Im Anfang war das Wort

24 10 2011

„Können wir das endlich mal beenden? Ich kann diesen ganzen Mist nicht mehr hören!“ „Aber wir wollten in dieser Legislaturperiode…“ „Schluss jetzt! Mir platzt gleich der Kragen!“ „… doch noch eine…“ „Wenn Sie das Wort sagen, dann setzt es was!“ „Wir müssen doch aber etwas machen, die Bürgerinnen und Bürger haben doch die Regierung gewählt dafür, dass da etwas passiert!“ „Haben die Ihren laden auch für das gewählt, was Sie ansonsten fabriziert haben? Na!?“

„Aber jetzt schauen Sie doch mal: die kleinen Einkommen müssen doch…“ „Ich sagte: Schluss! Ich will nichts mehr zu dem Thema hören, ist das angekommen?“ „Sie missverstehen: wir wollen doch bloß Gerechtigkeit. Einen sozialen Ausgleich. Eine Weiterentwicklung der sozialen Perspektive im Konzept des mitfühlenden Liberalismus.“ „Warum nehme ich Ihnen das nicht ab?“ „Sie müssen gar nicht so hochnäsig sein, wir sind uns dessen bewusst, dass wir die Leistungsträger dieser Gesellschaft motivieren müssen, dass wir Anreize schaffen müssen, um mehr Wachstum in diesem Land zu bekommen. Und darum führt auch kein Weg vorbei an einer Senkung…“ „Ich will das nicht hören!“ „Es führt kein Weg daran vorbei, nehmen Sie das doch endlich einmal zur Kenntnis. Wenn die Arbeitnehmer in Deutschland nicht endlich in den steuerlichen…“ „Das Wort! ich will das verdammte Wort nicht mehr hören! Ist das jetzt endlich klar!?“

„Gut, anders: es bedarf einer neuen Gewichtung bei den Bundesfinanzen. Eine Angleichung. Eine mitfühlende Restrukturierung.“ „Kommen Sie zum Punkt, Mann.“ „Der Solidaritätszuschlag gehört auf den Prüfstand. Wir müssen in diesen Tagen auch gezielt prüfen, ob die…“ „Sie wollen mal wieder den Soli abschaffen, richtig?“ „Nein, nur die Freibeträge erhöhen.“ „Also Sie wollen ihn gefühlt abschaffen. Schon klar.“ „Das ist doch jetzt, nach der geistig-politischen Einheit, eine Tat der Zeit, die sich fast wie eine Senkung…“ „Sie sollen dieses verdammte Wort nicht in den Mund nehmen!“ „… der Belastungen in den Haushalten der Bürgerinnen und Bürger in den alten und neuen Ländern unserer Bundesrepublik…“ „Schluss jetzt mit dem Gefasel! Sie wollen doch nur wieder Verschleiern, dass Sie nichts zu bieten haben.“ „Aber diese Entlastung wirkt sich unmittelbar auf die Mittelschicht aus. Und wir können sogar bei den kleinen Einkommen eine positive Wirkung sehen, die sich als Anreiz für mehr…“ „Wen genau halten Sie eigentlich für blöd? Die kleinen und mittleren Einkommen sind doch längst unterhalb dieser Freibeträge – in der unteren Hälfte ist das nichts anderes als einer der schmierigsten Versuche von Symbolpolitik, den Sie sich jemals geleistet haben, und in der oberen ist es wieder einmal ein hübsch verpacktes Geschenk an Besserverdienende.“ „Sie müssen aber zugeben, wir haben uns mit der Symbolwirkung diesmal ganz besonders viel Mühe gegeben – wer das nicht weiß, würde von alleine nie darauf kommen!“

„Dann sollten wir wieder zu den wichtigeren Fragen der Tagespolitik übergehen: es stehen in den kommenden Wochen einige Entscheidungen an, die die Eurokrise beeinflussen werden.“ „Da hätten wir auch noch eine Maßnahme. Und zwar sollten wir die Ermäßigung der steuerlichen…“ „Aus!“ „Ich meine, wir sollten eine Anpassung vornehmen bei den…“ „Ich hatte Ihnen gesagt, ich will das nicht mehr hören!“ „Aber der Bürger muss doch in seiner Daseinsvorsorge wieder mehr Sicherheit haben.“ „Und deshalb wählt er eine Heißluftmannschaft wie Ihre?“ „Es geht uns doch nicht primär um eine Absenkung der…“ „Fangen Sie schon wieder damit an?“ „Jetzt lassen Sie mich doch mal ausreden! Es liegt am – nicht unterbrechen! – Binnenkonsum, wir müssen dafür sorgen, dass wir eine gemeinsame Lösung erarbeiten.“ „Das hört sich fast an, als ob die Kanzlerin etwas damit zu tun hätte.“ „Es liegt ja im Grunde an den strukturellen Verfehlungen. Eine wirkliche Erleichterung für den Bürger kann es nur geben, wenn wir bei den Steuern…“ „Sie kriegen gleich an den Hals!“ „… einen Stufentarif einführen und damit die kalte Progression bekämpfen.“ „Sehr komisch.“ „Was finden Sie daran komisch? Wir sind auf einem guten Weg.“ „Fragt sich nur, wohin. Mit dem Stufentarif bewirken Sie nominell weniger als die rot-grüne Reform, und für die kleinen Einkommen ist der Anstieg des Steuersatzes sogar steiler – wieder nur eine Umverteilung von unten nach oben.“ „Das müssen wir in Kauf nehmen.“ „Und dann wollen Sie mit den Gewerkschaften neue Tarifverträge aushandeln?“ „Hatten wir nicht vor.“ „Aber Ihre Rechnung geht doch nur auf, wenn Löhne und Gehälter über den Inflationsausgleich hinaus steigen.“ „Das ist Sache der Wirtschaft, wir können schließlich der Wirtschaft nicht sagen, wie sie zu reagieren hat.“ „Sie kann also nicht?“ „Wie denn? Wir haben gerade Aufschwung, schauen Sie mal: so viele neue Jobs, so viele neue Gehälter, die gezahlt werden müssen, teilweise bekommen die Leute ja nicht einmal mehr Hartz IV nebenher, die Banken, der Bund, die allgemeine Unsicherheit, der Aufschwung ist einfach noch nicht in der Wirtschaft angekommen.“ „Was für ein Blödsinn.“ „Ja, nicht wahr? Und deshalb müssen wir jetzt einen Anreiz schaffen für die Wirtschaft, wenn sie wegen der geretteten Banken weniger Subventionen bekommt, dass sie die Löhne und Gehälter vielleicht doch erhöht.“ „Wie soll das denn bitte funktionieren? Dazu müsste die Wirtschaft ja höhere Gewinne machen.“ „Richtig – wir brauchen einen Anreiz für die Bürger, auch bei sinkenden Reallöhnen mehr zu arbeiten und die Dividenden zu steigern. Dann haben wir endlich eine Balance erreicht.“ „Und wie wollen Sie das schaffen? Womit wollen Sie den Bürger wieder hinter sich bringen?“ „Nun, ich dachte mir, dass wir durch Steuersenkungen… wo kommt das Messer her? Was wollen Sie mit dem… nehmen Sie das Messer weg, sonst… das Messer weg! Das Messer! Hilfe! Das…“


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