Gernulf Olzheimer kommentiert (CXXX): Der Komplexitätsmythos

2 12 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Alles, was uns groß und wichtig erscheint, ist doch in Wahrheit nur eine Ansammlung von Killefit auf diesem seltsamen Rotationsellipsoiden. Die Speicherkapazität der humanoiden Schädelgrütze zeichnet sich durch ihren laxen Umgang mit der eigenen Beschränktheit aus. Bundesfinanzminister verdrängen 100.000 Mark im eigenen Schreibtisch, US-Präsidenten vergessen zu inhalieren, Beknackte erinnern sich nur bei grobem Schmerzreiz an den Hochzeitstag – die memorierbaren Botschaften müssen einfach und tief im Stammhirn spürbar sein, dauerhaft in den Arbeitsspeicher eingebrannt und noch im vegetativen Zustand verfügbar. Der blaue Punkt auf dem Wasserhahn kühlt die Flossen, der rote kocht sie. Keep it simple, stupid! Für die Fortgeschrittenen, die schon bis drei zählen können, gibt es Pilzsorten zu unterscheiden. Eine Sorte macht satt, eine macht lustig, der Rest macht tot. Wahrscheinlich hat die Komplexitätsvermutung doch Recht, wenn sie uns einredet, dass die Masse Mensch für das immer neu dräuende Zeitalter der Komplettüberforderung nicht gerüstet ist.

Weit gefehlt. Zu dumm für diese Welt sind nur die Schnackbratzen, die sich einbilden, den ganzen Schmadder einigermaßen kapiert zu haben. Da ist die Globalisierung: Hühner aus Lappland müssen nach Timbuktu geflogen werden, von wo man ihre Eier zum Verpacken nach Feuerland rollt, weshalb – Spritverbrauch, Eierpreis, Mondphasen – die Gehälter für Elektriker und Hebammen nur noch die Hälfte betragen. Bestehen ihre Modelle nur aus Hokuspokus, so ist der Manager mittlerer Fallhöhe fein raus, denn er muss nicht mehr zugeben, dass er von der ganzen Sache nichts kapiert. Doch er denkt sich den Schmonz selbst aus, da er die offenbaren Zusammenhänge aus Billigkeit gerne verzerrt, mit Trottelsalat aus der Propagandakiste vermanscht und in den unteren Etagen auslöffeln lässt. Mit Ockhams Rasiermesser sind die Klugscheißer scheint’s überfordert.

Die Mär von der zunehmenden Schwierigkeit des Daseins ist zunächst nichts als eine Mär. Die Entdeckung rechts überholender Neutrinos hat zunächst nur für die Physik einen messbaren Effekt, selbst Molekularbiologen, Gangstarapper und die Frisörinnung zeigen sich weitgehend unbeeindruckt von dem Spektakel. Kriegen ein paar Schmarotzer am Finanzmarkt den Hals nicht voll genug, so sind es allenfalls die Auswirkungen des Tsunamis, mit denen wir uns herumschlagen müssen. Es gibt heute mehr bekannte Elementarteilchen, Bundeskanzler und Datenbanksprachen als vor gut fünfhundert Jahren, doch wen aus dem Bevölkerungsschnitt soll das jucken? Ist der Pöbel schon zu doof, weil er die ignoranten Kasper der Oberschicht hervorbringt?

Keinesfalls. Denn solange Ministerialversager sich Einbürgerungstests aus dem Hirn schwiemeln, die sie selbst zu lösen nicht in der Lage sind, bleibt der intellektuelle Horizont eine mühsam gedachte Linie, hinter der die Seekrankheit lauert. Die schiere Quantität der epistemisch relevanten Ladung sagt nichts über die Qualität des Tiefgangs aus, vulgo: man kann auch mit der kompletten Ilias im Brägen vor der Käsetheke verhungern, wenn man dazu nur doof genug ist. Die Antwort auf die Zunahme der Komplexität liegt in der Fähigkeit, sich mit der Materie auch auseinanderzusetzen.

Denn jede steigende Komplexität führt auf der anderen Seite quasi zwingend zur Vereinfachung. Wusste der Fabrikknecht der Kaiserzeit noch wenig von Abessinien, pfeift sich der Jetztzeitler kurz mal die Partytipps aus Addis Abeba im Internet rein. Auch ohne genaue Kenntnis von Fuzzylogik kann ein durchschnittlich Bekloppter die Digitalkamera und den Waschvollautomaten bedienen, als Laie ein Flugzeug betreten oder ohne Beteiligung an der Eroberung Amerikas Kartoffeln essen. Er bedient sich des Buchdrucks, kapiert den Kompass und jagt eine SMS nach der anderen durch den Äther, ohne auch nur im Geringsten an den erheblichen Komplexitätszusammenhängen in Funkverkehr und Halbleitertechnologie zu partizipieren. Weil es ihm an der Sitzfläche vorbeigeht. Natürlich sind die Laberlurche in ihren Sonntagspredigten gern bereit, bewundernd auf die Leistungen von Antike und Mittelalter zu verweisen, aber wer würde freimütig bekennen, dass er nicht in der Lage wäre, auf wilhelminischem Equipment ein Spielei zu fabrizieren? Die Daseinsgefahr hat abgenommen durch Sicherheitsgurt und Penicillin, Radio und Teebeutel machen den Alltag auch für Choleriker halbwegs erträglich, und die einzige Bastion, in der sich Weichstapler stolz zu ihrer Hirnweichheit bekennen dürfen, ist die Gesetzgebung, die mit den Mitteln von vorgestern die Verhältnisse der Bronzezeit zu zementieren versucht. Sie brauchen den Mythos der Komplexität, denn sie tragen ihn als Schutzschild vor sich hier: Moral ist, wenn man moralisch ist. Sie haben sich auf die Abrissbirne als einziges funktionierendes Werkzeug geeinigt, weil die Wirklichkeit ihnen Hirnschmerzen macht, man könnte auch sagen: sie überfordert sie in ihrer ganzen Komplexität. Und da ist es doch angenehm, wenn man wenigstens die Kinder mit dem Märchen vom Schwarzen Mann ängstigen kann. Weil es so schön einfach ist.


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Eine Antwort

15 12 2011
Stefan

Jawoll!!!

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