Bolschewiki

3 11 2011

„So viel verdienen Sie? Mehr nicht?“ Der Sekretär musste an sich halten, um nicht hämisch zu grinsen. Aber genau das hatte ich erwartet. Nach Abzug der Steuern blieben mir im Monat gerade die Miete für den Stutzflügel, einige Kisten Wein und ein Paar Socken. „Sie sind ja nicht alleine damit“, tröstete er mich. „Und deshalb sind Sie hier auch richtig. Wir brauchen Leute wie Sie, wenn wir erfolgreich sein wollen. Wir brauchen Ihre Schicht, wenn wir diese Gesellschaft ändern wollen.“

Etwas irritierte mich daran, diese Worte zu hören, hier im teuer, geradezu üppig ausgestatteten Büro eines Parteisekretärs. „Nein“, korrigierte er, „wir sind ja gar keine Partei! Wenigstens nicht das, was Sie bisher als Partei angesehen haben. Wir sind eine neue soziale Bewegung, die sich zum Ziel gesetzt hat, die herrschenden Verhältnisse zu bekämpfen, bevor uns die Herrschenden den Kampf ansagen.“ „Ich verstehe“, antwortete ich, „weshalb haben Sie es dann Schicht genannt, nicht Klasse?“ Er klappte meinen Aufnahmeantrag zu und musterte mich eindringlich. „Wir sind Mittelschicht, nicht Mittelklasse. Der Unterschied dürfte Ihnen sicher einleuchten.“ „Darum nennen Sie sich Bolschewiki und hoffen, dass keiner den Zusammenhang sieht?“

Der Sekretär hatte das Antragsformular mit aller Sorgfalt geknifft und gestempelt. „Eine Gesellschaft ist nur überlebensfähig, wenn sie von der Mehrheit getragen wird. Und wenn ich Mehrheit sage, dann meine ich damit die Stützen dieser Gesellschaft, die sich auch ideell an ihr beteiligen.“ Er legte den Locher millimetergenau an, zögerte aber noch, den Hebel zu drücken. „Ich nehme an, Sie meinen damit die vorbehaltlose Unterstützung einer gerade herrschenden Staatsdoktrin? Das wird Ihnen nicht viel nützen; solche Lehren sind unbeweglich und ändern sich dementsprechend langsam.“ Mit einem Ruck lochte er das Papier, so heftig, dass er sich selbst am meisten darüber erschrak. „Das mag ja stimmen, aber bedenken Sie, dass wir kurz vor dem Ende der herrschenden Verhältnisse stehen – wenn sich alles über Nacht ändert, dann möchte ich den sehen, der nicht im Schwung der Revolution alles umstürzt, was eh nicht mehr zu halten sein wird.“

Die kostbaren Teppiche, die Tapeten, die schweren Samtportieren standen im Widerspruch zu dem proletarisch schlichten Sekretär, wie er in Hemdsärmeln vor mir saß und mit der Geduld eines Elefanten die herausgestanzten Konfettikreise auf dem Schreibtisch auffegte und einzeln in den vergoldeten Papierkorb balancierte – es hatte etwas Ärmliches an sich, wie er dort saß, als hätte man ihn in eine fremde Rolle hineingezwängt, die er ganz gegen seine Überzeugung spielte. „Die Menschewiken haben den Fehler begangen, immer schon den Fehler begangen, auf Reformen zu setzen. Dabei kam es meistens zu einem tragischen Irrtum: sie haben sich für die neue Sache eingesetzt, sind auf die Straße gegangen und fanden sich plötzlich im Kugelhagel der Polizei wieder. Man kann Reformen nicht erzwingen, denn sie sind eine Maßnahme von oben, und die Volksaufstände kamen von wo?“ „Von unten“, sagte ich. Er nickte. „Von unten. Wir werden also von oben angreifen und eine Änderung des Systems erzwingen, wenn die Krise ihren Höhepunkt erreicht haben wird.“ Ich lächelte. „Wenn Sie vorhaben, das System aus sich selbst heraus zu ändern, warum führen Sie dann im Fall einer Machtübernahme nicht einfach Reformen durch? nämlich die, für die das Volk bereits jetzt demonstriert?“ Er runzelte die Stirn. „Sie sind ja doch einer von diesen Unterschichtlern!“

Da griff ich einfach zu dem bereits gestempelten und gelochten Papier, bevor der Sekretär es in seine Mappe einheften konnte. Der Antrag lag einen Augenblick lang zwischen meinen Fingern, ehe ich ihn ruckartig wieder auf den Schreibtisch schleuderte. Scharf musterte ich ihn. „Woher kommt Ihre Abneigung gegen die Unterschicht? und was versprechen Sie sich davon? “Wir sind keine Unterschichtler“, antwortete er trotzig, „wenigstens nicht im klassischen Sinne. Wir sind, der Name deutet es bereits an, eine Bewegung neuen Typs.“ Noch hatte er den Antrag nicht wieder an sich genommen. „Sie sehen es an sich selbst, das Problem ist die beginnende Unterschicht. Man korrigiert seine Selbstwahrnehmung nach oben, da diese Gesellschaft auf einem gefährlichen Trugschluss beruht: wenn man Minderheiten nur stark genug diskriminiert, wird man nie selbst einer angehören.“ „Sie meinen also, dass sich die Armen wider besseres Wissen zur Mittelschicht rechnen, ist eine Bedrohung?“ „Nicht generell“, wehrte er ab, „nicht im allgemeinen Sinn – der Alltagsrassismus macht es natürlich notwendig, dass man sich selbst nicht als bedürftig zu erkennen gibt. Aber das ist nicht das Hauptproblem. Nicht in einer sozialen Bewegung, die doch mehrheitsfähig sein muss.“ Ich nahm ihm den Antrag wieder aus der Hand. „Das müssen Sie mir aber erklären.“ Er seufzte. „Die Schwachen sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, sie können sich keine Busfahrkarte leisten, um zu den Demonstrationen zu reisen, und sie haben auch nicht die Zeit und die Mittel, um sich zu organisieren. Bis auf die Wenigen, die sich zur Mittelschicht rechnen. Die sind das Problem.“ Schon wollte ich das Formular entzweireißen, doch er fiel mit instinktiv in den Arm. „Sie müssen das verstehen“, sagte er fast flehentlich, „wir können uns das nicht leisten! Schauen Sie in die Historie, jeder gesellschaftliche Umbruch ist doch noch immer aus der Mittelschicht gekommen – was wird uns erwarten, wenn wir es diesmal nicht selbst schaffen?“


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