Gernulf Olzheimer kommentiert (CXXIV): Der Wellness-Imperativ

21 10 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das Dasein besteht aus Gegensätzen. Tag und Nacht, Wachen und Schlaf, Nahrungsaufnahme und die Ergebnisse der Peristaltik in jeglicher Richtung sind einander Bedingung für das Ganzheitliche, das wir als Leben bezeichnen auf diesem durch die Weiten des Alls torkelnden Klumpen, der zahllosen Vollspaten eine Heimstatt bietet für ihre verpfuschte Existenz. Gerade noch entspannte der Dummbatz sein Resthirn im Fernsehsessel, da rufen Fließband und Schwiegerelternbesuch den mühseligen Teil der Sache wieder ins Bewusstsein zurück. Gebratene Tauben, so lernt der Zweibeiner, fliegen einem nur im Märchen ins offene Maul, und für das Paradies gibt es keinen gerichtsverwertbaren Beweis – vor das Vergnügen hat die Hausordnung in dieser Welt die Anstrengung gesetzt, von nichts kommt nichts. Nur scheint das System unter schweren Macken zu leiden, denn die Logik ist längst im Eimer. Nicht mehr Schaffe! plärrt einem die interne Instanz zu, Entspann Dich! keift das Über-Ich, und: Fühl Dich wohl! Ohne Imperativ scheint Wellness nicht zu funktionieren.

Alle Welt relaxt, spannt aus, ruht und rastet, legt die Füße hoch und lässt den lieben Gott einen guten Mann sein. Falsch, jodeln die Fitnessfatzkes aus der Flimmerkiste, die der wehrlosen Pauschalrübe eins überbraten mit Ayurveda-Handstand zu indischem Klingklanggebimsel, doofem Duftorgelgeblök und autogenem Biovollkornschrotheilfasten. Der ganze Mensch wird von innen und außen vollgereinigt, schnellgefönt von verbaler Heißluft, aufgebrezelt aus Ruinen gegen Fußschweiß, Krampfadern und Schlaflosigkeit, geschmiert, verschraubt, motiviert und in sich selbst verankert, mit spirituellem Kitsch abgepappt und in die Tiefenentspannung versetzt, wo man ihm jeden Müll in die Synapsen kleckern lassen kann, und zum Schluss hält der Beknackte Til Schweiger für einen begnadeten Mimen, die Erde für eine Scheibe und sich selbst für einen wenigstens durchschnittlich begabten Hominiden, der ohne Blutverlust mit der Kuchengabel umgehen kann. Drei Tage im Tschakka-Bootcamp, und der bis dato klaglos spurende Arbeitnehmer ist ein seelisches und körperliches Wrack, reif für den Jahresurlaub im Schlaflabor.

Denn die gesamte Wellness-Industrie ist nicht mehr als die ebenso auf Leistung gedrillte Kehrseite der Erwerbsarbeit – hier wie dort wird unter Ausschluss logischer Denkprozesse eine Horde teilzeitintelligenter Nachtjacken gescheucht, gejagt und gequält, bis sie auf Kommando im Blubberbad schnarchen, wie sie noch kurz zuvor an der Stanzmaschine das Bruttoinlandsprodukt in die Höhe geschwiemelt hatten. Zwang ist beides, beides Bestandteil im neoliberalen Turn einer Schmarotzerkaste im Effizienzwahn. Kategorisch brummt einem der Terror im Hirn herum: wer als Leistungsgesellschaftler erzogen wurde, kriegt den propagierten Plüsch nun mal nicht aus der Kalotte.

Das Ergebnis ist Freizeitstress in seiner dümmsten anzunehmenden Form, die Rekordjagd bei der Erholung. Wer schnarcht als erstes im Samadhitank? Wer knotet sich die Ohrläppchen beim Feldenkrais zusammen? Wer kriegt die Goldmedaille im Biofeedback? Wir entspannen uns zu Tode, letztlich geht nichts mehr ohne Doping über die Bühne, und so bembeln wir uns nach alter Sitte eins in die Birne, popeln Psychopharmaka in Krankenhausmengen hinters Zäpfchen und freuen uns, wenn der User IQ Underflow langsam in die Abszisse einwächst. An sich wollten wir immer erst schlafen, wenn wir tot sind, aber das setzt ein Leben voraus. Oder etwas ansatzweise Ähnliches. Wir landen ungebremst im Relax-Burnout, zugedröhnt mit Affirmation, hyperaktiv bis zum Anschlag, und nichts fürchten wir mehr und wollen wir doch mehr als den Moment, an dem die Grütze nachlässt.

Das tut sie auch, spätestens mit dem Heulen der Werkssirene lässt das Yes-We-Can-Gekreische der Yogatherapeuten mit ihren Ohrkerzen nach, der Flow hat uns erreicht. Auf geht’s zum Karōshi, der sozial verträglichen Lösung der Work-Life-Balance. Was verliehe diesem irdischen Geballer schließlich mehr Sinn als ein heroisches Ableben im Dienste des DAX. Und schon haben wir das gewünschte Paradoxon in der verpilzten Hirnrinde erzeugt: die Arbeitswelt wird zum kollektiven Freizeitpark, der die Anstrengungen der Egopolitur verkraften lässt, prima auf verschärften Wettbewerb ausgerichtet, wie ihn der konditionierte Nanodenker sowieso längst praktiziert. Wie Pawlows Pinscher lassen sich die Hirnvollwaschgangsopfer in den Kreislauf des Verderbens zurückstopfen, willig, da dumm, und sofort absetzbar von den Humankapitalisten. Eine ganze Schicht lässt sich billig erpressen mit der drohenden Globalisierung oder einer von Parasiten erzeugten Geldumschichtung und feiert den Zustand der finalen Depersonalisierung als erwünschtes Verhaltensideal.

Man sollte seinen Feierabend besser nutzen und sich freudvoll körperlich wie geistig ertüchtigen, sich bilden, stählen und stärken. Um so besser kann man dem Kompetenzimitat auf dem Chefsessel im richtigen Augenblick eins aufs Maul hauen. Der Wellness-Faktor ist unbeschreiblich.


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