsitzenden wieder Höhenflüge wagen (oberhalb der Fünf-Prozent-Hürde, that is). Man müsse dem Wähler bloß neue Inhalte präsentieren. Nämlich Steuersenkungen. Die Originalteile der FDP scheinen inzwischen verschlissen, der Laden quietscht im Kopierstau. Immer noch eins. Was bei Vorbildern wie Koch-Mehrin ja auch keinen mehr wundert. Der restliche Sommerschlussverkauf der Eitelkeit wie stets in den Suchmaschinentreffern der vergangenen 14 Tage.

  • kirschentsteiner ersatzteile: Spur der Steine?
  • anatomie des haifisches: Er hat Zähne.
  • zdf separatorenfleisch: Sie müssen Gottschalk nicht mögen.
  • schwein aquarellieren: Meines Wissens ist die Haut wasserfest.
  • pyramid dinkelknäcke: Hatten die Pharaonen nicht Dreikorn als Grabbeigabe?
  • synapsenschädigung durch burnout: Kommt darauf an, was Sie hinterher schlucken.
  • frau abgerichtet zum milch geben: Sie haben’s gut, meine schenkt mir nicht mal Kaffee ein.
  • transferwissen bundesverfassungsgericht: Die derzeitige Regierung kommt ohne aus.
  • blutdruckfördernde lebensmittel: Zum Beispiel Olivenöl, das über den Küchentisch läuft.
  • löffel lebensgroß: Damit Sie Abgeben lernen.
  • märtyrer-syndrom: Man könnte es der Kanzlerin nicht einmal verübeln.
  • suche eine lustige geschichte über das hobby bungeespringen: Geben Sie sich einen Ruck.
  • gestaltung eines papierorden zum abschied: Machen Sie ruhig. So, wie Sie basteln, kommt eh keiner wieder.
  • zu guttenberg freundschaftsbändchen: Schon fertig mit dem Papierorden?
  • rippenprellung schlafposition: Wenn Sie keine Luft mehr bekommen, ist es annähernd perfekt.
  • wellensittich nasenbruch: Sind Sie sicher, dass Sie nicht lieber auf Braunalgen umsteigen wollen?
  • schwarzhaarige mit nackter katze: Ich hätte noch eine Nackte mit einer schwarzhaarigen Katze, aber die wollten Sie ja wohl nicht.
  • musterung in china durch aerztinnen: Ausnahmsweise, sonst übernimmt der Fleischereifachverkäufer das.
  • kupferarmband wirkungslos: Immerhin macht es den Gauner reich, der es Ihnen verkauft hat.
  • gerontophil: Gut, für eine 16-Jährige ist 40 schon ziemlich alt, aber gerontophil?
  • wie schneide ich styroporstuck: Schief.
  • steinzeit dolch: Viel Glück, wenn das Mammut kommt.
  • tattoo maiglöckchen vorlagen: Ist Ihnen Ed Hardy noch nicht geschmacklos genug?
  • haarwuchsmittel anthroposophisch: Und dann drehen Sie astrale Locken auf der Glatze.
  • sören kirkegaard schnatternde schwäne: Enten – Eller.
  • ed hardy bilder zum ausmalen: Das Blümchentattoo reicht Ihnen nicht?
  • kontaktekzem im gesicht durch haarspray: Wenn Sie sich rasieren, brauchen Sie da kein Haarspray mehr.
  • sparfunzeln für teures geld: CSU-Minister kosten auch nicht mehr als andere.
  • robespierre „kunde ist könig“: Weshalb man sich dann auch meist an der Laterne wiederfindet.
  • jeanette biedermann geknebelt: Am Bundesverdienstkreuz.




In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (LV)

20 08 2011

Ins Waldhaus zog Schlader nach Pama
samt Esel, Pferd, Muli und Lama.
Fragt man ihn: „Was schreit hier?“,
sprach er stets: „Ein Reittier.“
So sagt es zumindest die Fama.

Jaśkowski, der Lehrer aus Kock,
er ging niemals aus ohne Stock.
Nur manchmal, da schlüpfte
zur Tür rein er, lüpfte
der kreischenden Gattin den Rock.

Haidalla, der tünchte in Néma
die Häuser nach folgendem Schema:
erst seitwärts geschoben,
dann unten, dann oben.
Nur Fenster, nun… anderes Thema.

Der Göslinger Hubert aus Marz
sägt Holz, doch das ist noch voll Harz.
Daran klebt viel Erde,
selbst Harzklebeherde –
zum Schluss ist der Mann völlig schwarz.

Tropfnass kam McDonagh in Quin
zur Tür herein. Schon war er drin,
zog aus sich und fluchte,
denn wo er auch suchte,
er fand keinen Whisky. Bloß Gin.

Gonçalo lud ein in Nordeste:
zur Hochzeit gab es nur das Beste.
Nachts war er im Keller,
drum lag auf dem Teller
nur noch eine Auswahl der Reste.

Beim Pospischil sah man in Gasen
ein Bild der Verwüstung: den Rasen.
Er legt an der Mauer
nachts sich auf die Lauer –
der Nachbar ließ Hasen dort grasen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXVII): Verbotskultur

19 08 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Natur bevorzugt die einfachen Strukturen. Wärme, Salzgehalt und die Abwesenheit von Blasmusik sorgen für die Verteilung von Amöben mit und ohne Gamsbart; wer als Singvogel einmal die bitter schmeckende Käferlarve aufpickte, wird sich hinfort an andere Nahrungsmittel halten, die ohne die grelle Warnzeichnung auf dem Rücken des unaromatischen Widerlings auftreten – schon in den unteren Stockwerken der evolutionären Schule setzt die Lebensspenderin auf den Lernerfolg, der dem Tier stets das Vorteilhafte des Tuns und Lassens vor Augen führt. Es erfährt positive Verstärkung, und sei es auch in Gestalt seiner Population, die stark und gesund Generation um Generation brütet wie die Mücke im schwülwarmen Teich. Eine Art müsste schon ziemlich weit heruntergekommen sein, wollte sie aus fernliegenden Gründen zu Verhaltensmaßregeln greifen, die weder die vitalen Interessen noch den Zusammenhalt der Herde zu sichern vermöchten, in etwa so weit degeneriert wie der Hominide mit dem lächerlichen Anspruch, der Schöpfung vorzustehen.

Derart beknacktes Personal auf diesen Planeten hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Auftreten seiner Genomkollegen möglichst unsinnig zu kodifizieren. Für Jahrhunderte waren Eltern damit betraut gewesen, ihre Brut im Vollkontakt mit anderen Kindern aufzuziehen; mancherorts wurde der Säugling gar an die leiblich nicht verwandte Brustdrüse gepackt, von bezahlten Angestellten sozialisiert, in kommunal organisierten Horten und Kindergärten bis zur Vorreife der standardisierten Komplettverdeppung geführt. Doch die Jetztzeit regelt es auf ihre Art, fremdes Kindermaterial darf aus ethisch-moralischen Gründen nur noch mit sterilen Handschuhen für maximal drei Sekunden berührt und ausschließlich im Beisein einer Bezugsperson angeatmet werden. Tanten brauchen eine staatliche Lizenz, um ihre eigenen Neffen länger als drei Stunden zu beaufsichtigen. Wer im zehnten Stock oder höher in seinem eigenen Haus sein eigenes Fenster öffnen und/oder schließen will, darf dies nicht ohne eine von Kantonspolizei und Landeshauptmann abgestempelte Blödmannskarte, die ein borderlineintelligenter Oberamtsschrat sich aus der Hohlbirne geschwiemelt hat: mit amtlichem Siegel darf gestoffwechselt werden, hurra, und wer sich nicht an die Regeln hält, ist doof.

Wer sich diesen Regeln unterwirft, ist nicht weniger bekloppt. Die aus konservativer Richtung schwappende Verbots- und Verordnungskultur degradiert das ζωον πολιτικόν zur Fressapparatur mit Lautgeber und Fortpflanzungsreflex, vulgo: was das angeblich bürgerliche Kompetenzimitat eh schon ist. Hinter der vordergründig väterlichen Attacke, die aus reiner Liebe nur verdrischt, was sie liebt (wo sonst bekäme eine Zusammenrottung wie das bourgeoise Lager Zuneigung her, wenn nicht aus der Knute), verbirgt sich krude Antipädagogik: was ihr Wille nicht brechen kann, muss böse sein.

Interessanterweise kommt diese Welle aus pseudoliberalen Gefilden, die ansonsten Freiheit und Eigenverantwortung säuseln: die Freiheit, die Haut zu Markt zu tragen, die Eigenverantwortung, weil das Pflichtgefühl der Allgemeinheit längst zerbröselt ist. Was sich nicht als Individuum im einzelnen Topf schmoren lassen will – doch halt, das Gemeinschaftsgefühl schafft die kollektive Unterwerfung unter den paternalistischen Zwang einer Schnöselrotte, hirnentkernt und an der Raumkrümmung verbogen: kein Trinkwasser mehr in Plasteflaschen, keine Fernsehwerbung mehr für fetthaltige Lebensmittel, kein Alkohol, kein Tabak, keine Süßwaren, kein Radfahren ohne Sturzhelm, keine Schmierwurst ohne Waffenschein, und Einatmen ohne Einatmungsgenehmigungsantrag wird kostenpflichtig verwarnt. Man fragt sich, wie die Menschheit sich unbeschadet bis zu diesem Tiefpunkt hat entwickeln können, ohne vorher in ihre Bestandteile zu zerfallen.

Es ist den Vollbrezeln herzlich egal, ob und wie sich die Adipositas auf den Volkskörper auswirkt; sie sind kaum daran interessiert, Kindesmissbrauch oder Ladendiebstahl zu bekämpfen, wenn dabei auch nur eine einzige ihrer eigenen Schweinereien durch einen Ermittlungsfehler ans Tageslicht gespült würde. Die Fußhupenpopulation an den Schaltstellen dieser entarteten Hominidenmasse braucht den fürsorgerischen Freiheitsentzug, um ihre eigene Überflüssigkeit zu überspielen. Um das Angenehme mit dem Unnützen zu verbinden, nistet sich die Schmarotzerschicht als ausführende Kraft einer ausufernden Bürokratie gleich noch in den Kontrollorganen. Die gute, alte Zeit, sie hätte uns vor Müßiggang und Unzucht gewarnt, vor allem aber vor dem Teufel, was relativ ehrlich war, da ein offenbar an den Haaren herbeigezogener Popanz, um den Kindern Angst zu machen, nicht aber dem denkenden Menschen. Das dünne Mäntelchen der Sklavenhalterliebe ist nur fadenscheiniges Motiv, eine florierende Absicherungsindustrie aus dem blutenden Boden zu stampfen, absichernd gegen den Pöbel. Sie nennen es Prävention. Es ist ein Käfig, der unter Strom steht. Warten wir, bis sich die Gouvernante selbst den Arsch daran verbrennt.





Strafe muss sein

18 08 2011

„… als erwiesen an, dass die beiden jungen Briten durch ihre unbedachte Meinungsäußerung im Falle einer tatsächlichen Straftat zu den Anstiftern hätten werden können. Das Gericht in der Grafschaft Chester verurteilte sie zu einer vierjährigen…“

„… vor dem Europäischen Gerichtshof, dass die Absicht genüge, um die Anstiftung zur Straftat zu begründen; es bedürfe nur noch einer Umsetzung in nationales Strafrecht, um die…“

„… konnte dem Erzbischof nicht nachgewiesen werden, dass er nichts gewusste hatte, so dass die Richter davon ausgingen, dass er die Tatbeteiligung Dritter zumindest nicht hatte ausschließen können, wodurch sich ergab, dass er nicht unschuldig, sondern als Hauptverdächtiger…“

„… vor allem wegen der Verbreitung, die das Angebot des Springer-Konzerns besitzt. Diekmann kündigte an, gegen das Urteil Berufung einlegen zu wollen, ihm war es nicht darum gegangen, die griechischen Freunde zu diffamieren, sondern sie als die Faulenzer zu kennzeichnen, die den deutschen Aufschwung…“

„… vor dem Landgericht Schweinfurt obsiegte. Die CSU hatte sich damit verteidigt, erst durch das NS-Regime sei der Krieg ausgelöst worden, in dessen Folge demokratieähnliche Zustände in der Bundesrepublik…“

„… nicht abzusehen, doch habe man auf die Kompetenz des Verteidigungsministers vertraut. Da de Maizière auch danach keine Anzeichen…“

„… halten die Sozialdemokraten weiter in Treue fest an ihrem Mitglied Thilo Sarrazin, der beschuldigt wurde, das unter seinem Namen publizierte Buch nicht nur verfasst, sondern auch so gemeint zu haben. Damit würde er als Anstifter sämtlicher Straftaten, die sich aus dem mangelnden Verständnis der molekularbiologischen…“

„… die gesellschaftliche Ordnung zu wahren, weshalb Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger die Entscheidung des Gerichts stark in Zweifel zog. Nach einem Gespräch mit dem CSU-Präsidium hob die Liberale hervor, wie sehr man der Gesinnungsflexibilität verpflichtet sei, die im Gegensatz zum Koalitionsvertrag einen…“

„… auch die Mitarbeiter von Investment-Abteilungen, die maßgeblich daran beteiligt waren, die Euro-Krise durch das Streuen von Gerüchten zu befeuern. Die Kammer verurteilte drei der Angeklagten zu lebenslangen Haftstrafen, drei zu Lebenslänglich mit anschließender Sicherungsverwahrung, den Rest zu zehn bis…“

„… detaillierte Planungen und Aufforderungen zur Gewalt, wie sie beispielsweise in der NPD auf der Tagesordnung seien. Verfassungsschutz-Präsident Fromm lobte bei dieser Gelegenheit sein Personal, das derlei Aktionen nicht nur im Internet zu planen, durchzuführen und selbst aufzuklären verstünde, sondern für die Presse auch eine…“

„… trat Hubertus Albers als Nebenkläger im Prozess gegen die…“

„… keine Rolle spielt, ob die Ankündigungen der Partei vor der Landtagswahl nicht den verfassungsrechtlichen Möglichkeiten entsprächen oder nicht zu finanzieren seien – die öffentliche Aussage begründe bereits einen hinreichenden Tatverdacht, der nicht weiter…“

„… dessen ungeachtet die BUNTE als kriminelle Vereinigung einstufte, die durch gezielte Falschaussagen in der Öffentlichkeit die Justiz mehrmals in einen…“

„… auch die Mitarbeiter der Rating-Agenturen, die gegen Irland gearbeitet hatten, zu drakonischen Strafen verurteilt…“

„… ins Visier der Fahnder geriet, da er im Zusammenhang mit der Verlängerung der Anti-Terror-Gesetze verkündet hatte, die deutsche Regierung regiere. Das Gericht sah diese Einlassung als eine Bedrohung des deutschen…“

„… Schröder. Fischer und Müntefering, Clement, Eichel und Steinmeier, die das Gericht nicht als zuständig anerkannten. Die Staatsanwaltschaft betonte, es sei nicht von Bedeutung, ob die Angeklagten die restlose Zerstörung der deutschen Volkswirtschaft planmäßig betrieben oder nur billigend in Kauf genommen hätten, das Ergebnis sei der bis heute andauernde Tiefstand der sozialen…“

„… bedauerte der britische Botschafter. Zwar habe das Deutsche Reich mit seinem Angebot, ein Gesinnungsstrafrecht samt geheimpolizeilicher Überwachung, rassistischer Gesetzgebung und entwürdigender Bußen einzuführen, etwas zu früh reagiert, man würde nun jedoch wohlwollend prüfen, ob eine Zusammenarbeit bei der Krisenabwehr innerhalb und außerhalb der Euro-Zone den Leistungsträgern…“

„… führte die Festnahme des Bundespräsidenten auf Norderney zu einem internationalen…“





Schubidu

17 08 2011

Die Türklingel ließ ein melodiöses Gebimmel erschallen. Schritte schlurften über die Dielen, dann öffnete er die Tür: Jean Chanteur, der Schlager-Pate. „Singer“, begrüßte er mich, „Hansi Singer. Ich hatte Sie bereits erwartet. Kommen Sie herein und machen Sie es sich bequem.“ Hier also entstand die Unterhaltungsmusik einer ganzen Nation.

Mein Gastgeber hatte sich in dem großen, knöchelhoch mit Papier bedeckten Zimmer ans Klavier gesetzt. „Bringen Sie mir den Stapel da nicht in Unordnung“, wie er mich an, „das wird die neue Platte für Freddy Pernambuco. Links neben der Stellage müsste eine Kiste liegen, da setzen Sie sich hin.“ Und wirklich befand sich ein Kasten unter dem Notenverhau. Ich nahm Platz. „Hören Sie mal – wie finden Sie das?“ Singer klimperte einige Akkorde und hub mit seiner nasalen, verrosteten Tenorstimme an zu säuseln: „Rote Rosen im Abendwind, davon träumen die Cowboys in Honolulu!“ Ich hüstelte. „Heiße Nächte in Rio, wo sind sie geblieben?“ „Pardon“, wandte ich ein, „dass in Honolulu Rinderzucht betrieben wird, das wäre mir jetzt neu.“ „Egal.“ Singer suchte bereits in einem Stapel unterhalb des Instruments. „Die meisten Leute wissen auch nicht, wo genau Rio liegt. Und die Platten verkaufen sich doch.“

Er hatte die passenden Noten gefunden. „Da haben wir’s. Das Problem ist, ich weiß nicht, ob ich es den Krachlhuber Schluderbuam oder Tony Tornado & The Beatstars andrehen soll.“ „Wo ist der Unterschied?“ Er seufzte. „Schwierig zu sagen, es ist kulturell ein ganz anderer Hintergrund.“ Das begriff ich – zumindest glaubte ich es. Doch er war ganz anderer Meinung. „Der Ober-Krachlhuber Mustafa ist verhältnismäßig konservativ eingestellt, Straubing eben, dem darf ich nichts Frivoles schreiben, das mögen die Niederbayern nicht. Und Tony heißt mit bürgerlichem Namen Andrzej Dembończyk, da müssen die Texte verhältnismäßig einfach sein. Er spricht ungefähr so gut Deutsch wie ein Fußballspieler.“

Auf dem Boden lagerte angefangenes Material in Hülle und Fülle. „Wie gesagt, man schreibt nicht immer alles für denselben Künstler. Deshalb muss man immer ein bisschen flexibel bleiben, und mit den kleinen Feinheiten kommt dann der Interpret mit seinem Lied auch zurecht. Wollen Sie mal hören?“ „Was bleibt mir anderes übrig“, resignierte ich, und schon griff Jean Chanteur in die Tasten. „Das ist Wahnsinn“, jodelte er – „Das wäre jetzt die Version für Tony Tornado, und dann haben wir die für Die Drei Desperados, wollen Sie mal…“ Ich zuckte ergeben mit den Schultern. „Das ist Irrsinn!“ Eine semantisch völlig unterschiedliche Nuance, das musste ich zugeben. Singer zeigte kein Mitleid. „Das ist Unsinn“, grölte er. „Wenn Martin Isecco den singen würde.“

Singer war kurz in den Flur geschlurft, um die Zigarettenschachtel aus seiner Jacke zu holen. Ich blätterte durch die Papiere auf dem Flügeldeckel. „Gaby Schlüpperke hat ihr neues Album von mir betexten lassen, soll ich Ihnen mal die – kennen Sie nicht? Kennen Sie Gaby Schlüpperke nicht?“ Ich musste passen, und er schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Natürlich nicht, wie konnte ich auch so dumm sein! Chantal van Houten, die werden Sie doch wohl schon mal gehört haben? Passen Sie auf, wie finden Sie das?“ Bevor ich protestieren konnte, hatte er sich wieder an die Klaviatur gemacht. „Schallala, halli-hallo, yeah, yeah – schubi-dubi-du, trallali-trallala, schubidua!“ „Fantastisch“, antwortete ich trocken. „Das wird ihr internationaler Durchbruch. Wenigstens werden Sie für diesen Text den Übersetzer sparen.“ „Ich weiß nicht“, gab er skeptisch zurück, „ich weiß nicht, woran es liegt – aber in der Schweiz stagnieren ihre Verkaufszahlen.“

„Und das hier?“ Singer lief hochrot an. „Sie haben es gewusst?“ Er nestelte an seinem Kragen. „Bringen Sie mich bitte nicht in Verlegenheit in meinem Berufsverband – es darf keiner wissen, dass ich mir mittlerweile ein Zubrot verdienen muss.“ „Sie meinen wohl, Sie bestreiten Ihren Lebensunterhalt inzwischen zum größten Teil durch politische Propaganda.“ Er blickte mich verbittert an. „Ja, das stimmt. In meiner Studentenzeit war ich ein politischer Aktivist und wäre sicher einmal ein großer Autor geworden – Heine haben wir damals gelesen, Enzensberger! Grass! Aber dann bekam meine Frau das erste Kind, und dann musste ich irgendwie die Miete bezahlen, und da stand dann zufällig Hubert Kaloppke von den Swing-Jimbos. Und mein Schwiegervater in spe hatte eine elektrische Orgel im Keller stehen. Und ich hatte eine Menge Einfälle, was man alles machen könnte mit dieser drittklassigen Kapelle.“ Mitleidig sah ich ihn an; ein Leben im Frondienst der Schlagerbranche zog an mir vorbei, scheußliche Liedchen von Sonne und Südsee, ewiger Liebe und grauenerregenden Endreimen, stümperhaft nachgeplärrten Chansons und holpernden Kanzonetten, Alpenalbträumen und senilem Popgetöse im Rückwärtsgang. „Und wie halten Sie das aus?“ Er lächelte. „Sekundärrohstoffe. Ich verwerte die Sachen meist mehrfach. Kennen Sie das?“ Und schon hatte Jean Chanteur sich ins Klavier vergraben. „Ich schenke Dir die Sterne, Baby – am blauen Himmelszelt!“ Er setzte ab und schaute mich erwartungsvoll an. „Ich senke Dir die Steuern, Baby – und diesmal klappt’s bestimmt!“ Das also war sein Erfolgsgeheimnis. Hansi grinste. „Alte Autorenweisheit: manche Texte sind so bescheuert, die kann man nur singen.“





Ausgewogen

16 08 2011

„Und die Nahles?“ „Kann nichts.“ „Ist aber eine Frau.“ „Gut, das erhöht ihre Chancen natürlich. Da kommt einer wie Steinbrück nicht mit.“ „Kann man für den nicht eine Seniorenquote einführen? Der ist doch schließlich schon in dem Alter, wo ihn die SPD in Rente schicken würde?“ „Ich dachte, der käme über den Veteranenbonus rein? Hat doch schließlich schon unter Merkel gedient.“

„Sie müssen mir mal erklären, was das alles eigentlich soll mit den Quoten.“ „Das ist wegen der Repräsentativität.“ „Repräsentativität? Wenn Sie etwas Repräsentatives wollen, dürfen Sie nicht so einen Kahlkopf wie Steinbrück nehmen – da sehen ja Merkels Hosenanzüge mit dem Doppelkinn noch repräsentativer aus!“ „Quatsch, so ist das gar nicht gemeint! Eine repräsentative Bundesregierung, die – also die repräsentiert nun mal die deutsche Bevölkerung.“ „Sind wir so hässlich? Das möchte ich doch wohl in Abrede stellen.“ „Ach was, es geht doch darum, dass die uns eben repräsentiert, also so, wie wir als Deutsche nun mal – also nach außen hin, verstehen Sie?“ „Wie Westerwelle? als Außenminister?“ „Nein! So, wie wir Deutschen…“ „Der Westerwelle repräsentiert uns doch, oder etwa nicht? Auf dem Papier, wollte ich sagen – in der Realität macht er ja ganz andere Sachen.“ „Herrgott noch mal, hören Sie doch zu – repräsentativ, das heißt, dass er eben stellvertretend ist für die Deutschen!“ „Stellvertretend? Das ist doch jetzt aber dieser Rösler?“ „Oh meine Güte, Sie sind aber auch zu vernagelt! Stellvertretend! So, wie die Deutschen sind, so soll sich auch die Regierung –“ „Ich verbitte mir das! Westerwelle ist ein Trottel, aber das trifft doch nicht auf alle Deutschen zu!“

„Wie soll ich Ihnen das bloß erklären… also denken Sie mal an die Bundesbürger. Da sind doch soundsoviel Prozent soundso alt, verstehen Sie?“ „Sie meinen jetzt die Seniorenquote? Aber das ist doch, weil sie den Steinbrück sonst nicht mehr in die Politik kriegen?“ „Das auch, aber das ist nicht das Thema. Es gibt ja auch soundsoviel Prozent Frauen.“ „Ja, das verstehe ich zum Beispiel nicht. Es gibt mehr Frauen als Männer, wozu brauchen wir denn da eine Frauenquote?“ „Um eben eine repräsentative…“ „Nein, wenn das stellvertretend sein sollte für die gesamte Bevölkerung, dann müsste man doch mehr als die Hälfte der Politiker mit Frauen besetzen, oder?“ „Das haben Sie wieder falsch verstanden.“ „Ach ja, stimmt – das würde wohl dem Gleichheitsgrundsatz widersprechen, und deshalb sind nur genau die Hälfte der Minister Frauen, richtig?“ „Stimmt, Sie haben es…“ „Und warum wollen Sie mir gerade erzählen, dass die Hälfte der Kabinettsmitglieder Frauen sind? Habe ich da etwas verpasst?“ „Nein, das ist ja…“ „Und deshalb werden auch nur dreißig Prozent der Vorstandposten Frauen?“ „Das ist jetzt eine etwas komplizierte Angelegenheit – das ist Realpolitik, davon verstehen Sie nichts.“ „Dachte ich mir. Realpolitik ist also das Gegenteil von repräsentativ. Ich werde mir das merken.“

„Das haben Sie jetzt nicht ganz richtig eingeordnet. Diese Quoten waren nicht unbedingt gedacht, die tatsächlichen Verhältnisse abzubilden. Das würde gar nicht klappen.“ „Klar, man müsste sonst viel zu viel beachten.“ „Wie meinen Sie das?“ „Gibt es in der Politik eine Quote für Arbeitslose? oder wenigstens eine für Rentner?“ „Sie meinen den SPD-Bundesvorstand?“ „Wie auch immer, wenn ein Drittel der Deutschen im Altersruhestand ist, könnte man dem nicht entsprechend Rechnung tragen?“ „Sie stellen sich das zu einfach vor, diese Leute wollen doch von Politik gar nichts mehr wissen, die sind größtenteils auch ziemlich…“ „Sie meinen dement?“ „Schließen Sie nicht von Heiner Geißler auf die anderen, ja?“ „Dann liegt es daran, dass Senioren wegen der geringen Restlebensdauer keinen Grund mehr sehen, sich in der Politik zu engagieren?“ „Das mag durchaus so sein, aber…“ „Könnten wir dann nicht auch dafür sorgen, dass sich Studierende nicht mehr öffentlich äußern? Das Studentenleben hat ja schließlich auch irgendwann einmal ein Ende.“

„Schauen Sie, man muss sich auf die Kategorien beschränken, die unser gesellschaftliches Leben bestimmen.“ „Weil es mehr diskriminiert, als Frau in Deutschland zu leben, als arbeitslos zu sein?“ „Normalerweise werden Frauen ja auch bei gleicher Qualifikation weniger in Spitzenämter gewählt.“ „Und was spricht Ihres Erachtens mehr gegen diese These, die gute Versorgung von Frauen mit Ein-Euro-Jobs oder die Bundeskanzlerin?“

„Es muss aber doch einigermaßen ausgewogen sein.“ „Ausgewogen und für zu leicht befunden.“ „Man kann doch nicht jede Gruppe ins Kabinett bringen, das geht doch gar nicht aus.“ „Was spricht gegen Doppelbesetzungen? Nehmen Sie eine Frau mit Integrationsproblemen und einen arbeitslosen Ossi, so schwer wird das doch nicht sein.“ „Und einen besserverdienenden Migranten ohne Berufsabschluss und eine alleinerziehende Rentnerin aus einer strukturschwachen Region?“ „Beide natürlich ohne Haustiere, aber zur Hälfte mit Wohneigentum.“ „Und katholisch, verwitwet und kinderlos?“ „Nur ab einem Jahreseinkommen über 750.000 Euro, sonst müssten sie Grundbesitz und Kriegsbeschädigungen haben.“ „Verstehe. Gute Idee übrigens. Was meinen Sie, ob wir dafür eine vernünftige Kandidatenaufstellung für die nächste Bundestagswahl zustande bringen?“ „Eher nicht. Es fehlt etwas. Etwas ganz Entscheidendes, wenn Sie mich fragen.“ „Es fehlt etwas? Was denn?“ „Der ganz normale Deutsche.“





Die Macht der Bilder

15 08 2011

„… entschieden ablehnten, zudem die Sendung im Vorabendprogramm ausgestrahlt wurde. Die Bilder der randalierenden britischen Bevölkerung seien nach Ansicht der Kommission geeignet, verrohend auf deutsche Randgruppen zu…“

„… mit den Stimmen der Koalition das Gesetz zur Erschwerung des Zugangs zu gewaltsamen Inhalten in Televisionsmedien verabschiedet, so dass künftig keine Gewaltdarstellungen mehr im deutschen Fernsehprogramm…“

„… äußerte sich CSU-Chef Seehofer am Nachmittag zuversichtlich, das neue, komplett gewaltfreie Fernsehprogramm werde auch im Freistaat Bayern bis zur letzten Patrone…“

„… auf richterliche Anordnung unterbrochen. Die Nachrichtensendung hatte Bilder von einem Autobombenattentat gezeigt, die der Katholische Hausfrauenverein als eindeutig gewalttätig und nicht mit dem Gesetz zu vereinbaren…“

„… natürlich auch sublimierte Formen der Gewalt. Schon aus kulturhistorischen Gründen, wie sie die Entstehung des Sports im Kaiserreich in der bürgerlichen Elite zusammengeführt hatte, eignete ein handgreifliches Moment dem Fußball, der…“

„… gab der Chef der Programmkommission zu bedenken, auch die Kriegstoten aus Kandahar müssten nun vom Bildschirm verschwinden – nicht wegen ihrer verrohenden Wirkung, die ja bereits eingetreten sei, sondern vielmehr wegen ihrer demoralisierenden Wirkung auf die…“

„… sich natürlich negativ auf die Umsätze der Werbeindustrie auswirkt. So stand neben der Absetzung der beliebten Brennpunkt-Sendungen vor allem der Kriminalfilm In den Straßen von Mettlach in der Kritik, dessen Handlung sich um ein falsch parkendes Auto am Waldrand drehte, was jedoch…“

„… für die zarten Kinderseele sehr gefährlich, da die kognitiven Fähigkeiten in diesem Alter noch nicht ausreichend entwickelt seien, um die Vorstellungen vollständig zu verarbeiten; besser und pädagogisch wertvoller sei es daher, Gewalt in kindgerechter Form zu präsentieren, beispielweise als Kannibalismus wie in Hänsel und Gretel, als Schneewittchen-Giftmord oder in einer…“

„… monierte der verteidigungspolitische Sprecher, wenn keine Kriegstoten aus Afghanistan mehr gezeigt würden, verharmlose das den Einsatz, denn die Öffentlichkeit könne nur authentischem Bildmaterial als vertrauenswürdig…“

„… sich nach dem Konkurs von ProSiebenSat.1 und der RTL Group endlich ein gehaltvolles und kulturell ansprechendes Medienangebot in den…“

„… viele bisher nie berücksichtigte Formen des Gewaltsamen. Der Anblick drei Monate alter Kätzchen, die in spielerischer Absicht dennoch nicht darauf verzichteten, ihre Artgenossen zu beißen und mit den Krallen zu bedrohen, könnten möglicherweise starke Angstgefühle…“

„… lehnte Bundesinnenminister Friedrich eine Freigabe von Gewalt in TV-Medien als einseitig an den Bürgerrechten orientierten Versuch einer Demokratisierung strikt ab. Wer Gewalt suche, so das Regierungsmitglied, könne im Schützenverein oder in der CSU seine Triebe…“

„… sei Gewalt gerade im Zusammenhang mit Straftaten nicht tolerierbar. Unter dem Deckmantel der Kultur würde vieles verharmlost, so Uhl, man könne jedoch ein Dokument des Scheiterns von Multikulti, das einen feigen Mord zeige sowie zum Suizid animiere, wie dies wohl auch in diesem Internet oder bei Facebook jederzeit passierte, man könne Romeo und Julia nicht einem anständigen deutschen Publikum ohne eine totale Kontrolle des…“

„… teilte das Bundesministerium des Innern auf Anfrage mit, die Experten hätten sich intensiv mit dem chinesischen Fernsehprogramm beschäftigt und seien zu der Auffassung gelangt, dass die Gewaltbereitschaft in der Bevölkerung gesunken sei. Ähnlich gute Ergebnisse seien aus dem Iran und Syrien zu…“

„… müsse man nicht das Fernsehprogramm ändern; von der Leyen schlug vor, hinfort die betreffenden Sendungen einfach mit einem Stoppschild zu überkleben, das man…“

„… zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen, dass die neue Staffel der Actionserie kurzfristig aus dem Programm genommen und durch die Wiederholung von Pittiplatsch und Schnatterinchen ersetzt wurde – die auf dem Alexanderplatz versammelten wütenden Zuschauer verbrannten Fahnen mit dem GEZ-Logo und…“

„… nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine immense Gefahr von Gewalt verherrlichenden Szenen ausgehe: dass bewusst herbeigeführte Sprengstoffexplosionen, das Zerstückeln bei lebendigem Leib mit der Kettensäge oder ein Brandanschlag mit dem Flammenwerfer die Psyche eines Schulkindes unbeeinflusst ließen, nur weil es sich um Zeichentrickfiguren drehe, sei ein historisch nicht bewiesener…“

„… dass das jüdisch-christliche Abendland an seinen kulturellen Traditionen festhalten müsse, die das Festtagsbrauchtum im Kreise der Familie nicht dem Zeitgeist opfern dürfe. Joachim Kardinal Meisner verurteilte die modernistischen Praktiken scharf; der Metropolit der Kölner Kirchenprovinz beklagte, ein Festablauf sei schlechterdings nicht ordnungsgemäß durchführbar ohne wenigstens zwei Teile aus Stirb langsam sowie der…“

„… nicht mit dem nötigen Nachschub an Freiwilligen für die Bundeswehr zu rechnen sei. De Maizière setze sehr auf die realistische Vermittlung des Kampfgeschehens, um die richtige Zielgruppe für die Armee zu…“





Letzte Worte

14 08 2011

für Robert Gernhardt

Bevor ich dann gestorben bin,
nehm ich ein Stück Papier
und schreibe schnell noch etwas hin,
denn noch bin ich ja hier.

Dereinst, vorm letzten Atemzug,
wenn alle kümmernd klagen,
bevor mein letztes Stündlein schlug,
was Kluges noch zu sagen.

Es müsste schrecklich geistreich sein,
den Nachruhm zu verstärken,
auch einprägsam und sprachlich fein,
sonst kann ich mir’s nicht merken.

Und philosophisch, weise gar,
wenngleich ich, gar kein Denker,
zu Lebzeiten nie leise war –
ein Witzwort für den Henker,

ein Aphorismus voll Esprit,
der soll mir endlich glücken,
wie’s mir im ganzen Leben nie
gelang, mich auszudrücken.

Wenn ich dann fast hinüber bin,
die letzten Erdengrüße
ring ich mir flüsternd ab. Hört hin:
„Ach, leckt mir doch die Füße…“





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (LIV)

13 08 2011

Es wurde dem Pepperl in Rauchwart
nach Obstgenuss plötzlich der Bauch hart.
Er ging, von den Beeren
sich rasch zu entleeren –
die Nachbarschaft sich vor dem Strauch schart.

Zafarullah, der schlief in Jhang
und wachte jäh auf von dem Klang
der Mopedfehlzündung.
Wie Feuer der Mündung
ertönt es, und schnell er aufsprang.

Vorm Haus stapelt Franzl in Gols
zerhacktes und feuchtwarmes Holz.
Die Dorfjugend spottet,
das feuchte Holz rottet.
Und trotzdem ist Franzl recht stolz.

Svens Boot, das in Upernavik
schon lange Zeit festsaß im Schlick,
das streicht und lackiert er,
entmüllt, renoviert er,
und hat es verkauft. Guter Trick!

Der Hiasl beim Feuern in Unterwart
macht’s falsch, weil er niemals am Zunder spart.
Mehr Späne, dann stimmt es,
denn Vorsicht, schon glimmt es –
just, als mit den Fingern er drunter fahrt.

Als Arnie in Umingmaktuk
nach Hause kam, es Zwölfe schlug.
Viel Kühnheit beweist er,
verachtet die Geister.
Nur darum allein kam kein Spuk.

Lorenzo jagt in Chiaravalle
die Mäuse mit Speck und mit Falle.
Schon hört man ihn kreischen –
die Zehn zu zerfleischen
verhilft ihm das Ding. Und zwar alle.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXVI): Rechthaber

12 08 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Angesichts einer Evolution, die aus Eroberung und zielgerichteten Bewegungen besteht, kann es keinen Zweifel geben, dass Aggression eine der notwendigen Triebkräfte des Erfolgs ist. Der mit Schwimmhäuten ausgestattete Ovipare betritt das feste Land, indem er den im Tümpel verbliebenen Verwandten eins auf die Flossen und den Raubsäugern voll aufs Maul gibt – hier die ökologische Nische verteidigt, dort Artgenossen zur Stabilisierung des Genpools ausgemöllert, netto also die Arterhaltung bestens angeschoben und der biologischen Vielfalt in die Hände gearbeitet. Einzeller klumpen sich aneinander, der Primat verlässt den Baum, freie Entfaltung bricht sich Bahn. Nur da, wo Aggression ziellos und sinnfrei in die freie Wildbahn gelangt, wirkt das Zerstörerische als eigene Macht, die jeden noch so geringen Schlüsselreiz ausnutzt, um sich blutige Schlachten zu liefern. Alles ist Feind, wenn man doof ist, beispielsweise als anthropomorphe Braunalge mit Kahlschädel und Ich-bin-stolz-dass-meine-Eltern-deutsche-Geschwister-waren-Tattoo oder schlicht als Rechthaber.

Der Rechthaber hat Recht. Punkt. Jede Wand, die gegen seine Bumsbirne nachgibt, ist klüger. Ein Versuch, mit ihm zu diskutieren, ist ungefähr so zielführend wie das Unterfangen, durch Schreien die Alpen einzuebnen. In seiner von Scheuklappen und Holzbesatz vor der Stirn regulierten Wahrnehmung existieren die Wirklichkeit und ihre logischen Implikationen nicht einmal in der Theorie – wiewohl der Rechthaber ein Meister ist, sich jede noch so beknackte Begründung für seinen geistigen Dünnsinn aus Hätte und Wäre, Könnte und Sollte zurechtzuschwiemeln. Die einzige Unschärfe sieht er darin, seine eigene, selbstverständlich aufgeklärte Denkweise als Feind aller Ideologie verteidigen zu müssen, während er gleichzeitig vehement seine hausgemachte Paranoia als widerspruchsfreien Weg zur Wahrheit verkauft. Zeitgleich sonnt er sich im trüben Licht von Autoritäten, so sie irgendwann in anderem Zusammenhang Belanglosigkeiten unter sich gelassen haben, die seine Fehlleistungen zu stützen scheinen, und verteufelt zugleich die Autorität an sich, weil sie ihm qua Definition Unbill zufügen könnte, das nie gesühnt würde. Der Rechthaber sieht in der Durchsetzung dieser Ansprüche sein Seelenheil. Ob er sich in einem Paralleluniversum befindet, dessen Koordinaten schräg zur tatsächlichen Situation verlaufen, ist ihm weniger wichtig. Hauptsache, er kann sich als die verfolgende Unschuld aufspielen.

Der Rechthaber ist, wenn er überhaupt je mehr darstellen sollte als ein Kompetenzimitat, allenfalls ein mäßig geschickter, da hündisch gedrillter Rhetoriker, der sich hinter einer Schmierschicht aus Schopenhauer versteckt. Als eristische Fußhupe jodelt er seine Zirkuskunststückchen in die Manege und kommt sich brillant vor, weil er Dinge tut, die anderen – denen, die derlei nicht nötig hätten – zu tun nie einfielen. Die Rumpelstilzchennummer ist zwar eher für Mehlsackaushilfen passend, doch entspricht sie ebenso dem Niveau des chronisch verbohrten Vollzeitcholerikers. Und wer würde angesichts eines verbalen Grobmotorikers nicht in Deckung gehen, solange die Infektionswege nicht katastrophentauglich eingegrenzt werden können.

Die unangenehmste Form von Trotzkopfs Nachgeburtstraumata in ihrer Auswirkung auf die restliche Gesellschaft ist mit semiprofessionellem Körpereinsatz betriebenes Querulantentum, oft nur die unangenehme Kopfnote mangelnder Verdauung oder selten bis nie erfolgter Fortpflanzung (was für kommende Generationen einen Segen darstellt), im ansteigenden Maß jedoch eine Brechstange im Getriebe des bürgerlichen Funktionsapparats. Der zu jeder Privatklage bereite Prozesshansel, der nicht um sieben Einheiten Birkenlaub ein komplettes Landgericht in Rotationsbewegung versetzt, sondern zur Satisfaktion für die Schmach, in der Universalgeschichte überhaupt erlittenes Unrecht vorgefunden zu haben. Wehe dem Diener Justitias, der die Rechtwinkligkeit des Schnittgerinnes in einer nicht öffentlichen Zuwegung für eine Nachlässigkeit nimmt, statt alttestamentarische Fluch- und Feuerstrafen zu verhängen, dass sich der beißende Gestank verkohlten Fettes gen Himmel fräste – spätestens hier käme ein anderer Honk aus der Deckung gestürmt und trampelte dem Kadi auf den Nervenenden herum, weil die kommunalen Grenzwerte für Feinstaub und Gotteslästerung nicht eingehalten werden. Und schon haben sich die Endgegner gefunden, der professionelle Nörgler und die Gebietskörperschaft, auf deren Sack zu gehen ab sofort sein Existenzzweck sein wird. Um Mülltonnen und Umgehungsstraßen am anderen Ende der Milchstraße sowie vornehmlich um den hinterletzten Mist zankt sich der Kohlhaas, der eine Art institutionellen Amok ausführt, die Selbstjustiz mit Hilfe des Apparates. Nicht immer kommt der Streithahn im eigenen Hader um, viele Exemplare zeigen sich abgehärtet.

Eine positive Auswirkung der Rechthaberei könnte Zivilcourage sein, wo der Betonkopf allenfalls auf der Außenseite hart ist, inwendig aber schützenswerten Verstand mit sich herumträgt. Es ist aber meist nur Hirnplüsch mit Fransen, die als autoaggressiv unterfütterter Teppich eine feste Trittfläche geben für die rigorose bürgerliche Moralität eines in Minderwertigkeitsgefühlen versaufenden Trottels, dessen billige Larmoyanz würdelos um Mitleid wimmert. Man verwechsle das Plumpgerumpel des Emotionsbulimikers nicht mit dem Ordnungs- und Gesetzesfanatismus diverser regredierter Spielarten in der Banlieue des Hominiden, denn das ist sie mitnichten: an Recht oder Gesetz interessiert, geschweige denn an einer Art Ordnung, die den Namen auch verdiente. Der Rechthaber ist nichts davon. Er hat den Gesellschaftsvertrag längst aus purem Egoismus aufgekündigt und segelt auf der Rechtsauffassung eines kitschig aufgehübschten Mittelalters in einen hirnweichen Naturzustand zurück. Dort aber regelt die Schöpfung Ansprüche ohne Berücksichtigung von Schuld und fristgerechtem Widerspruch: eine Art frisst die andere. Mit Recht.