Aktuelle Kamera

1 12 2011

Die Nachrichtensprecherin verzog keine Miene. Warum sollte sie auch. Es war ihr Job, keine Miene zu verziehen. Sie war halt Nachrichtensprecherin. „Sie hören die Wettervorhersage für Donnerstag, den 13. Juli 2017.“ Siebels grunzte befriedigt. „Sehr schön, das Mädel. Sie macht alles richtig.“ Ich schüttelte den Kopf. „Das verstehe ich nun wirklich nicht. Wie können Sie das nur als Aufzeichnung machen? Ist das nicht paradox?“ „Allerdings“, kicherte er. „Wegen der Planungssicherheit.“

Der TV-Macher hielt einen dicken Stapel Meldungen auf den Knien: Krieg gegen den Iran, Krieg gegen den Irak, Krieg gegen Pakistan, Krieg gegen Algerien, Krieg gegen die USA. „Man muss für alle Eventualitäten gerüstet sein“, belehrte er mich, „es ist wie mit den Nachrufen: man darf sie nicht erst schreiben, wenn jemand schon tot ist, sonst sind sie nicht aktuell und viel zu gefühlvoll.“ Ich warf einen Blick auf die Pressetexte. „Und Sie finden es tatsächlich angebracht, eine ganze Serie Nachrichten lesen zu lassen, wie viele Meter Manhattan und die Malediven unter dem Meeresspiegel versinken, und gleichzeitig verkünden zu lassen, die Klimaerwärmung sei nur eine Propagandalüge?“ „Flexibilität ist das A und O in der Branche.“ Er tastete hektisch nach seinen Zigaretten, fand sie und lehnte sich zurück. „Wir produzieren hier den Großteil der aktuellen Nachrichten.“ „Aktuell?“ Siebels nickte. „Aktuell. Allerdings nicht in dem Maß aktuell, wie Sie das heute noch verstehen. Wir sind schon über die zeitgebundene Komponente hinausgewachsen und produzieren zeitlos aktuellen Content.“

Der Automatenkaffee verhielt sich vorschriftsmäßig: er schmeckte nach Plastik. Die graue Eminenz des deutschen Fernsehens paffte. „Schauen Sie sich die Konkurrenz an. Was Sie da im Unterschichtenfernsehen erdulden müssen, hat doch mit Nachrichten auch nur streckenweise zu tun.“ „Sie meinen diese ständigen Kinowerbungen und die aus dem Internet zusammengeklaubten Nebensächlichkeiten, die die Sendezeit fast zur Hälfte füllen?“ Er lächelte. „Allerdings. Und natürlich diese billige Meinungsmache, die sich in den Schrottkanälen gar nicht mehr verhindern lässt, weil sie eine eindeutige politische Agenda fahren.“ „Das wäre mir neu“, wandte ich ein. „Die politische Agenda?“ Siebels warf seine Zigarette fort. „Die Tatsache, dass sie nur in den Billigsendern das Programm bestimmen würden.“

Inzwischen hatte der Nachrichtensprecher seine Sicht der europäischen Lage heruntergeschnurrt. Polen, die Ukraine und Weißrussland gewannen, verloren und führten gegeneinander wirtschaftliche Auseinandersetzungen, Russland kündigte die Gaslieferungen, Litauen, Eritrea und San Marino fusionierten. „Man muss auf alles vorbereitet sein. Haben Sie noch im Gedächtnis, wie die Welt vor dreißig Jahren für Sie aussah? Was war denn Litauen für Sie?“ Er wartete meine Antwort gar nicht erst ab. „Natürlich haben Sie sich gar nicht damit beschäftigt. Es war ja alles so schön einfach, nicht wahr? Sie wollten glauben, alles bliebe wie immer. Aber dann hätten Sie ja auch Westfernsehen anknipsen können.“ „Entschuldigen Sie mal“, begehrte ich auf. „Ich bin gelernter Wessi.“ „Um so schlimmer“, antwortete Siebels schnippisch.

Der Kommentator breitete sich seit Minuten über die Krise der chinesischen Währung aus, die offensichtlich die Entwicklungsländer Schweden, Finnland und Deutschland voll erwischt hatte. Die Mehrzahl der Zulieferbetriebe in Hessen und Bayern, das nach einer Phase als ausländerfreie Zone zurückkehrte und den Länderfinanzausgleich zur Staatsreligion erklärte, wurde nur noch von Analphabeten bewirtschaftet, aber das war ja nichts Neues. „Ich weigere mich, das zu glauben.“ Doch Siebels zog nur mit angedeuteter Ironie eine Braue empor. „Keiner zwingt Sie. Und kommen Sie mir auch nicht an, wenn Sie wieder Nachrichten aus dem Innenministerium lesen, wo die eine Hälfte der Fachkräfte die andere bei Straftaten bespitzelt und danach die Aufzeichnungen aus Sicherheitsgründen in den Schredder stopft.“

Ich tupfte mir den Schweiß von der Stirn, während der Anchorman des Nachrichtenmagazins mit entschiedener Betroffenheit nachfragte, wie das nur hatte passieren können – man habe schließlich, und das sei auch im internationalen Vergleich, mit dem man nicht leichtfertig, sondern erst nach langen Beratungen und einer Abstimmung in den Resten des Deutschen Bundestages, der noch vom Verfassungsgericht als unverzichtbarer Bestandteil der von den Banken erlaubten, und auch das war nicht sicher. Mich fröstelte. Sicherlich war es nur die Klimaanlage.

„Machen Sie sich nichts daraus“, tröstete mich Siebels und reichte mir einen Becher der düsteren Plörre aus der Studiokantine. „Ich bin ja auch nicht sonderlich begeistert von dieser Entwicklung, aber es ist doch besser als gar nichts, finden Sie nicht auch?“ Ich war entsetzt, doch er wiegelte ab. „Sehen Sie es positiv: wenn sich diese neoliberale Führungsschicht durchgesetzt hätte, wäre dieser Sender längst privatisiert worden – längere Arbeitszeiten bei drastisch gekürztem Gehalt, nur noch aus Tageszeitungen abgeschrieben, die der Praktikant morgens aus der U-Bahn mitbringt, und dafür kassiert der Sender eine horrende Gebühr und verklagt jeden, der abgeschriebene Beiträge von ihm abschreibt.“ Ich nickte stumm. „Qualitätsjournalismus.“ Siebels gab dem Sprecher ein Zeichen. „Guten Abend, meine Damen und Herren. Der Weltuntergang kam pünktlich.“


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