Mit Ihrem guten Namen

13 09 2011

„Danke für Ihren Einkauf“, sagte der Verkäufer, „beehren Sie uns bald wieder. Wenn ich dann noch um Ihren Namen bitten dürfte?“ Ich war irritiert. War ich versehentlich in eine Apotheke geraten? Oder kaufte ich gerade Kunstdünger? Er lächelte etwas bemüht. „Vermutlich waren Sie während der letzten zwei Wochen außer Landes, ansonsten hätten Sie sicher etwas von der Verabschiedung des neuen Bundesidentifikationssicherstellungsgesetzes gewusst.“ Ich zog eine Augenbraue hoch. „Danke, aber ich brauche das nicht. Jedenfalls nicht für ein halbes Pfund Magerquark.“

„Tut mir Leid“, ließ sich Anne vernehmen, „das ist ordnungsgemäß so verabschiedet worden, weil der Bundestag nicht genau wusste, worum es ging. 2013 und 2017 und 2021 wird es die Regierung verlängern, dann ist die Nachfolgeorganisation der CDU wieder am Ruder und wird alles abschaffen.“ Eine großartige Perspektive. Aber wie sollte ich unter diesen Umständen einkaufen gehen. „Die Sache ist ganz einfach“, ließ mich Frau Bethke vom Gemüsefachhandel wissen, „Sie sagen mir, wer Sie sind, und dann kriegen Sie Ihren Kohlrabi.“ „Liebe Tante Miele“, entgegnete ich sanft, „Du kennst mich, seitdem ich als Dreijähriger Bananen aß, und jetzt soll ich mich für ein bisschen Grünzeug ausweisen? Kommt nicht in die Tüte!“ „Was soll ich denn machen“, jammerte sie, „der Innenminister will es unbedingt, um den Terrorismus an der Ladenkasse auszuschließen, und der Einzelhandel braucht auch wieder einen Grund, um über den Umsatzrückgang zu jammern.“ Die Türglocke schellte melodisch; Jonas hatte den Laden betreten. Er schob die Sonnenbrille in die Stirn, klopfte mir zur Begrüßung kurz auf die Schulter und entfaltete einen Zettel. „Mein Name ist Lohse, ich kaufe hier ein. Zwei Kilo Kartoffeln, ein Pfund Bohnen und ein Bund Suppengrün.“ Die Bethke drehte sich eilfertig um. „Sofort, Herr Lohse, geht gleich los!“ „Seit wann heißt Du…“ „Bleib mal locker“; grinste er. „Man muss bloß die richtigen Leute kennen, dann läuft das ganz geschmeidig. Jetzt sag bloß, Du lässt Dich verrückt machen? Bezahl einfach mit Deinem guten Namen!“

Das Elektrokaufhaus war durchschnittlich gefüllt. „Lass mich machen“, beruhigte mich Jonas, „das kriege ich schon hin.“ „Sie haben sich für einen Stabmixer entschieden“, knickste der junge Ladenhüter, „sehr gute Wahl, ich habe denselben. Das Modell hat eine stufenlose…“ „Eigentlich hatte ich ein Gerät mir Standfuß gewollt“, unterbrach ich. „Sehr gute Wahl“, schwafelt er drauflos, „ich habe dasselbe. Sie werden mit der stufenlosen…“ Jonas deutete auf eine Küchenmaschine. „Was kann die?“ Der Nachwuchsverkäufer ließ in Sekundenschnelle den Quirl sinken. „Das ist eine ganz ausgezeichnet exzellente Spitzenwahl – komplett stufenlos, ich habe denselben.“ Jonas grunzte befriedigt. „Sehr gut, das Teil nehmen wir. Lohse ist mein Name, und Sie liefern das Ding bitte an Herrn Doktor…“ „Moment“, warf der Händler dazwischen, „Moment – ich muss eben dem Filialleiter Bescheid geben, dass der eingetragene Name und die Lieferadresse nicht übereinstimmen.“

„Das hat natürlich gar nichts zu bedeuten“, beruhigte uns der Geschäftsführer. „Wir sammeln die Namen nur auf Vorrat, aber sie werden nur dann gespeichert, wenn es im Zusammenhang mit einer Straftat stehen sollte.“ Jonas bohrte nach. „Sie wissen also bei einem halben Pfund Magerquark schon heute, ob es für eine strafbare Handlung benutzt wird?“ „Wenn es hinterher nicht verdächtig aussieht, wird es gelöscht. Also wenigstens hat man es uns so gesagt.“ Der Leiter war verwirrt. Jonas lächelte. „Das ist doch schon mal etwas. Und da wir noch keine Fingerabdrücke für eine Tüte Mehl hinterlassen müssen, sollten wir diese Lage schleunigst ausnutzen. Was meinst Du?“

„Wer von den beiden Herren ist nun Herr Umpikalele?“ „Ich“, verkündete Jonas. „Wir sind nämlich Zwillinge.“ „Ich auch“, fügte ich hinzu. Die Kurzwarenverkäuferin war nachhaltig verstört. „Haben Sie irgendeine Identitätskarte? Sie müssen sich doch identifizieren können.“ „Können wir.“ Jonas sah mich an, ich sah Jonas an. „Sehen Sie, ich kann mich identifizieren, er mich auch. Und jetzt machen Sie nicht so ein Theater um etwas Nähgarn. Das würde Ihrem Chef sicher gar nicht gefallen.“ „Sie müssen hier die Namen eintragen“, schluchzte sie hysterisch. „Offenbar hat die Regelung bereits entsprechende Veränderungen getätigt“, murmelte Jonas und kritzelte auf dem Formular herum. „Ob man uns nicht gleich in den anderen Abteilungen anmelden könnte“, mutmaßte ich, doch die Verkäuferin schüttelte entschieden den Kopf. „Das verstieße selbstredend gegen den Datenschutz.“ „Jetzt lass mich mal machen“, schmunzelte ich.

„Sie bezahlen mit Ihrem guten Namen“, informierte mich die Verkäuferin und zog meine Kreditkarte durch den Schlitz. „Popelheim“, sprach ich, „Eduard Popelheim.“ Alles anstandslos. „Wir haben noch eine ganze Menge vor uns“, ermutigte ich Jonas, „brauchst Du vielleicht irgendwas?“

Und schon befanden wir uns auf einer Rallye durch alle Abteilungen des Kaufhauses. Ich erstand eine Waschmaschine (Lohse) und ein Pfund Kaffee (Popelheim), einen Rasenmäher nebst Blumenregal (Pirckheimer), einen Herrenanzug (Sabine Blöhm) mit zweiter Hose (Aristoteles) und passenden Socken (Wallenstein), eine Verlängerungsschnur (Zhang Ying) inklusive 25-Watt-Glühbirnen (Guido Westerwelle), von denen eine (Rösler) auf der Rolltreppe (Niebel) leider zu Boden fiel (Pofalla). „Das war genug für heute“, beschloss ich. Jonas stimmte mir zu und schlug den Weg Richtung Ausgang ein, doch wir wurden aufgehalten; ein gebeugter Herr im verwaschenen Trenchcoat, der von zwei Sicherheitsleuten aus dem Warenhaus geführt wurde und dabei unablässig brabbelte: „Mein Name ist Lohse, ich kaufe hier ein!“ Jonas sah ihm tief befriedigt nach. „Das mag ich so gerne an diesem Land – dass man einander noch vertrauen kann.“