Gernulf Olzheimer kommentiert (CXXV): Trendgetränke

28 10 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Im Anfang war das Wasser, Leben spendendes Element für Quastenflosser, Feuerquallen und alles, das dem Hominiden das Dasein abwechslungsreich gestaltet, Ausgangspunkt zahlreicher zivilisatorisch wertvoller Kulturtechniken wie Blanchieren oder Buntwäsche, Kristallisationskern der hydraulischen Gesellschaft, die uns mit Bürokratie, einer langsam degenerierenden Priesterkönigskaste sowie stetig steigendem sozialen Druck beglückte. Dem Tier gleich trank es der Mensch, hielt es in wüsten Gebieten heilig und ersoff in Küstennähe darin. Mittel zum Zweck ward es dem fortgeschrittenen Frühgeschichtler, der den Weinstock damit goss, es zu blubbernder Gerstenpampe verschwiemelte oder schlicht als Lösungsmittel für Pflanzenauszüge benutzte. Doch wie gesagt, der stetig steigende Druck: ich habe das, was Du nicht hast, und das ist anders. Der Beknackte erfand das Trendgetränk.

Wie stets in den Niederungen der Neidkultur misst sich das Exquisite nur an seiner Seltenheit. Kein geistig zurechnungsfähiger Schlucker käme auf die Idee, sich die im Darm des Fleckenmusangs angegammelte Arabicakirsche in den Schlund zu kippen, der in Indonesien sozialisierte Maul-Held jedoch konsumiert den vorgewieselten Kaffee ohne Ekel – wer angesagt sein will, braucht selten durch guten Geschmack aufzufallen, eine leichte Schräge im Inhalt reicht vollkommen. Nicht der durch Reinheit der Aromen bestechende Grüntee aus der Plantage unterhalb von Buddhas Zehennägeln macht das Rennen, geschweige der Pinot, Merlot oder Weißherbst (letzterer eh nur im Endstadium diverser Hirnkrankheiten als Ausfallerscheinung der Triebsteuerung wirklich zu verzeihen), der im Kontrast zu seinen genetischen Nachbarn nicht wie die nächstgelegenen Getränkerückgabestelle riecht. Den Hipnesspunkt holt sich die hinterletzte Plempe aus der gustatorischen Gefahrenzone, Tresterbrand aus dem Betonkanister, von Kennern als Abbeizer geschätzt, außerhalb der Erzeugerregion jedoch für den menschlichten Genuss zweckentfremdet. Wenn das Zeug nur kein anderer auftreibt.

Ganze Kulturzweige siedeln sich rund um das Trendgetrinke an, Kaffeehäuser, Teestuben und Bierzelte. Löffel, Tassen und Glas entwirft der satisfaktionssüchtige Windbeutel um Absinth und Glögg, Wissenschaft und Ideologie samt Dogmen, wie ein Punsch zuzubereiten und in die Birne zu bembeln sei. Mumme, Mate und Muckefuck werden für die ansonsten stilresistente Schicht zum Abzeichen der Zugehörigkeit, der zunehmend die Fremdzwänge zu Selbstzwängen erklärt – wer die Lüttje Lage nur unter Einnässen schafft, ist raus.

Das kulturelle Kapital verlangt dem Bekloppten seinen Zins ab. Ist zwischenzeitlich auch dem gemeinen Proleten der Champagner geläufig, muss der Hochglanzegologe zum Prosecco übergehen, der alsbald dem Crémant weicht. Der Jugendmarkt zieht nach, Schrillbrausen mit allerhand süßlichem Gebritzel, Holunderplörre und Litschilutschi machen Durst zur körperlichen Herausforderung, deren Aufpolsterung mit Vitaminen, Werbung, Süß- und Sauerstoff, Pseudoapfel und Limettenimitat dem Konsumenten etwas ins Ohr rhabarbern, was kein Designer ernsthaft in der dünn angerührten Brühe zu verklappen vermöchte. Je mehr das Zeug nach Klostein schmeckt, biologisch abbaubar riecht und sich den Anstrich einer mutagenen Kreuzung aus Bier, Säftchen und chemischer Keule gibt, desto mehr handelt es sich um ein geschickt eingesetztes Verdeppungskommando der Recyclingindustrie.

Und natürlich dreht sich auch hier die Schraube weiter. Der Bescheuerte hat mit dem Lifestyle zu gehen und sich aus den hirnrodenden Varianten der Geschmacksverkalkung die denkbar dämlichsten herauszusuchen. Light- und Zuckerersatz-Schmotz, Energy- und Obstbreigesöff mit und ohne Begasung oder halb so viel wie doppelt, kariert, mit Molke, Hanf und Hafenschlamm, Hauptsache, kein Berufsirrer aus dem Konkurrenzunternehmen ist je auf den Gedanken gekommen, Jahrgangseigenurin mit Waldmeisterstrunk in Dosen zu pumpen und für teures Geld unter die kognitiv Suboptimierten zu bringen. Was uns da noch droht, Chili-Spülwasser-Mix mit vergoldeten Würmern, Lebertrancola im Kirschwassermantel, ist nur im Drogenrausch zu erahnen.

Der aktuelle Trend hat die Molekularküche erreicht, jenes psychophysische Modemassaker an der Papillenfront, für den sich der Trendtrinker festkörperförmigen Blasentee hinters Zäpfchen zwiebelt. Schmeckt beschissen, sieht beschissen aus, schlürft sich nur unwesentlich schlechter als Treibsand mit Eiswürfeln, kostet aber teure Dublonen und signalisiert allen anderen Blödblunzen, dass hier ein wahrer Kenner sich die Kohle aus der Tasche leiern lässt. Das muss man nachmachen, sonst stellt sich der befriedigende Effekt beim Jetztzeitler nicht ein: ein Lemming zu sein, der blind und verdübelt jede Verrenkung mitturnt. Es gibt kein Entkommen. Sie haben die Welt verkauft. Vermutlich für einen Americano Iced Spicy Fakeshot Caramellino White Flavored Cream Bongo Bleargh. Mit Zucker.


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