Generation Nix

28 11 2011

„Gehören Sie eigentlich zum Establishment? Ich frage nur, ob ich Sie rausschmeißen muss oder ob es reicht, Ihnen unser Wahlprogramm zu erklären. Oder sind Sie vielleicht schon Mitglied? Man sieht das ja keinem mehr an, wissen Sie. Als ich damals zu den Grünen gegangen bin, da hatte die Partei ja noch so etwas wie Inhalte. Aber heute ist das ganz anders. Heute sind wir nämlich voll der Punk.

Man muss das mit dem Dagegensein ja auch mal unkritisch sehen. Nicht immer nur alles schlecht machen, sondern die Umbrüche auch mal zulassen. Also nicht die gesellschaftlichen, die könnten uns ja am Ende noch Jobs kosten. Sondern eine positive Sicht auf die Dinge entwickeln. Man kann doch dem eigenen Wählerpotenzial einfach mal so richtig auf die Zehen steigen? Die obere Mittelschicht mit Steuererhöhungen an sich, die untere damit, dass sie ein Rohrkrepierer sind?

Finanzkompetenz ist doch das Stichwort! Die Banken müssen endlich in die Pflicht genommen werden! Dieser Raubtierkapitalismus kann doch auf Dauer gar nicht gut gehen, da braucht es starke Symbole – Signale, wollte ich sagen, Signale! Wir brauchen eine Steuererhöhung im oberen Bereich, aber wir werden uns da nicht irgendwelchen Kräften beugen, die nur populistische Rezepte für den Wahlkampf aufkochen. Das wird es mit den Grünen nicht geben. Wer da populistisch wird? Diese ganzen Milliardäre, die angeblich höhere Steuern zahlen wollen, das nenne ich mal Populismus! Sie können doch einem Bürger aus der gehobenen Mittelschicht nicht einfach so zwanzig Euro im Monat aus der Tasche ziehen, das ist ja Raub – dreißig Euro für seine Krankenversicherung und noch mal zehn Euro für Pflege und fünfzig Euro für Sprint und knapp hundert wegen Inflation, das ist okay, das ist trifft nicht nur benachteilige Millionäre, daran beteiligen sich auch Arbeitslose für die nationale Sache. Das ist gut so. Über neue Energieabgaben müssten wir mal nachdenken. Die wären auch sozial unspezifisch umzusetzen. Und wir könnten uns eine Vermögensabgabe vorstellen. Natürlich befristet. Wie der Soli.

Drehen Sie uns bitte nicht das Wort im Mund um. Es geht hier um einen soliden Haushalt. Nicht um einen solidarischen. Wir sind doch nicht verrückt!

Mitregieren, sicher. Wir stellen uns den harten finanzpolitischen Realitäten. Beispielsweise werden wir einen ganz klaren Sparkurs einführen. Alles ganz unbequem und völlig illusionslos, nicht wahr, und damit werden wir und auch komplett von – mit Merkels CDU? Das kann ich Ihnen nicht sagen, das entscheiden wir erst nach der ersten Hochrechnung.

Als kleinere Partei sind wir wie geschaffen, um die Wirtschaftskompetenz in diesem unserem Lande zu repräsentieren. Das haben die Liberalen schon immer so gemacht, und wir Grüne machen da sicher keinen Unterschied. Das ist eine Generationenfrage, keine Frage des politischen Lagers. Und was verlangen Sie von der Generation Nix?

Betrachten Sie uns als eine Art Pinkeltaste. Die Grünen beruhigen Ihr Gewissen. Wenn Sie zu den Besserverdienenden gehören – natürlich zur den Besserverdienenden, wenn Sie immer noch FDP wählen, dann haben Sie einfach nichts Besseres verdient – dann können Sie sich ein gutes Gewissen einfach leisten. Moral ist teuer, deshalb verzichten so viele darauf. Um Bioobst zu kaufen, müssen Sie eben ein bisschen tiefer in die Tasche greifen. Deshalb greifen wir jetzt auch ein bisschen tiefer in Ihre Taschen, schließlich müssen wir als Grüne ja mit gutem Beispiel vorangehen. Porsche fahren reicht einfach nicht mehr als Beleg für Bürgernähe, da müssen schon andere Kaliber her. Sie wollen doch auch eher Bioobst kaufen, eine Solaranlage auf dem Dach und Ihre Kinder auf eine vernünftige Schule schicken? zweimal im Jahr in den Urlaub fliegen? und überdurchschnittliche viel Geld in Schnickschnack aus bester asiatischer Kinderarbeit anlegen? Das können Sie nur mit tätiger Reue ausgleichen. Dazu brauchen Sie eine Pinkeltaste, die lokal Wasser spart und so global die Umwelt rettet. So viel Gutmenschentum kriegen Sie mit der SPD gar nicht hin. Dazu brauchen Sie die Grünen.

Weil Grün wirkt, das wissen Sie doch. Und wie das wirkt! Hat ja schon mal ganz ausgezeichnet gewirkt. Schauen Sie sich die heutigen Verhältnisse doch mal an. Ein völlig deregulierter Finanzsektor, der Arbeitsmarkt ist von Zeit- und Leiharbeit in ein Trümmer gelegt worden, im Niedriglohnsektor herrscht hemmungslose Ausbeutung, die Kernkraft hätte man längst abstellen müssen. Das haben die Regierungen der Vergangenheit total verschwitzt – Sie, der Schröder hat da mehr kaputt gemacht als alle anderen zusammen! Das kriegen Sie nur mit Grün wieder weg!

Wir sind eine Traditionspartei, das dürften Sie wissen. Doch, wir sind fest verankert in den politischen Traditionen der Bundesrepublik – schauen Sie sich mal die Freidemokraten an, die haben diesen Irrweg des watteliberalen Mehrheits- und Kanzlerkürvereins beschritten, der aus blinder Wirtschaftsgläubigkeit jedes Ideal über Bord schmeißt, sobald einer mit Parteispenden wedelt. Schrecklich, oder? Ja, schrecklich ist gar kein Ausdruck, da haben Sie Recht. Das ist wirklich zum Kotzen. In dieser Tradition befinden wir uns. Und so haben wir auch alle Zuversicht, in zwei Jahren wieder in die Regierungsverantwortung gewählt zu werden.

Das ist die Zukunft. Gewöhnen Sie sich daran, Liberalismus ist nicht mehr auf Lager, daran werden Sie sich gewöhnen müssen. Sie können aber gerne eine Tür weiter bei den Piraten nachfragen. Die haben noch keine Angst vor der Zukunft. Aber das lernen die noch. Noch sind wir ja nicht weg vom Fenster.“


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