Gernulf Olzheimer kommentiert (CXXXI): Die Angstgesellschaft

9 12 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Da steht Sinanthropus pekinensis vor dem Abgrund und tut das, was er am besten kann. Er guckt doof in die Weltgeschichte, kapiert den Zusammenhang der Dinge nur rudimentär, aber er freut sich, dass es den Abgrund gibt. Und das Feuer. Und die Möglichkeit, auf der Jagd dem Mammut zu begegnen und den Kürzeren zu ziehen. Noch hat der Homo erectus keine Ahnung, was Hiroshima, Seveso und die flächendeckende Verbreitung des volkstümlichen Schlagers an Grauen auf diesem Planeten verbreiten sollten. Hätte er geahnt, dass sich künftige Generationen wegen einer Eurokrise ins Hemd machen, er hätte Bammel gehabt bis zum Erbrechen. Noch gab es keinen narrativen Horror, die Kultur hätte ihm auch nicht viel genützt, denn sie bliebe im luftleeren Raum. Aber es gab die Angst als natürlichen Reflex, und sie bleibt bis heute. Bis in unsere Angstgesellschaft.

Heute haben wir genug Ängste für alle, der Bekloppte pickt sich aus Vogelgrippe und EHEC, Terror und Klimawandel, gelber Gefahr und roten Socken sein passendes Nervenzerrüttungszubehör zusammen. Die Gefahren müssen nicht einmal real, die Bedrohungen nicht einmal so groß sein wie die Wahrscheinlichkeit, im Lotto zu gewinnen, die Furcht vor der Furcht kompensiert das, was an unserer Existenz zu schön ist. Was auch immer hinter einen durchschnittlichen Horizont passt, die nächste mordende Nazibande oder der lineare Preisanstieg von Diesel bis 2025, was der Beknackte nicht sieht, kann sich nicht seiner Vorstellung entziehen und wird dadurch nicht unwahrscheinlicher.

Es ist nicht der anheimelnde Grusel, der einen bei Ein Zombie hing am Glockenseil oder in der ersten Reihe beim Florian-Silbereisen-Konzert umweht, nicht jene aus Sensationslust gesuchte Übelkeit, die im Kettenkarussell oder beim FDP-Parteitag die Magenwände effektvoll angreift, es ist die Ahnung, dass sich der Schrecken in jedem Augenblick zur realen Bedrohung wandeln könnte. Plötzlich merken sie, dass Weichmacher in Plastikbembeln tatsächlich das Genom anknabbern, während nur noch ein Promill derer, die sich überhaupt noch an SARS erinnern, die Krankheit für mehr als einen verpatzten Gag der Pharmalobby halten. Wir werden alle sterben, das ist nicht mehr originell, aber offensichtlich eignet sich nur eine verdammt spitze Zielgruppe der Angstmacher für eine zünftige Panik, die mit geradezu religiöser Inbrunst und massenkompatibler Hysterie zur paranoiden Folklore taugt, und es ist nicht einmal immer die, die uns von Medien und Politik ins Hirn zu schwiemeln versucht wird. Mittelstreckenraketen und Radioaktivität waren ja von den Guten, haben aber für Jahrzehnte die Adrenalinreserven kritisch bewegter Bürger aufgesogen. Ist es vitalisierende Urfurcht, die dem Hominiden, dem ersten um seine Vergänglichkeit wissenden Ichling, innerhalb der Seinsgrenzen Wege zum erfüllten Leben aufzeigt? Ist es jene humane Kraft, die Schwenkgrill, Fußball und Flaschenbier erfand, Sofa und Schachspiel, Tanztheater und Podiumsdiskussionen über männliche Beziehungsarbeit in der zweiten Lebenshälfte? Nebbich.

Was wäre der Behämmerte, wenn er nicht auch der drohenden Katastrophe noch eine angenehme Seite abgewönne, die er sich gemütlich vermiesen kann, um sich darüber schwarz zu ärgern. Die Vorstellung, durch Dioxin im Frühstücksei über die Wupper geschnippt zu werden, macht ihn ja deshalb so rasend, weil er es durch etwas Synapsentätigkeit mindestens mittelfristig beseitigen könnte. Dass die treudeutsche Mülltrennerei als staatlich anerkannte Nationalpsychose durch Millionen verballerter Autobahnkilometer für überflüssige Transporte mehr Schaden anrichtet als der Umwelt nützt, wird keinen interessieren – Hauptsache, man kann eine Panikattacke steuerlich geltend machen, wenn die Nachbarin eine nicht löffelrein ausgekratzte Fischsalatpackung ins Altglas schlonzt. Die manische Wut, das Unvermeidliche nicht wenigstens durch Wille und Vorstellung zu verhindern gewusst zu haben, das macht uns fertig.

Mit Recht übrigens. Und wir wollen es auch gar nicht anders. Die Angstgesellschaft hat sich in ihrer Negativität häuslich eingerichtet, die Phobien auf Kante gelegt, nach Farbe geordnet und abgeheftet, und auf dieser Art ins Fundament eingelassen hockt der freischaffende Seppel in der Landschaft. Da schmilzt ein Gletscher! Egal, das bisschen Eis ist relativ piepe, wenn man den Grönländischen Eisschild damit vergleicht. Sie lauschen Propheten, die das Ende der Welt vollmundig verkünden, gerne auch mehreren, die sich mit dem Datum nicht einig werden konnten. Sie lassen BILD das Geheimnis lüften, dass nur die Sozen Armageddon erfunden haben können, stellen den Wecker für den großen Crash, gucken in die Röhre, nach Kometen und schließlich doof aus der Wäsche, weil am Stichtag alles weitergeht, ohne kosmischen Knall, ohne Ragnarök und Omegapunkt. Sie hatten so schön Angst und können nicht mal jemanden auf Schadenersatz verklagen. Was, für sie wenigstens, auch schon ein Weltuntergang ist. Fast.


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