Frontal

27 09 2011

„Schaggeline, ich hab Dich gesagt, Du sollst mit den Mann da mitgehn!“ Das aufwendig tätowierte Ding im strassbesetzten Jeansanzug wedelte mit seinen dicken Armen durch das Studio. „Nu mach das auch, Schaggeline – und denn lass Dich das Geld in bar geben, hörst Du?“ Siebels verzog keine Miene. Wie sollte er auch. Schließlich hatte er sich das hier selbst eingehandelt.

„Und Sie setzen mich bitte nicht direkt neben diesen linken Typen!“ Reinhold Stoible wackelte nervös auf seinem Hocker herum. Die Mutter und ihre 15-jährige, deutlich schwangere Tochter irrten noch immer im Studio umher; der Beleuchter kümmerte sich nicht um sie, die Regieassistentin stellte sie teilweise ruhig und teilweise einfach an die rechte Seite. „Ich meine, ich muss doch nicht neben dem sitzen?“ Der Landtagsabgeordnete war gar nicht zu beruhigen. Siebels drehte sich mürrisch zu ihm um. „Nein, Sie werden nicht neben ihm sitzen, weil es ich ihm versprochen habe. Er kann Sie auch nicht ausstehen. Und er ist sowieso erst heute Nachmittag dran.“ Der Politiker schien für einen Moment beruhigt, da gab ihm Siebels das verabredete Zeichen. „Und bitte – auf Position! Ihr Auftritt!“ Ein paar Takte Plastikmusik dudelten aus dem Lautsprecher, während Stoible in die Kamera stolperte. „Der Mann ist grauenhaft“, konstatierte Siebels, die graue Eminenz der Fernsehmacher. „Wirklich schlimm. Ich bin echt froh, dass ich ihn gefunden habe.“

Ich reichte ihm einen Becher mit frischem Kaffee. „Er hat den Auftritt halbwegs hingekriegt.“ Der TV-Erfinder blickte zufrieden auf die Szene. Doch wo war die Moderatorin? „Sie warten auf die vertragliche Beistellblondine? Vergessen Sie’s. Wir haben keine.“ „Eine Talkshow ohne Moderatorin“, fragte ich verwundert, „wie soll das funktionieren? Und warum?“ Er nippte an dem heißen Gebräu. „Gar nicht. Deshalb ist es ja auch keine Talkshow.“ Stoible hatte unterdessen die Beine um den Stuhl gewickelt und blinzelte ins Scheinwerferlicht. Da kam Jacqueline aus der Dekoration und schritt auf die Bühne zu. „Und jetzt“, verkündete Siebels mit ironischem Unterton, „passen Sie mal gut auf. Da können Sie noch etwas lernen.“

„Sie können die doch nicht einfach so neben mich setzen – hallo? Ist da jemand?“ Siebels gluckste; der Anzugträger wrang bereits an den Stuhllehnen herum und knotete die Knie übereinander. „Was machen Sie überhaupt hier? Das ist eine anständige Sendung!“ „Was machen Sie denn dann hier“, giftete der Teenager zurück. „Und überhaupt, wer sind Sie eigentlich? Hat Ihnen keiner beigebracht, dass man sich einer Dame vorzustellen hat?“ „Dame?“ Stoible wurde bereits hysterisch. „Ich sehe hier keine Damen!“ „Ich geb Sie keine Dame“, keifte es aus der Kulisse. „Sie benehmen sich meine Frau Tochter gegenüber anständig, sonst mach ich Sie Ärger!“ „Was macht der Typ hier eigentlich? Ich wollte doch heute das Testergebnis kriegen, ob das Kind jetzt von Ronny ist?“ Ich stöhnte; Siebels kicherte leise auf. „Ich wusste, Sie würden es lieben.“

Stoible richtete sich kerzengerade auf und suchte die Kamera. „Nehmen Sie das auf? Dann sage ich Ihnen hier an dieser Stelle, dass wir eine bessere Grundausbildung in der Bundeswehr brauchen, weil wir inzwischen eine Quote von über 22% haben, die den Wehrdienst bereits in der Probezeit – hören Sie mir eigentlich zu?“ „Ich hatte nicht vor, mich freiwillig zu melden.“ Siebels grinste. „Darüber hinaus sollten Sie vielleicht die Verpflichtungsprämie zur Kenntnis nehmen sowie die Tatsache, dass die Versorgungsanwartschaften bei einem Wechsel in die Wirtschaft…“ Siebels nippte an seinem Becher und dehnte sich behaglich. „Jetzt passen Sie gut auf. Diese Leute sind so wunderbar vorhersehbar.“ Stoible hatte längst die Nerven verloren. „Ich muss mich hier doch nicht mit sozial verwahrlosten Jugendlichen aus dem Prekariat herumschlagen“, kreischte er, „ich will auf der Stelle den Programmdirektor sprechen! Auf der Stelle, hören Sie?“

„Also versuchen Sie gerade, zwei Talkshow-Formate ineinander zu pressen?“ Der Fernsehmann schüttelte den Kopf. „Nicht die Sendung, sondern die Personen. Wie Sie sehen, bestehen bereits die ersten zarten Bande zwischen unseren Darstellern.“ In der Tat gingen die Beschimpfungen mit unverminderter Heftigkeit weiter. „Lassen Sie mich doch in Ruhe mit Ihrem Mist“, schrie Stoible. „Kriegen Sie lieber Ihr verpfuschtes Leben auf die Reihe, statt weiter auf meine Kosten zu leben!“ „Sie müssen das richtig einordnen“, belehrte mich Siebels. „Wenn Jacqueline von diesem jungen Mann ein Kind bekommt, ist das für sie durchaus eine existenzielle Entscheidung – ob irgendjemand diesen rechtskonservativen Hinterbänkler in der Glotze sieht, interessiert hingegen keinen.“ „Warum zeigen Sie ihn dann“, fragte ich verwirrt. „Um dem Zuschauer klarzumachen, was er von seinen Protagonisten erwarten kann.“

Unterdessen war der Streit eskaliert. „Sie liegen mir auf der Tasche“, pöbelte Stoible. „Lassen Sie mich die Schaggeline in Ruhe“, brüllte die Mutter dagegen, „wenn die ihr Abitur haben tut, dann geht sie zu ihr Vater sein Hotel und tut ihre Ausbildung machen!“ Stoible glotzte. „Wir hätten ihn besser briefen sollen“, sagte Siebels und knüllte den Becher zusammen. „Der Familie gehören immerhin zwei Hotels und einige größere Waldstücke bei Bad Schlirfingen.“ Er schmiss den Papprest in den Abfalleimer. „Aber seien Sie froh. Sie müssen den Mist nur einmal sehen.“


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