Einsatz unter vier Prozent

14 09 2011

„Meine Güte, wie sieht das denn hier aus! Kinder, jetzt nehmt doch mal den ganzen Müll da weg, das geht doch nicht, und was sollen eigentlich diese Fähnchen da, ist ja fürchterlich, und was liegt da bloß für ein braunes Zeugs herum? Ach so, Filz. Hätte ich mir ja denken können, hier bei der FDP.

Was soll das denn da sein? Sie haben hier einen Whirlpool in eine Etagenwohnung gestellt? Ach so, es ist das Arbeitszimmer. Und das sehen Sie jetzt als Problem. Ja, kann ich mir denken. Wenn ich zu einem großen politischen Verein käme und da wäre ein Whirlpool im Großraumbüro direkt gegenüber des Guido-Westerwelle-Altars, dann würde ich mich auch fragen, was das soll. Dafür hatte ich mir auch etwas ausgedacht – wir werden für ein gutes Teamwork einen runden Schreibtisch aufbauen mit einer modernen und total flexiblen – wollen Sie nicht? Was dann? Wir können doch hier unterhalb der Tischplatte auch die Kabel entlangführen, und die Sitzmöbel sind alle total ergonomisch und rückenschonend und aus skandinavischem Bast geklöppelt, und das passt dann farblich total toll zu den… Der Whirlpool ist Ihnen nicht mehr groß genug? Klar, kann ich verstehen.

Sicher, ich würde mich auch beschweren. Aber klar. Schauen Sie mal, das hier ist nicht Ihr Haus, Sie sind hier nur Mieter, ja? Das ist egal, ob Sie die wichtigsten Mieter in der ganzen Straße sind – Sie sind Mieter. Das hier gehört Ihnen nicht. Nein, auch nicht, wenn Sie die Fenster von innen zuhängen. Und damit wären wir beim nächsten Punkt. Die anderen Anwohner beschweren sich über den Lärm. Es gibt zwei Möglichkeiten. Die eine wäre, dass Sie sich vielleicht mal etwas am Riemen reißen, nicht ständig herumschreien, man muss ja auch nicht den ganzen Tag lang am Küchenfenster stehen und wie am Spieß schreien, und wenn Sie auch nicht jeden Tag dieses bräsige Stühlerücken auf dem Boden – gut, dann kleben wir eben alles mit Eierkartons aus.

Und das hier ist wohl nicht Ihr Ernst? Da ist wohl seit dem Einzug keiner mehr drin gewesen? Sie hatten das bereits mit Spinnweben gemietet? Und dass der Boden klebt, ist anscheinend auch normal? Rösler, haben Sie hier die Löcher in die Wände geschlagen? Nee, glaube ich Ihnen. Sie und auf den Putz hauen – lächerlich. Und was soll das hier darstellen, wenn ich fragen darf? Türschild? Ach so, an der Innenseite. Sozialraum? Darauf hätte ich aber auch kommen können.

Und an Wärmedämmung haben Sie gar kein Interesse? Ich meine nur, dass Sie hier alle nicht ganz dicht sind, merkt man ja nun deutlich, und bei der Heißluft, die hier produziert wird – nicht? Man könnte bares Geld sparen, wissen Sie, und bei der Gelegenheit gleich noch etwas Gutes tun. Auch für die Klimaschutzziele, Ihre Kanzlerin wäre sicher begeistert. Wirklich nicht? Und warum nicht? Dabei wäre für Sie doch alles noch bequemer als sonst. Gut, dann lassen wir’s. Aber mal im Ernst, warum wollen Sie nicht? Weil Sie nicht gerne jemandem etwas Gutes tun, wenn es sich für Sie nicht sofort auszahlt? Ach, richtig. Sie sind ja schon total isoliert.

Nein, ich habe nichts gegen Feng Shui. Absolut nicht. Muss ja schließlich jeder selbst wissen, an welchen Hokuspokus er glaubt. Und wenn Sie meinen, wir sollten das hier am Parteiprogramm ausrichten, bitte. Machen wir alles. Aber wollen Sie sich nicht lieber ein Schlafzimmer einrichten? Ein hübsches Wolkenkuckucksheim zum Relaxen? Wo die Märkte sich selbstständig regulieren und die Arbeitslosen für dreißig Cent pro Stunde Schnee schippen? So ein richtig toller Westerwellness-Raum mit allen Schikanen gegen den normalen Bundesbürger? Na? Hatte ich mir gedacht, dass Sie das gut finden. Ist durchaus möglich, wir müssen nur ein paar technische Vorkehrungen treffen: der Raum muss hermetisch abgeriegelt werden, da darf kein bisschen Außenwelt rein, sonst funktioniert es nicht.

Wollen Sie nicht mal ein bisschen umbauen? Schauen Sie mal, wir haben hier so hübsche Sachen aus dem Haider-Katalog. Gucken Sie sich bloß mal diese entzückende Sitzlandschaft an. Genau wie im Europäischen Parlament, da möchte man am liebsten gar nicht mehr aufstehen. Hier haben wir das auch modular, das ist mit beweglicher Lehne – da können Sie dann in jede Richtung kippen, ganz wie im richtigen Leben – und dann hier der Dauerkomfortsitz Silvana. Einmal reinsetzen, nie wieder aufstehen. Haben wir auch mit integriertem Klo, das ist das Modell Chatzimarkakis. Den kriegen Sie garantiert nie wieder vom Arsch.

Schrankwand mit Barfach, das wird Brüderle freuen, hier hätten wir Platz für den Müllschlucker, wenn sich Ihr Laden zwischendurch mal in seine Bestandteile zerlegen sollte, und das hier? Alles nach rechts? Gute Idee. Und hier hätten wir auch Platz für einen Sportbereich – alles gefliest, die Fußbodenheizung ist ideal für Wahlabende, wenn Sie alle kalte Füße kriegen, und schön glatt. Da können Sie wunderbar Kriechen üben. Oder trainieren Sie Ihren Aufschlag. Tennis? Ich dachte mehr so an Fallschirmspringen.

Gut, dann also einmal das Komplettprogramm: renovieren, bis alles wieder aussieht wie vorher. Wir frischen die Flecken auf der Tapete auf, frischer Holzwurm für die Möbel, die Wasserhähne kriegen eine Kalkschicht aus der Sprühdose, die Klingel wird abgeklemmt, und dann brechen wir den Schlüssel im Schloss ab. Von außen. Und Sie werden sehen, dann sind alle zufrieden. Nicht nur vier Prozent.“


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