Gernulf Olzheimer kommentiert (CXXI): Karrierepaare

23 09 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Non est bonum, bestätigt die seinerzeit von Genderstereotypen weitgehend freie und ebenso mit den Segnungen politischer Korrektheit versehene Gebrauchsanleitung der Dunkeldenker, esse hominem solum; unter Abzug des generischen Maskulinum darf auch die aufgeklärte Gesellschaft ihr Süppchen darauf kochen und dem Trieb die Schuld geben, dass sich die natürliche Ordnung des Herdenwesens nie verändert hat. Noch immer glaubt der Häuptling, dass seine Lebensplanung in Ordnung sei, wenn er sich der tumben Tradition ergäbe. Nichts davon ist wahr, und Karrierepaare machen es nicht wahrer.

Hinter jedem erfolgreichen Primaten, bewaffnet mit Keule, Speer oder Hedgefonds, stand früher ein erfolgreiches Mütterchen, stark der Außenwirkung verpflichtet, meist jedoch auf die Kernkompetenzen des Arbeitsalltags in der Mehrpersonenhöhle beschränkt. Während Männe Weltreiche eroberte, schrubbte sein Weib die Wäsche und erfand die Kulturtechniken. Während sie als Pharmakologin, Pädagogin oder Priesterin die Bildungsteilhabe der Herde sicherte, befasste er sich mit Kugelgrills, Faustfeuerwaffen und Alkoholika, aus Gründen der Bequemlichkeit zum Patriarchat zusammengefasst und von der Sportschau bis zum Thing gut vermarktet. Aber was bringt das schon, wenn spätestens mit Erfindung des Verbrennungsmotors die Freuden der Pflicht wieder brüllend sich in den Vordergrund drängen?

Fortan wuchs mäßige Stärke zu mäßiger Verantwortung, das vermeintliche Alphamännlein wählte sich ein knapp unter der sozialen Sollbruchstelle dümpelndes Frauchen – Kronprinz zu Kuhmagd, Klärwerksgehilfe zu Kanzlette – und demonstrierte seinen Status um so penetranter. Die bürgerliche Gesellschaft wuchs schmerzfrei heran, derlei Unterschiede gehörten dazu wie Eierlikör im Leitzordner. Doch die Essenz des Karrieredenkens in der kapitalistischen Leistungsklassengesellschaft hielt sich nicht lange mit der Theorie auf.

Inzwischen pfeift die Krankenschwester auf den austauschbaren Facharzt, die Staatsanwältin will mindestens einen Amtsrichter, der promovierte Physiker (Dissertation trotz langjähriger Vaterschaft eigenhändig verfasst) braucht zur Absicherung eine Versicherungsangestellte: die Verhältnisse, sie sind nicht so einfach, und der Männerglaube ist am natürlichen Ende angelangt. Man trifft sich auf Augenhöhe. Und wer da wem in die Augen schaut, ist Verhandlungssache.

Schwierig wird es, wo der Hominide nichts mehr ohne fremde Hilfe hingeschwiemelt kriegt. Denn an der traditionellen Aufgabenteilung hat sich noch nichts geändert. Nach einem aufreibenden Arbeitstag kommt das Männchen in die eheliche Behausung zurück und stellt fest, dass die Socken noch nicht gewaschen wurden. Alternativ (in diesem Setting geht eins der Gehälter dafür drauf, dass sich keiner von beiden um den Haushalt kümmern muss, so dass beide arbeiten können) hat die Perle den Waschvollautomaten falsch bedient und sorgt für hübschen Gesprächsstoff, der bei einer Flasche guten Rotweins endet, entweder in Gewalt gegen Schädelknochen oder in einer zünftigen Zirrhose, beides ein permanenter Rettungsschirm für die Gefahren, die man bei vernünftiger Sozialisation nicht hätte.

Denn die Sozialisation ist der Knackpunkt; das, was die übliche Partnerschaft ausmacht, die Stresstoleranz gegenüber plärrenden Kindern, Hypothekenzins fürs Eigenheim und nervenden Nachbarn, reicht im Zweifel weder für eine Ehe, geschweige denn zur Replikation als Wiedervorlage im Genpool, und soll doch das idealisierte Bild einer Partnerschaft rechtfertigen, wo nur heiße Luft vorhanden ist. Fröhlich, dann gestresst, schließlich in stetigem Adrenalinbungee lebt das Paar vor sich hin und aneinander vorbei – der eine pfropft sich ein Managementseminar nach dem anderen in die Birne, die andere Hälfte der schlagenden Verbindung dümpelt zwischen Reiki und Bürgerinitiative, um endlich die lebenstypischen Symptome zu spüren. Die Krise lebt! Hätte der Anderthalbchromosomer alsbald gerafft, dass eine intellektuell ebenbürtige Partnerin ihn nicht generell abwertet, hätte die Frau gemerkt, dass sie ihre Jagd nach dem goldenen Kalb nicht im Imitationsmodus männlicher Verhaltensweisen betreiben muss, sie wären halbwegs glücklich, denn die postmodernen Doppelverdiener besäßen mehr als den intrinsischen Wunsch, alles potenziell Gefährdende auf der Karriereleiter wegzubeißen – Gleichwertigkeit kommt in diesem Raster nicht vor.

Und so werden auch künftig leistungsbezogen eingenordete Lemminge das strapaziöse Leben im Büroalltag als billige Ausrede benutzen, um nach Lust und Laune aus dem selbst aufgerichteten Korsett einer bürgerlichen Existenz auszubrechen, sich beim geringsten Luftwiderstand wieder scheiden zu lassen und ansonsten in der Opferrolle zu verharren. Vor fünfzig Jahren arbeitete man noch gemeinsam am Erfolg. Aber das wäre heute eine Hälfte zu wenig für jeden.