Teilzeit

7 09 2011

„Sie ahnen ja nicht, was das an Überwindung kostet – die sind alle schon ganz erschöpft. Jetzt werden es bald zwei Jahre, dass diese Koalition an der Macht ist, und es ist noch nicht vorbei, im Gegenteil, es geht immer weiter. Kein Ende abzusehen. Die werden einfach nicht fertig. Die kommen nicht weg. Und was das Schlimmste ist, die können auch nicht einfach so aufhören. Die bleiben.

Nein, Sie ahnen das ja nicht, was das jeden Tag an Überwindung kostet. Der Herr Westerwelle zum Beispiel, den hat’s ja ganz schwer getroffen. Der kann machen, was er will – der bleibt im Amt. Gleich zu Anfang haben ihm die Berater gesagt, Herr Westerwelle, haben die gesagt, schieben Sie einer Branche mal so richtig Lobbykohle rein. Sie, der Mann wollte das nicht! Der hatte Skrupel! Den mussten wir zu den Hoteliers hintragen, der wäre ja fast aus dem Dienstwagen getürmt. Kam aber noch viel schlimmer. Vor seiner Südamerika-Reise hatte er noch verschämt gefragt, ob er etwa ein paar Souvenirs in der Regierungsmaschine mit nach Hause nehmen dürfe – alles auf eigene Kosten! Er hat ja sogar gefragt, ob er nicht Spritgeld zahlen solle, anteilig fürs Kerosin, wenn er mit Teppichen und Essgeschirr zurückkommt. So einer ist das, der Herr Westerwelle. Einen Tobsuchtsanfall hat er bekommen, das können Sie sich nicht vorstellen! Nur, weil ihm die Berater diesen Boersch und ein paar Damen mitgegeben haben, von denen die eine gar nicht wusste, ob sie Galeristin oder Pianistin sein soll. Getobt hat der, mein lieber Mann!

Aber nichts. Die üblichen Rücktrittsforderungen aus der Opposition, aber haben Sie gehört, dass da einer die Regierung in Frage gestellt hat? Diese Politikberater waren entsetzt. Wir haben die sofort ins Kanzleramt zitiert, da kennen wir ja nichts, und wir haben auch schnell gehandelt. Herr Westerwelle hat sofort geliefert: spätrömische Dekadenz. Dabei hatte er noch am Vorabend den Vorschlag reingereicht, ob nicht ‚Auch für Erwerbslose besteht kein Anlass, sich demotiviert zu fühlen‘ dafür völlig ausreichen wurde. Aber da kennen Sie die Frau Merkel schlecht, die hat zu ihm gesagt: ‚Anstrengungsloser Wohlstand, oder gar nichts!‘ Und da musste er eben in den sauren Apfel beißen.

Oder Herr de Maizière. Also was der vom Stapel gelassen hat, das war ja goldig! Guter Mann, vor allem als Innenminister. Über Hacker und den Personalausweis und die Nacktscanner, das war ein Genuss. Was der auch von sich gab, man wusste sofort, er hat keine Ahnung. Ein begnadeter Kritikfänger für die ganze Regierung. Und wie wir dann zu Guttenberg loswurden – das war ein Geniestreich, das lief wie am Schnürchen, er hat da am Timing selbst mitgefeilt, wir haben das auf den Tag genau geplant – haben wir dann den nächsten Spezialisten ins Team genommen. Echt, es lief gut.

Und dann das. Sparpaket, Hartz-IV-Regelsätze, diverse Landtagswahlen, ich sage nur: Stuttgart 21, und die Regierung ist immer noch im Amt. Haben Sie eigentlich eine Vorstellung, wie deprimierend das ist? Die können ja machen, was sie wollen, und es bleibt nichts hängen. Das muss dies Teflon sein, was die damals über Frau Merkel erzählt haben, da klebt nichts, da können Sie sich auf den Kopf stellen. Laufzeitverlängerung? Sicher. Atom weg? Logisch. Die Kanzlerin kann wirklich alles tun und vor allem lassen, die wird einfach nicht vor die Tür gesetzt, das ist doch nicht mehr normal?

Denn das färbt langsam ab. Das mit Libyen, da kann man ja diskutieren, ob Herr Westerwelle nicht mal richtig gelegen hat, aber er hat wenigstens die Notbremse gezogen. Einmal kurz mit den Beratern telefoniert, die haben gesagt, er sollte am besten gleich außenpolitischen Flurschaden anrichten, und ansonsten wieder irgendeinen egozentrischen Müll raushauen. Wunderbar, fanden Sie nicht auch? Ich war ja begeistert. Und dann das: die Amerikaner haben ihn dafür auch noch gelobt. Sie, der Mann war am Boden zerstört. Das war nicht nett.

Weil das eben das Teilzeit-Modell ist, verstehen Sie? Die haben sich ja am Anfang der Legislatur schon gesagt, zwei Jahre würden reichen. Vielleicht auch nur anderthalb. Oder eins. Oder bis zum ersten Neustart. Und dann mit den aktuellen Bezügen ab in Frühpension. Alles ganz easy angehen lassen. Und nicht zu viel Stress. Und mit etwas Glück kann man dann noch den einen oder anderen Job in der Wirtschaft abgreifen, wo man nicht viel tun muss und trotzdem Geld kassiert, Aufsichtsrat oder Vorstand oder so etwas, und dann kann man den ganzen Krempel der nächsten rot-grünen Truppe einfach vor die Füße kippen.

Bis jetzt hat’s auch mit der Work-Life-Balance ganz klasse geklappt. Die Opposition hat gearbeitet und der Regierung alle Ergebnisse präsentiert – und das war wirklich hoch professionell bisher, muss man ja sagen. Das Krisenmanagement, das steht wie eine Eins. Und wenn Sie die Energiepolitik anschauen, da haben die ganze Arbeit geleistet. Enorm gut. Die Kanzlerin hat immer nur etwas gewartet, bis sie wirklich irgendwas tun musste, und ansonsten hat sie ganz einfach nichts gemacht. Alles ganz ausgeglichen.

Und die haben auch alle an einem Strang gezogen, weil sie unbedingt fertig werden wollen. Die CSU hat Aigner und Ramsauer geschickt, damit hätten die in Bayern als Landesregierung kein ganzes Quartal überlebt. Die FDP hat ihrer Krabbelgruppe die Rente mit 37 versprochen, Bahr und Lindner haben zugesagt, wenn sie danach auf Kosten der Partei einen Schulabschluss nachholen dürfen. Es klang so perfekt. Es war so wunderbar. Und das soll jetzt alles gewesen sein?

Aber die Abstimmung um den größeren Euro-Rettungsschirm gibt uns jetzt natürlich wieder ein bisschen mehr Aufwind. Zwölfmal Nein und sieben Enthaltungen, das sieht nach einem sehr souveränen Zieleinlauf aus. Mit voller Kraft durch die Krise in den Koalitionsbruch, und schon ist die Regierung komplett am Boden zerstört. Drücken Sie uns die Daumen. Diesmal muss die Kanzlerin auf die Schnauze fliegen. Hoffentlich.“


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