Gernulf Olzheimer kommentiert (CXXXIII): Heilpraktiker

6 01 2012

Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer


Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es zeichnet den Hominiden zweierlei aus. Zum einen begreift er die Endlichkeit des Seins und weiß sie in logische Zusammenhänge zu bringen – Vollkontakt mit dem frustrierten Mammut, Verzehr giftiger Pflanzen, intermittierendes Eindellen des Frontschädels, alles setzt der aktuellen Inkarnation ein mehr oder weniger rasches Ende. Der stets wache Erfindergeist ist das andere, die Neigung, gegen das Ableben allerhand Mittel und Wege zu sehen und von einer Generation zur nächsten zu kommunizieren. Der Mensch akzeptiert nicht die Geworfenheit, er lehnt sich kreativ dagegen auf, ihm mangelt es nicht an Ehrgeiz, im Experiment die Welt in ihre Schranken zu weisen. Als höchste, als letzte Instanz entwickelt er sich zum Arzt, der dem Tod die Stirn bietet. Immense Hürden auf dem Weg zum Mediziner nimmt, wer neben einer fundierten naturwissenschaftlichen Begabung eine umfassende Allgemeinbildung sein Eigen nennen darf. Der Rest wird dann eben Klempner. Oder Heilpraktiker.

Die Heizdeckenverkäufer des Medizinbetriebs – ein idealer Beruf für alles, was bereits als Spülhilfe oder Anwalt versagt und dreimal den Taxischein nicht gerissen hat. Denn jedes Schimmelhirn darf sich in diese parasitären Dehnungsfuge zwischen Bademeister und Abdecker klemmen, da lediglich zwei Griffe zur Ausübung nötig sind: Handauflegen und Handaufhalten. Um die gröbsten Schäden am Material abzuwehren, stellt die Prüfung sicher, dass der angehende Quacksalber deutlich weniger an Kenntnissen besitzt als eine durchschnittliche Sprechstundenhilfe, um dem zurechnungsfähigen Teil der Population im letzten Augenblick die Flucht zu ermöglichen. Immerhin, zu seiner eigenen Sicherheit popelt er am Patienten unter der Auflage, die gravierenden Fälle zu erkennen – mit der Konsequenz, dass der Kurpfuscher nach gründlich versaubeutelter Kur alles leicht von der Backe kriegt, damit der richtige Arzt die gröbsten Schäden auf dem Weg zum Exitus ausputzen darf.

Oft und gerne genommen bei gut und gläubigen Deppen ist die sanfte Medizin, derart sanft, dass jeder Nachweis schreiend vor der Messbarkeit wegrennt. Offenbar besteht die wissenschaftliche Medizin ausschließlich aus Amputation, Exzision, Vivisektion und wird auch bei Schnupfen oder Schlafstörungen angewandt. Ein komplementärer Therapieansatz – Komplementärmedizin ist im reinen Wortsinn zu verstehen als das Gegenteil aller Vorstellungen von Zivilisationsteilnehmern, die noch alle Tassen im Schrank haben – wie etwa Pendeln, Irisdiagnostik, Kinesiologie, Homöopathie jedoch, ähnlich effektiv wie der Versuch, ein aus verleimtem Würfelzucker gebasteltes Modell des Petersdoms mit Hilfe böhmischer Ukulelenmusik in Rotation zu versetzen, hat die gewünschte Nebenwirkungslosigkeit. Und schadet er nicht der Krankheit, dann ist alles gut. Stoßen traditionelle Methoden auch oft an ihre Grenzen – es mag sich seit der Steinzeit bewährt haben, bei Migräne in Säbelzahntigerauswurf zu baden, authentisch ist die Angelegenheit jedoch nicht mehr zu lösen – so ist doch die Sanftheit der Heilmethode ein noch viel schöneres Placebo.

Es ist tatsächlich nicht viel mehr als der uralte Wunderglaube, dass der Schamane mit seinem Gesundgebete, der mittelalterliche Medicus in der verschwiemelten Irrationalität ein Mana festschraubt, das jenes höhere Wesen, das wir verehren, zwischenzeitlich leicht gelockert hatte, weil der Bekloppte sich im Raum-Zeit-Kontinuum verdödelt. Oder weil in der Apothekerzeitung die richtige Symptomatik abgedruckt war, die dem durchschnittlichen Masochisten für ein Selbstbau-Syndrom ausreicht. Der Beknackte geht im Schutz der eigenen finanziellen Möglichkeiten zur Hexe in den Hinterhof, denn wer nur lautstark behauptet, dass er heilt, wird schon Recht haben. Dass die Sache grotesk teuer ist, scheint den Deppen nicht zu stören, schließlich ist skrupellose Preisgestaltung im Medizinbetrieb als Qualitätsnachweis längst etabliert genug, dass sich auch Kurpfuscher an den Zug hängen dürfen.

Kraniosakrales Eigenuringurgeln, ayurvedisches Farbträumen, Geistheilung durch Therapiehamster, keine noch so beknackte Methode, die sich nicht als Elixier gegen Gebrechen jeglicher Art verscherbeln ließe. Das öffnet Raum für immer neue Geschäfte, in denen jeder seine Nische findet, wahlweise als transzendental-ganzheitliches Mysterium, exotisch angehauchter Ethnokitsch für Freizeitrassisten oder pseudowissenschaftliche Weichstapler, deren Aura-Kristall-Analyse-Spektral-Ohrkerzen-Gymnastik schon seit 5000 Jahren in Afrika praktiziert und demnächst durch atomare Frequenzspektrometrie bewiesen wird. Notfalls hält eine alternde TV-Matrone ihre Gesichtslederhaut in die Linse und bekennt sich dazu, mit Halbedelstein-Drainage und Voodoo-Transfusion das Bindegewebe rund um den Schließmuskel wieder in Form gebracht zu haben. Auch hier ist alles sanft, zauberisch, kurz: die Alternativmedizin ist nie mit Wundbrand und vereiterten Backenzähnen konfrontiert und jagt jede Krankheit en passant vom Hof. Der Bescheuerte fragt sich nicht, wozu es Heerscharen an Fachärzten gibt, festmeterweise Fachliteratur zur urologischen Diagnostik oder den Nobelpreis, er ist konditioniert, dem absurdesten Versprechen zu glauben.

Längst haben sich die Scharlatane die seelische Gesundheit der Bekloppten vorgenommen und jubeln ihnen Urschrei und Rebirthing als Pflaster gegen paranoide Schizophrenie unter. Ein Heer selbst ernannter Spezialisten bosselt wirr mit Zwölfzollnägeln und Gottvertrauen an den Dachschäden wehrloser Nachtjacken herum, ohne auch nur eine Stunde medizinisches Fachwissen in die trübe Birne geträufelt bekommen zu haben. Die Hälfte jener Geistheiler könnte selbst einen gebrauchen, die andere Hälfte wäre in den Fingern des Staatsanwaltes deutlich besser aufgehoben. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Mischpoke, so sie sich nicht vorher an energetisiertem Wasser die Ruhr einfängt, der eigenen Branche in die Hände gerät, wo sie Bioresonanz-Haaranalyse, Darmpilz-Channeling oder Feng-Shui-Koniotomie gepflegt in die Biomasse überführen. Alle Zellen schwingen. Die kosmische Harmonie hat sie wieder. Deckel zu.


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