Nullnummer

30 11 2011

„Ja spinnen Sie denn!? Sie können die Leute doch nicht einfach Laub kehren lassen!“ „Wieso denn nicht? Es ist Herbst, und bevor ich die einfach so in der Gegend…“ „Sie haben anscheinend überhaupt nichts dazugelernt! Mit dieser Einstellung muss unser Vaterland ja vor die Hunde gehen!“ „Jetzt regen Sie sich hier mal nicht künstlich auf. Wenn ich die Arbeitslosen in meinem Betrieb einsetze, dann sollen sie schließlich auch lebensechte…“ „Sie haben wohl nicht alle Tassen im Schrank? Das sind Arbeitslose! Die haben nicht zu arbeiten wie normale Menschen, weil das Arbeitslose sind! Sind Sie immer so schwer von Begriff!?“

„Und meine Ausbesserungsabteilung? Warum haben Sie die noch nicht moniert?“ „Weil das ein komplett sinnloser Schmarrn ist.“ „Ich habe mir das nicht einfallen lassen. Das war das Amt.“ „Dann sollte es Sie auch nicht wundern, dass es völlig sinnlos ist.“ „Also bitte – für einen Euro in der Stunde dürfen die mit Klebefilm Schneeschaufeln reparieren und Geschenkpapier glattbügeln, bevor sie es in den Container schmeißen.“ „Ordnung muss sein. Dabei lernen die Arbeitslosen wenigstens ein paar Grundbegriffe.“ „Dass man Geschenkpapier vor dem Entsorgen bügelt?“ „Dass sich jede bezahlte Erwerbstätigkeit lohnt. Auch dann, wenn sie sich nicht lohnt.“ „Ich dachte, wenn es sich nicht um eine richtig bezahlte Tätigkeit handelt?“ „Nein, weil es ja nicht um den Erwerb geht. Die Leute sollen einfach nur ganz normal arbeiten.“ „Ich dachte, das sollen sie eben nicht?“ „Sollen sie ja auch nicht – wenigstens nicht für einen normalen Lohn.“ „Warum nicht?“ „Weil sie sonst den anderen Leuten ihre Arbeit wegnehmen würden, und dann wären die arbeitslos anstelle der Arbeitslosen, die dann von denen, die jetzt noch nicht arbeitslos sind, die Arbeit – ach, das ist mir alles zu komplex.“

„Diese Ein-Euro-Jobs sind also gedacht, den Arbeitslosen den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu erleichtern?“ „Nein, sie sollen nur wieder mit Arbeit konfrontiert werden.“ „Sie sollen also Arbeit als Druckmittel erfahren, damit sie freiwillig tun, wozu man sie vorher gezwungen hat?“ „Jetzt kapieren Sie es doch endlich: es geht hier nicht um Arbeit, ja? Es geht hier ums Arbeiten! Die Leute sollen endlich wieder begreifen, was Arbeit ist!“ „Also geht es doch um Arbeit?“ „Verdammt noch eins, jetzt bringen Sie mich doch nicht ständig aus dem Konzept mit Ihrer Wortklauberei!“

„Gut, dann andersherum. Sie sagen demnach, dass die Arbeitslosen sich durch das Arbeiten an das Arbeiten gewöhnen sollen.“ „Richtig.“ „Und wozu?“ „Was, wozu?“ „Warum können sie sich denn ans Arbeiten gewöhnen, wenn sie weder Arbeit verrichten sollen noch auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werden sollen?“ „Hören Sie, das Problem ist doch nicht der Arbeitsmarkt, sondern die Wettbewerbsneutralität.“ „Was heißt das denn nun wieder?“ „Dass man mit der Arbeit…“ „Sie meinen, mit dem Arbeiten?“ „Mit dem Arbeiten, genau. Ich komme selbst schon ganz durcheinander. Also dass sie mit ihrem Gearbeite den Wettbewerb nicht stören.“ „Wie Grundwasserneutralität für das Grundwasser?“ „Sie haben es kapiert.“ „Und das wirkt sich wie aus?“ „Na zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt.“ „Aber das bedeutet ja letztlich, dass dieses Arbeiten einen volkswirtschaftlichen Nutzen auch gar nicht haben – darf?“ „Exakt.“ „Dann erzählen Sie mir doch mal, wie jemand mit der Arbeitserfahrung überhaupt wieder Anreize spüren soll, die Volkswirtschaft willentlich zu befördern?“ „Muss er gar nicht. Es reicht ja aus, wenn er mit dieser Erfahrung beispielsweise freiwillig aus dem Transferleistungsbezug ausscheidet und so die Volkswirtschaft nicht noch weiter schädigt.“

„Und Sie haben auch von den vielen Fällen gehört, wo Ein-Euro-Jobber normale Pflegekräfte ersetzt haben?“ „Ja, ein arbeitsmarktpolitisches Instrument muss an seinen Wirkungen gemessen werden.“ „Das hieße ja, dass dies eine lohnende, nur leider nicht bezahlte Erwerbstätigkeit wäre.“ „Aber wo denken Sie hin? Man muss mit solchen Maßnahmen klar machen, dass Pflege keinerlei Stellenwert besitzt und dass man dafür die letzten Idioten einsetzen kann.“ „Das macht man den Arbeitslosen klar?“ „Nein. Den Pflegekräften.“

„Damit basteln Sie doch letztlich nichts anderes als einen Käfig für Arbeitslose. Sie dürfen nicht einmal niedrig qualifizierte Arbeit ausüben, sondern werden auch geradezu gezwungen, Steuergelder zu verballern.“ „Ich bin ja nicht schuld daran.“ „Und wozu brauchen Sie dann diese wirtschaftsfernen Maßnahmen?“ „Naja, für den Wahlkampf. Man muss dann immer ein paar Beispiele haben, mit denen man die Arbeitslosen als sozialen Ballast bezeichnen kann, die mit ihrem Arbeiten nicht einmal Arbeit verrichten.“ „Verstehe. Und was versprechen Sie sich davon?“ „Dass es möglichst wenige gibt, die arbeitslos werden wollen, weil sie sonst gefördert werden.“ „Ist das denn nicht gut?“ „Aber auf keinen Fall, aus der Arbeitslosigkeit kommen Sie nämlich nur raus, wenn Sie gar keine Maßnahmen bekommen.“ „Und wann bekommt man die nicht?“ „Wenn man nicht arbeitslos ist.“

„Gibt es denn wirklich einen richtigen Ein-Euro-Job, wie er sein soll?“ „Lassen Sie mich mal überlegen. Jemand, der nicht arbeitet, sich nicht mit Arbeit beschäftigt, keinen volkswirtschaftlichen Nutzen erbringt, im allerbesten Fall bloß keinen Schaden anrichtet, eine Entlohnung erhält, die in keinem Verhältnis zu der Tätigkeit besteht, und damit Erwerbsarbeit entwertet? Doch, das geht.“ „An wen haben Sie da gerade gedacht?“ „An Ursula von der Leyen natürlich.“


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