Statistisches Mittel

10 01 2012

„Hatten Sie an etwas Bestimmtes gedacht? Wahlkampf oder Vorwahlkampf oder so? Oder ist bei Ihnen vielleicht demnächst Parteitag? War ja nur eine Frage. Hätte doch sein können. Wir haben für solche Zwecke ja schon etwas vorbereitet, damit wir eine schöne Arbeitsmarktstatistik hinkriegen.

Sie können bei uns auch en gros bestellen. Das kommt Sie freilich etwas günstiger als einzelne Aufträge. Arbeitslosenzahlen? Haben wir da. Alles. Frisch aus der Agentur. Also jetzt nicht direkt die Arbeitslosenzahlen, sondern nur einige statistische Kennwerte. Wie die Arbeitslosenzahlen aussehen, das bestimmen ja gerade Sie mit Ihrem Auftrag. Wir sind da völlig flexibel. Wie Ihre Moralvorstellungen eben, nicht wahr.

Das IIb-F ist unser aktueller Standard. Das sind die sogenannten Arbeitslosen, die gerade nicht arbeiten, obwohl sie arbeiten wollten – ich kann Ihnen da gerne einmal eine Probe mitgeben, versuchen Sie die vielleicht einmal in einer Talkshow, gerne auch für Podiumsdiskussionen oder in der Bundespressekonferenz, das wird ja immer gerne genommen. Ist ein echter Allrounder. Das Besondere? Die wollen arbeiten, aber sie können eben gerade nicht. Aus diversen Gründen.

Nein, das IIc-F ist etwas völlig anderes. Die arbeiten nicht, aber von denen könnte man auch schon mal annehmen, dass die, wenn sie können wollten, dann nicht wollen könnten. Oder war’s umgekehrt? Wie gesagt, die wollen einfach nicht. Nehmen wir mal so an. Deshalb werden die aus der Kerngruppe gleich rausgerechnet. Dann muss man sich mit denen auch nicht mehr beschäftigen. Woher wir das wissen, dass die nicht wollen? Ja, die haben halt nicht das Gegenteil gesagt.

Üblicherweise ist man sowieso aus der Statistik raus, wenn man über 58 ist und wenigstens zwölf Monate Hartz IV bezieht. Die machen uns auch gar keinen Ärger mehr. Die sind nicht mehr arbeitslos, die haben sich daran gewöhnt. So wie man nur ein paar Jahre von diesen Politikerfiguren regiert werden muss, bis man nichts mehr merkt. Das geht schnell. Warten Sie, ich hätte da eine Idee. Wenn man grundsätzlich jeden nicht mehr als arbeitslos einstuft, der länger als zwölf Monate Hartz IV – Sie meinen, jeden, der überhaupt schon einmal Hartz IV bekommen hat? auch als Aufstocker? Das nenne ich konsequent.

Das Problem mit den Arbeitslosen über 58 ist ja, dass die über 58 sind. Wir könnten die zwar in die stille Reserve reinrechnen, oder wir bräuchten dazu ein negatives Personalüberhangmanagement. Aber eigentlich müsste man sie bis zur Rente mit 67 vorerst in einer anderen Kategorie parken.

Sie bekommen selbstverständlich auch gerne eine Anpassung im Bereich Bildungsniveau. Man könnte beispielsweise alle gering Qualifizierten automatisch rausrechnen, weil sie ja nicht dem nachgehen, was die Bundesregierung als Arbeit definiert. Noch besser, man könnte alle als gering qualifiziert einstufen, die schon mal die Arbeit verloren haben. Wahrscheinlich waren sie nicht ausreichend qualifiziert, sonst hätten sie den Job ja noch. Nicht gut? Ach so, ja. Wenn der Präsident rausfliegt, kriegt er natürlich Sonderkonditionen.

Die Bundeskanzlerin hatte da neulich einen sehr interessanten Vorschlag, von wegen: Arbeiter- und Bauernstaat. Da Bauern ja per Definition nicht arbeitslos werden können, sollte man nicht einfach alle, die nicht Arbeiter sind – nein, Sie haben recht. Zu kompliziert. Das kapieren die im Ministerium nie. Man müsste eben den Arbeitsbegriff völlig neu definieren. Das Paket IX-B ist schon nah dran. Es gibt ja Sachen, die keine Wertschöpfung haben und dennoch als Arbeit bezeichnet werden. Den Bodensatz, wenn Sie so wollen. Ein-Euro-Jobber, Investmentbanker, Guido Westerwelle. Man könnte jetzt beispielsweise alle Arbeitssuchenden als gewerbsmäßige Arbeitssucher umdefinieren, dann wäre man auf einen Schlag alle Sorgen los. Wie? Nein, da haben Sie natürlich recht. Man muss doch ein Druckmittel behalten.

Das Paket IV-4G ist besonders jugendorientiert. Haben wir aus Japan importiert, die sind für so was immer zu haben. Wer in der Arbeitslosenstatistik auftauchen soll, muss unbedingt vorher schon einmal gearbeitet haben. Toll, oder? Es gibt also ab sofort keine Jugendarbeitslosigkeit mehr. Und keine arbeitslosen Akademiker. Nein, auch nicht für prekäre Beschäftigung. Die fallen da gleich durchs Raster. Dann wissen die auch gleich, wo sie hingehören.

Sie können natürlich selbst aktiv mithelfen, die Statistiken zu verbessern. Arbeitsunfähigkeit ist ein Ausschlusskriterium für die Statistik. Wissen Sie, die richtigen Bedingungen müssen da her. Das richtige Umfeld zur allgemeinen sozialen Verbesserung. Stress, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs, Burnout – Sie, unterschätzen Sie mir den Burnout nicht, das ist eine ganz tolle Sache! Wenn wir weiterhin so viel Burnout haben, dann steigern sich die Selbstmordraten, und das heißt: weniger potenzielle Arbeitslose, weniger Kosten, und natürlich werden auch ein paar Wohnungen frei. Sorgen Sie für Stress. Angst vor der Arbeitslosigkeit. Stellenstreichungen, machen Sie Stellenstreichungen! Je mehr Stellenstreichungen, desto geringer die Arbeitslosenquote. Klingt logisch, oder?

Wir legen sofort los. Versprochen. Seien Sie ganz unbesorgt, bis zu Ihrer Gastrede auf dem Gewerkschaftskongress haben Sie genau die Arbeitsmarktzahlen, die Sie sich wünschen. Kein Problem. Wir arbeiten dran.“


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