Mir san mir

5 09 2011

„Ja Himmisakrament, wie kann das passieren! Da hat doch jemand dran gedreht – und wir waren es diesmal nicht! Wie soll das denn weitergehen? Bayern ohne Regierung? Das sind doch kriminelle Zustände! Das ist ja Anarchie, und das wäre fast so schlimm wie Kommunismus! Wir können den Freistaat Bayern nicht ohne eine Landesregierung in die Zukunft gehen lassen! Wie? Ja also ohne einen Ministerpräsidenten von der CSU, das ist doch im Ergebnis dasselbe, oder nicht?

Was hatte ich Ihnen gesagt? Was hatte ich Ihnen eingeschärft? Meinungsumfragen werden bis auf Weiteres nur noch in Bierzelten durchgeführt und in der Kirche! Wir können doch hier nicht jeden Hans und Franz fragen, was er gerade so denkt. Am Ende fangen die Leute tatsächlich noch an zu denken – wollen Sie denn Ihren Job in der Staatskanzlei behalten? Dann lassen Sie diese Leute nicht einfach in der Gegend herumforschen. Und die Presse wird mir hier besser überwacht, klar? Wir können es uns nicht erlauben, dass Ergebnisse vor dem Wahltag veröffentlicht werden! Kruzitürken, wir sind doch hier nicht in der DDR! Man muss doch mal genau analysieren, was die einzelnen Zielgruppen sagen: Frauen, junge Leute mit guter Bildung, eventuell auch die urbane Bevölkerung, die technikaffin ist und weltoffen, die toleranten, zukunftsorientierten Städter. Die müssen wir noch genauer, viel passgenauer am Menschen ignorieren können.

Rot-Grün in Bayern – das ist doch, als würden homosexuelle Satanisten den Vatikan in einen volkseigenen Betrieb umwandeln! Das muss man doch verhindern können! Aber das Schlimmste ist doch, dass die letzten Umfragen, die das Ende der Alleinherrschaft vorhergesagt hatten, nicht nur stimmten, sondern auch in dem Schlamassel mit der FDP geendet sind. Mir san mir – soll denn Bayern am Ende genau so werden wie Deutschland? Das kann doch keiner wollen! Wir sind gegen den Anschluss, merken Sie sich das! Hier werden keine Verbrüderungsaktionen mit dem grassierenden Zeitgeist gestartet! Solange Bayern gegenüber der Restrepublik nicht absolut autonom auftritt, gibt es keine Gleichmacherei. Das werden wir verhindern. Bis zur letzten Patrone.

Dass die FDP so abschmiert, das kommt ja nicht unvorhergesehen. Das würde ich als eine große Leistung des Parteivorsitzenden sehen, der durch seine Medienpräsenz in der Bundeshauptstadt für nachhaltige Irritationen gesorgt und die Deutschen darauf aufmerksam gemacht hat, was er sich da einhandelt, wenn er – Sie, ich rede hier nicht vom Herrn Seehofer, hören Sie mir überhaupt zu? Es ist auch nicht das Problem, dass wir 41 Prozent haben. Es ist das Problem, dass die Sozialdemokraten hier über die 20-Prozent-Hürde kommen. Das kann doch nicht angehen! In unserem Bayernland sollten derartige Splitterparteien gar nicht erst eine Chance bekommen!

Sie sind der kommunistischen Hetzpropaganda aufgesessen. Die Wirtschaft im Freistaat Bayern ist mitnichten ein fester Bestandteil der CSU. Das Gegenteil ist richtig. Wir sind näher am Menschen. Also quasi immer vor Ort, nicht wahr, mit anderen Worten: wir haben überall unsere Finger drin. Das müsste man dem Wähler doch als Kernkompetenz vermitteln können, oder nicht? In den anderen Bundesländern müssen Sie für einen ordentlichen Auftrag erst eine Ausschreibung abwarten, dann müssen Sie auch noch gut sein, oder wenigstens müssen Sie das liefern können, worum es in dem Auftrag überhaupt geht – von Hessen wollen wir jetzt mal nicht reden, das lenkt vom eigentlichen Problem wieder nur ab – und dann muss auch noch Geld da sein. So wird doch aus Bayern nie etwas.

Wir müssten es propagandatechnisch irgendwie hinkriegen, dass wir besser abschneiden als die CDU in Baden-Württemberg. Die waren aber auch etwas ungeschickt, oder? Ich meine, das muss doch rhetorisch irgendwie funktionieren: fünfzig Jahre lang so gut wie im Alleingang regieren und dann sämtliche Fehlentwicklungen der Opposition in die Schuhe schieben? Könnte man nicht in Schweinfurt irgendwas tieferlegen? Gibt’s da einen Busbahnhof?

Wenn wir mit der Presse nichts erreichen, meinen Sie denn, dass man da vielleicht mit Freibier weiterkommt? Der Bayer als solcher ist ja größtenteils für gröbere Reize sehr empfänglich. Diese rationalen Versuche, sich mit dem Wähler auseinanderzusetzen, das ist doch Sozialismus. Das machen wir nicht. Keinesfalls. Söder? Wir könnten den Mann in die Asse schicken, und dann erzählt er den Reportern, warum wir schon immer strikt gegen diese Atomkraftwerke waren, auch als wir noch neue haben bauen wollten. Das muss man doch dialektisch irgendwie hinkriegen? Und der Dobrindt soll uns einen Transrapid bauen, wo man in den Flughafen einsteigt und dann näher an München ist als am Hauptbahnhof! Mit einem Raucherabteil, ich meine, dann kann man zwischen dem Nichtraucherzug und dem Nichtraucherflieger, der ja dann im Grunde genommen näher an Bayern an die bayerischen Städte heranwächst, weil das ja klar, oder? Herrschaftszeiten, da muss doch was zu machen sein! Können wir nicht Autobomben – nein, nicht schon wieder auf dem Oktoberfest. Das wäre logistisch zu kompliziert.

Ja, das wäre eine Lösung. Das ist gut. Sie haben Recht. Sagen Sie das dem Seehofer. Und sagen Sie ihm, er sollte den Wechsel rechtzeitig vorbereiten. Der Herr von und zu Guttenberg möchte sich vor dem Wahlkampf sicher ein paar Tage in seinem neuen Amt umsehen. Damit nehmen wir München. Und dann Berlin.“