Abgeschossen

19 09 2011

„Und jetzt ist hier gefälligst Ruhe im Karton!“ Die Stahltür fiel krachend ins Schloss. Luchterheim rückte die Krawatte gerade und schielte auf seine Schuhspitzen. „Hier herrscht Ordnung“, erklärte er. „Hier vermitteln wir den Insassen die Werte, die unsere Gesellschaft ausmachen.“ Das Glockenspiel vom Hauptturm bimmelte herüber; es spielte Üb immer Treu und Redlichkeit. Ja, dies war der rechte Aufbewahrungsort.

„Der Warnschussarrest ist nicht unumstritten“, erklärte Direktor Hanfstängel. „Andererseits ist unsere Justiz auch keine Kuschelecke. Da muss so mancher auf die harte Tour lernen, was Phase ist. Und wenn Sie mich persönlich fragen, ich bin der Meinung, dass klare Kante den Heranwachsenden mehr hilft als dieses geheuchelte Verständnis, das alles nur noch schlimmer macht.“ Der nüchterne Gefängnisbau war peinlich sauber; Lautsprecher und Videokameras hatte man unauffällig in die Wände eingelassen, nichts lenkte das Auge ab. Eine triste Verwahranstalt, in der man die Delinquenten nur wegsperrte – durchaus effektiv, aber in welcher Hinsicht? „Wir haben noch keinen aufgefressen“, schmunzelte Hanfstängel. „Und so eine kleine Kurskorrektur, die kommt ja nicht umsonst. Wer einsitzt, weiß in der Regel ziemlich genau, warum er sich hier befindet.“ Unten schnarrte ein Signal. Das Rolltor rumpelte los und öffnete sich. Durch den schmalen Spalt traten zunächst drei Wachleute. Ich traute meinen Augen nicht. „Der Vizekanzler? Was macht der in Ihrem Gefängnis?“ „Herr Rösler ist öfters anwesend“, informierte mich der Leiter, „immerhin ist diese Anstalt für Politiker gedacht.“

Umständlich entfaltete Hanfstängel den Plan. „Hier sind keine Schulungsräume, dort ein nicht benutztes Krankenhaus, und im Westflügel haben wir auf die Sozialräume verzichtet – wird ja doch nie nachgefragt.“ „Gut und schön“, wandte ich ein, „aber wozu soll denn nun eine Haftstrafe für Politiker gut sein?“ Er runzelte die Stirn. „Verwechseln Sie das nicht! Der Warnschussarrest ist nicht einfach eine Form des Freiheitsentzugs, sondern ein durchaus differenziertes Mittel. Er ist mehr als eine zur Bewährung ausgesetzte Strafe, aber milder als eine tatsächliche Verurteilung.“ Die Wachmänner führten den Liberalen den Gang entlang. Er kannte die Prozedur bereits und ließ sich in die gewohnte Zelle bringen. „Das gibt dann auch ein bisschen mehr Vertrauen in die Justiz“, erläuterte Hanfstängel.

Wie ich der Belegungstafel entnahm, saßen auch Bahr und Lindner in diesem Flügel ein. „Wir sind gegen Isolationshaft“, bekannte der Direktor. „Das ist eine antiquierte Methode, die nur bei den ganz schweren Jungs manchmal etwas bringt. Ein paar Mal haben wir es ausprobiert an Mißfelder oder Dobrindt, wenn die mal eine Nacht da waren. Meist wegen groben Unfugs.“ „Und Sie meinen nicht, dass es noch andere Mittel gibt?“ Er wiegte den Kopf. „Das ist eine Ermessensfrage. Weisungen, das können Sie vergessen. Ein FDP-Vorsitzender lässt sich nicht beeindrucken, schon gar nicht von der Wirklichkeit.“ „Arbeitsauflagen?“ Er grinste schief. „Guter Witz, mein Lieber. Aber haben Sie einen Typen von dieser Spaßmacherpartei jemals arbeiten sehen? Na? Und Täter-Opfer-Ausgleich ist dann erst für die Bundestagswahl vorgesehen.“

Die Handakten sprachen ihre eigene Sprache. Dutzende Male waren die Insassen nun schon hier gewesen, offensichtlich ohne jede Besserung. „Man kann das natürlich auch nicht sofort erwarten“, verteidigte sich Hanfstängel. Ich lächelte. „Deshalb haben Sie sich auch gegen durchgreifende Mittel entschieden, da die sonst – durchgreifen würden?“ Er sah mich verärgert an. „Bedenken Sie, dass wir es hier immer noch mit Heranwachsenden zu tun haben. Wir arbeiten hier nur nach Jugendstrafrecht. Oder glauben Sie, dass man diese Rasselbande als Erwachsene behandeln sollte?“ Er schlug die Deckel auf. „Hier, Lindner: erst plappert er herum, dass der Staat gegenüber den Finanzmärkten versagt hat…“ „Der Staat, der die maroden Banken vor dem Ruin gerettet hat?“ „… und jetzt fordert er, der Staat soll aus der Abhängigkeit von den Finanzmärkten befreit werden. Ist so einer in Ihren Augen etwa schon erwachsen?“ Ich machte eine beschwichtigende Geste, doch er hörte mir nicht zu. „Und hier, Rösler: fordert eine geordnete Insolvenz, als sei ein Staat eine Klobürstenfabrik, und dann verkündet er, dass ihn das staatliche Geldmonopol stört?“ „Wir sollten es seiner Meinung nach wohl besser privatisieren“, schmunzelte ich. Hanfstängel ballte die Faust. „Das ist doch nicht Ihr Ernst“, knurrte er, „so einen kann man nicht auf die Gesellschaft loslassen!“ Ich legte „Sie machen einen Denkfehler. Es liegt an der Sozialisation. Ist Ihnen eigentlich schon einmal aufgefallen, dass die Liberalen nach wie vor den Staat verteufeln?“ „Ja, aber…“ „Und ist Ihnen schon einmal aufgefallen“, fuhr ich ungerührt fort, „dass die FDP als Partei in Regierungsverantwortung längt den Staat vertritt? dass sie das, was sie anprangern, eigentlich längst selbst hätten ändern müssen? Und dass sie – wir wollen das nicht ausschließen – von einigen sogar deshalb gewählt worden waren?“ „Ja, aber…“ „Ist Ihnen eigentlich bewusst, dass sich die Liberalen vor dem Staat verstecken? In Ihrer Anstalt?“

Das Rolltor schepperte. „Niebel“, zischte der Direktor, „ausgerechnet – schon wieder so eine Belästigung der Öffentlichkeit! Aber jetzt werden wir andere Saiten aufziehen.“ Hanfstängel lief den Korridor entlang; drohend schüttelte er die Fäuste. „Jetzt werden wir andere Saiten aufziehen!“