Kriegswirtschaft

29 11 2011

„Vorsicht mit dem Kopf!“ Doch da hatte ich mich schon gestoßen. Leutnant Michaeli betastete meine Stirn. „Gibt eine schöne Beule“, sagte er mit halb tröstendem, halb vorwurfsvollem Unterton, als hätte ich das Rohr an der Decke bei dieser miesen Beleuchtung sehen können, „aber sonst ist ja alles noch dran.“ Wieder einmal verfluchte ich mich dafür, in den Untergrund gegangen zu sein. Aber wo sonst sollte man diese Leute jagen, die unserem Land den Untergang zu bereiten versuchen. Tief unter dem Herzen der Stadt, wohin kein Lichtstrahl dringt, hier saß das Sondereinsatzkommando der Finanzaufsicht.

„Wirtschaft ist Krieg.“ Der Leutnant reckte sein Kinn hart in die düstere, halbdunkle Kellergruft; bunt flackerten die Börsenmonitore im Hintergrund und gaben eine schwache Ahnung davon, wie die Entscheidungsschlachten dort oben um den DAX tobten. Spekulanten attackierten die Eurozone, das Parlament ließ sich in höchster Not Sonderrechte zum Verscherbeln der Leitwährung geben. „Wir sind als Eingreiftruppe aufgebaut worden, um die Entscheidungen des Bundesfinanzministeriums und der Bundeskanzlerin zu flankieren.“ Ich zog eine Augenbraue hoch; es war Michaeli nicht entgangen. „Ja, flankieren. Wir können ja schließlich nicht einfach selbst etwas unternehmen. Schließlich herrscht noch immer das Primat der Politik, wir als Behörde wollen uns da keinesfalls einmischen.“ „Ach“, merkte ich lakonisch an, „deshalb fragt die Kanzlerin ja sicher auch immer nach, was sie den Finanzjongleuren gerade noch androhen darf.“

Der Leutnant hatte sich unvermittelt umgedreht. „Sie sind mir nicht gerade als linientreu beschrieben worden“, knurrte er. „Ich werte das mal als Kompliment“, gab ich knapp zurück. „Gut“, nickte er. „Sehr gut. Dann werde ich Ihnen zeigen, was wir wirklich tun. Auf eigene Faust übrigens. Sie haben das alles hier jetzt nicht gesehen, ja?“

Hinter der eisernen Tür befand sich ein geheimer Kommandostand. Der Raum war karg eingerichtet. Eine nackte Glühbirne an der Decke warf grelles Licht auf den rissigen Betonboden und die splitterigen Wände. Ein paar Kisten standen an den Wänden, eine Wandtafel, ein Schemel, ein Papierkorb. Das also war das Herz des Widerstands.

Michaeli setzte sich auf den Schemel. „Es ist Terrorismus – Wirtschaft ist Terrorismus.“ „Nicht die Wirtschaft an sich“, korrigierte ich, „sondern die Spekulation durch diese – “ „Wirtschaft ist Terrorismus“, wiederholte er, hart und unbeirrt. „Dies Wirtschaftssystem ist nichts anderes als ein permanenter Krieg mit anderen Mitteln. Sie sind es aus der Geschichte gewohnt, dass man andere Völker aus Gründen der territorialen Expansion angreift und die Bürger dazu bringt, sich für die Interessen einiger Multimilliardäre gegenseitig Kugeln in den Schädel zu schießen?“ „Das ließe immer noch darauf schließen, dass Wirtschaft die Vorstufe des Kriegs mit anderen Mitteln ist.“ Michaeli schüttelte den Kopf. „Zu kurz gegriffen. Es ist Terror.“ Dumpf und verzweifelt sah er auf die Karten an der Tafel, mit Bleistiftmarken und Fähnchen übersäte Karten von Europa und der Welt, Deutschland ein blutroter Fleck in der Mitte. „Es ist Terrorismus. Wie definieren Sie das?“ „Ein Eingriff in die Sicherheit eines Staates“, antwortete ich irritiert, „um dann die verunsicherte Sicherheit in die – was wollen Sie eigentlich!?“ Leutnant Michaeli nickte. „Ich sehe, Sie haben das bekannte Problem. Die Angreifer versuchen, ein System auszuhebeln, indem sie immerzu neue Sicherheitslücken aufzeigen und damit nach und nach die Handlungsfähigkeit der Gesellschaft lähmen, bis sie sich ergeben muss.“ „Das gilt für den politischen Terror“, wandte ich ein, „aber sind Sie sich sicher, dass es auch für die Wirtschaft gilt?“ Michaeli nickte. „Selbstverständlich. Nehmen Sie doch das aktuelle Beispiel. Italien muss mehr als sieben Prozent Zinsen bieten. Sieben Prozent!“ „Das bedeutet, sie müssen in einem Modell, das auf unnützes Wachstum durch Börsenblasen setzt, noch einmal trotz ihrer enormen Verschuldung Wachstum produzieren. Nur für die Zinsen.“ Wieder nickt er. „Aber je höher dieser Zinssatz ausfällt, desto eher führt er direkt in eine Rezession, die nochmals die Schulden erhöhen und die Zinsen.“ „Sie meinen“, fragte ich, „man hat die Länder in eine Falle gelockt, aus der sie nicht mehr ohne fremde Hilfe hinauskommen?“ Diesmal schüttelte er entschieden den Kopf. „Sie kommen gar nicht heraus. Nicht einmal mit fremder Hilfe. Es ist wie Treibsand. Wenn Sie einmal drinstecken, haben Sie es gehabt.“

Er fuhr sich nervös durchs Haar. „Die Märkte sind nicht das Opfer, das geschützt werden muss, das redet uns diese Regierung nur ein. Sie sind die Täter.“ „Die Regierung?“ Ein bohrender Blick strafte meine vorwitzige Bemerkung. „Die Märkte – was auch immer diesen unsinnigen Plural noch rechtfertigen mag.“ Ich konnte nicht anders; ich lächelte. „Das hieße dann ja, dass Sie derselben Meinung sind wie die Presse, die die bösen Spekulanten zu Bösewichten erklärt und ein hartes Durchgreifen der unfähigen Marionetten in den Regierungen verlangt.“ „Nicht ganz“, antwortete er mit belegter Stimme. Er zog einen Aktendeckel aus der Schublade, warf ihn auf den Tisch und klappte ihn auf. „Wir wollen an die Hintermänner.“ Da blickten sie mich an, Kanzlerin, Finanzminister und der ganze Rest. „Wir verteidigen die Demokratie gegen die Märkte. Gegen alles, was sich in ihren Dienst stellt. Es ist Terror. Und mit Terroristen wird nicht verhandelt.“


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