Gernulf Olzheimer kommentiert (CXXXII): Börsenanalysten

16 12 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Natürlich wurden die geistigen Gaben auf diesem Planeten nicht gleichmäßig verteilt, aber der Durschnitt soll ja die Qualität einer Gesellschaft bestimmen. Schiebt der Normalbürger Hyperaktive menschenfreundlich in die Castingshow ab und entsorgt Profilneurotiker in der FDP, so hat er bei den anderen Flusenlutschern ein echtes Problem. Irgendwann glaubt auch bei den Neonazis keiner mehr, dass das rapide Wachstum aus ungezügelter Vermehrung von V-Leuten kommt, und da keinerlei Sozialplan den sprunghaften Anstieg der Narren in der Fußgängerzone abfedert, muss es eine andere Lösung geben. Vorerst durften sie als Quacksalber auf dem Jahrmarkt Gaukelwerk treiben, in die Glaskugel schielen, bis die Spanische Inquisition ihnen die Tür eintritt, und die Aufklärung abwarten, die ihnen endgültig den Garaus macht. Doch das Glück währte nicht ewig. Heute haben wir die Bagage wieder am Hals. Als Börsenanalysten.

Gerüchten zufolge gibt es Richter, die bei einem Fall von Totschlag, dem das endlose Salbadern eines DAX-Predigers vorangegangen war, auf Durchzug schalten und gleich zum nächsten Fall überleiten. Wie Hautausschlag am Sitzmuskel und Zeugenbesuch in der Mittagspause gehören die Schwurbelgurken zu den Zores, die zwar jeden schon in die Nähe einer Embolie getrieben haben, die aber keiner zugibt – wie Fußpilz oder Wettschulden, die man erst in der Autobiografie beichtet, aber nicht am Ort der Konfrontation. Sie sind der halbwegs erfolgreiche Versuch, die Welt der schachernden Geschäfte an den Esstisch zu beamen, um zu zeigen: die Börse ist immer und überall. Börsenanalysten sind die Berufsirren, die keine Peinlichkeit scheuen, die Welt davon zu versichern, dass sie auch für ihr niederschwellig angelegtes Berufsbild keinen Kompetenznachweis zu erbringen geeignet sind, plärrende Lautsprecher der Kapitalmedien, die sie nun mal darstellen. Kein Bekloppter käme jemals auf den Gedanken, einen Analphabeten im Live-Programm mit einer Kafka-Interpretation auf die brechreizbereite Menschheit loszulassen; bei volkswirtschaftlichen Capricen scheint’s geht die Sache etwas glatter.

Denn tatsächlich sind sie lediglich Vollidioten, die Hirnplüsch absondern über Dinge, die sie nicht verstehen, für eine Schicht degenerierter Deppen, die sich den Müll gar nicht erst ansehen, weil sie genau wissen, dass sie vom Kapitalmarkt keinen Schimmer haben. Das Volk der Kleinanleger, das selten zwischen Equity Swap und Scalping zu unterscheiden weiß, weil es alles glaubt, was man ihm in die Gehörgänge schwiemelt, fühlt sich in seiner grenzenlosen Doofheit nur um so mehr den frei in der Fauna herumdelirierenden Popelpriestern verbunden: wenn er schon die Zäpfchen vibrieren lässt, wo keiner Ahnung hat, dann muss er ja einer von uns sein. Eins gesoffen, eins gekauft.

Der Rest der wehrlosen Zeitungsleser jedoch ist das Heer der Leidtragenden, die sich den Mist Tag für Tag in die Netzhaut peikern müssen: dass ein Anschlag, je nachdem, ob von Separatisten, Nazis oder gelangweiltem BKA-Führungspersonal, je nach Bauart den Leitzins nach oben oder unten verdellt, während die Freisetzung ganzer Landstriche insolventen Unternehmen vor dem Hanfseil rettet. Platitudengesättigtes Verbalglutamat rammt der Querkämmer aus der Telebörse dem Zuschauer in die Hirnrinde, die Kollateralmaden der Krise verbreiten ihren Sums, als würde durch perennierende Wiederholung das kleine Einmaleins eine heilige Wahrheit. Eine Herde in indiskutabel verschnittenes Polyester eingenähter Schranzen quakt aus der Bildröhre, dass alle ihre Meldungen vom Vortag auf falschen Annahmen beruht hatten, und blökt frei in der Gegend herum, ohne auch nur unfallfrei erklären zu können, wie Kerninflation funktioniert. Meistens sind sie sowieso seit gestern überrascht, dass es heute so weit kommen konnte.

Vermutlich hat man Börsenanalysten nur die Wünschelrute weggenommen. So stolpern sie zwischen leichtgläubigen Volleulen herum und schwatzen ihnen Aktien auf, die sie nicht verstehen – der verlängerte Arm der Wertpapierabteilungen in den Banken, die allesamt zu feige sind, ihre Inkompetenz selbst vor die Kameras zu schieben. Für eine Chartanalyse reicht ein Stück Pappe und ein Satz Wurfpfeile. Wer wirklich nur dem Zufall vertraut, der nicht durch die besserwisserische Arroganz der BWL-Versager gestört wird, hockt Schimpansen vor die Dartscheibe, die Primaten sind signifikant treffsicherer, weil sie keine pseudowissenschaftlichen Erklärungen abliefern, was sie gerade getroffen haben. Ihre fachliche Qualifikation brüllt aus der streng wissenschaftlich formulierten Schlussfolgerung, dass nur hektisches Verkaufen die Wirtschaft retten kann – während die andere Hälfte der Kleingeldzähler behauptet, nur mit Halten und Vergraben der Aktien sei eine Katastrophe noch abzuwenden. Sie mögen ihre Spitzhüte mit den Sternchen gegen die für Kalkhirne optimierte Sulzabsonderung getauscht haben, aber solange sie jeden Schrott ungehindert in die Höhe jubeln können, leben wir mit dem linken Rand der IQ-Kurve unter einem Dach. Es wird Zeit, dass wir die Trümmertruppe ins gesellschaftliche Aus jagen. Denn warum sollte einer, Politiker immer ausgenommen, für die zielgerichtete Vernichtung des Volksvermögens unter simultaner Produktion paranoider Grütze, die sauer verdiente Kohle aus unseren Sparstrümpfen kassieren? Börsenanalysten sind das letzte Mittel des Kapitalismus, um auch den letzten Angestellten zwangsweise zum Komplizen zu deklarieren und ihn mit Instant-Weihrauch einzunebeln. Sie sind so glaubwürdig wie die Internet-Milliardäre, die neben dem Geldscheffeln immer noch sechzehn Stunden lang täglich damit zubringen, jedem zu erzählen, wie man todsicher reich wird, reicher als alle anderen, die das auch zu lesen bekommen. Und warum sollte man ihnen über den Weg trauen, wenn sich diese stammenden Versager nicht einmal ordentliche Anzüge leisten können.