Das gute Leben

18 10 2011

„Vorsicht!“ Unter der Türklinke befand sich ein neongelbes Kreuz, ein Pfeil wies zu Boden, auf dem Boden las ich die Erklärung. „Wenn Sie jetzt die Wasserader überqueren, dann haben Sie sicher gesundheitliche Probleme zu befürchten. Ich wollte Sie nur lieber vorher darauf aufmerksam machen, dass wir nichts dafür können.“ „Sie können wirklich nichts dafür“, murmelte ich, erstaunt über diese Begrüßung im Landratsamt.

Umweltdezernent Kussmaul zog mich mit einem Ruck über die gestrichelte blaue Linie auf dem Linoleum. „Jetzt haben Sie eine dreiprozentige Chance, dass eins Ihrer Haushaltsmitglieder in den nächsten zwanzig Jahren eine fiebrige Erkältung bekommt.“ „Das ist gut“, antwortete ich. „Bei dem jetzigen Mistwetter hätte ich es sonst nämlich auf hundert Prozent eingeschätzt. Darf ich noch mal hin und zurück? oder wird das dann noch höher?“ Der Beamte runzelte die Stirn und biss sich auf die Zunge. „Und wo Sie gerade sagen, das gelte auch für alle anderen Mitbewohner, wie ist das bei einem Singlehaushalt? Ziehe ich das Risiko dann ganz auf mich? Und wenn ja, von welcher Haushaltsgröße gehen Sie normalerweise aus? Bei vier Personen wären es dann schon zwölf Prozent, und bei sechs Bewohnern…“ „Ziehen Sie es nur ins Lächerliche“, schimpfte er. Ich widersprach ihm nicht; mehr hatte ich ja gar nicht vor.

„In diesem Haus erforschen wir das Optimal-Life-Programm der Landesanstalt. Sie werden sehen, es sind erstaunliche Ansätze dabei, wie wir alle mit einem kleinen Beitrag unser Leben viel gesünder, sicherer und umweltneutraler gestalten können.“ Erst jetzt fiel mir auf, dass so gut wie alle Mitarbeiter der Behörde mit Sturzhelmen durch die Korridore liefen. Was sich hinter der Landesanstalt verbarg, wurde hinreichend deutlich. „Rauchen Sie?“ Kussmaul sah mich lauernd an, aber ich konnte ihm den Gefallen nicht tun. „Danke, nein. Aber Sie dürfen selbstverständlich.“ „Das haben Sie wohl falsch verstanden – Nichtraucherschutz gehört zu unseren vornehmsten Aufgaben. Auch hier im Haus müssen Sie sich vor Rauchern in Acht nehmen.“ „Sie wenden Schutzmaßnahmen an, nur weil jemand außerhalb dieses Hauses raucht“, fragte ich. Kussmaul nickte. „Selbstverständlich. Nur die konsequente Bekämpfung der Rauchens gibt uns die Chance auf ein ökologisch sicheres Leben.“ „Und warum bitte herrscht dann hier im Landratsamt ohnehin Rauchverbot?“

Mit Schwung riss Kussmaul die Glastür auf. „Bevor Sie fragen: dies ist das Modellprojekt Mülltrennung. Wir setzen hier eine Richtlinie um, dass die Abfälle konsequent in ihre Bestandteile separiert werden. Die jährliche Auffrischung wird unsere Lernerfolge sicher verstetigen, und dann gibt es im ganzen Landkreis bald niemanden mehr, der seine Weißblechdosen in den Restmüll steckt.“ „Und wenn ich eventuell Wurst essen will?“ Empört stemmte er die Hände in die Hüften. „Auf dem Niveau diskutiere ich nicht mit Ihnen! Sie wissen genau, dass Tierzucht einen großen Beitrag zur Umweltverschmutzung leistet!“ „Und an die Arbeitsplätze in der Fleischproduktion denken Sie gar nicht? Wollen Sie denn nicht wiedergewählt werden?“ Mit Schwung schlug Kussmaul die Glastür wieder zu. „Überhaupt, wie laufen Sie eigentlich durch die Gegend – wo sind Ihre Sicherheitsschuhe?“ Ich blickte an mir herab und sah ohne Erstaunen, dass ich keine trug. Warum auch, ich befand mich im Landratsamt von Baumbröl-Oberschanzenhofen, einem schmucken Waschbetonbau aus dem Jahr 1957, zweimal restauriert, dann von Asbest befreit und zum architektonischen Wahrzeichen des Kreises Knaufbach an der Schnatze befördert. Das Gebäude bestand zu fünf Vierteln aus unverputztem Mauerwerk, keine Tanne hatte sich je ins Innere verirrt – verdorren kann man schließlich auch draußen. „Ach was, denken Sie doch mal an die Eichhörnchen!“ „Die Eichhörnchen?“ Ich rieb mir die Augen. „Ein Eichhorn“, dozierte Kussmaul, „vergräbt am Tag bis zu zwanzig Früchte – gehen wir einmal davon aus, dass das Tier es gar nicht schafft, weil es sich bei den vielen Nüssen und Eicheln gar nicht mehr erinnert, welche es schon vergraben hat. Das bedeutet, es bleiben davon mindestens dreißig, wenn nicht mehr übrig – bei einer Eichhörnchenpopulation von teilweise bis zu fünfzig Tieren pro Hektar macht das, berechnet an Gebäudeplan IIb/373, bis zu…“ „Schnickschnack“, fiel ich ihm ins Wort. „Zeigen Sie mir einen von Ihren beknackten Nagern, dann reden wir weiter.“ Er stieß gekränkt die Unterlippe hervor.

Kussmaul schloss die Tür hinter sich. „Keine Bewegung“, flüsterte er erregt, „uns darf niemand hier entdecken!“ Knirschend verschwand der Schlüssel im Türschloss, mit fahrigen Fingern griff er sich in die Jackentasche und zog zwei Schokoriegel hervor. „Plastikfolie“, stammelte er erregt, „echtes, gesundheitsschädliches Plastik! Wahrscheinlich mit Weichmachern, die Impotenz auslösen, und karzinogener Beschichtung!“ Zärtlich befühlte er die Knisterfolie, die aufreizend in seiner Hand raschelte. „Und dann der Inhalt – Zucker, Fett, künstliche Aromen, künstliche Farbstoffe! Ist das nicht herrlich? Kein bisschen biodynamisch!“ „Sie leiden offensichtlich unter schweren Entzugserscheinungen“, konstatierte ich. „Anders lässt sich das nicht erklären.“ Kussmaul nickte. „Und wenn Sie auch – ich meine, wenn Sie auch Schokolade nehmen?“ „Was bleibt einem als Individualist anderes übrig“, lächelte ich. „Wie soll man sich sonst gegen den gesellschaftlichen Fortschritt zur Wehr setzen. Und jetzt wäre ich Ihnen zu Dank verbunden, wenn Sie mich wieder rausließen. Ich muss wieder nach draußen. Damit ich keine Erkältung bekomme.“


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