Der Weg ist das Ziel

26 01 2012

„Na, dann wollen wir mal.“ Doktor Klengel erhob sich ächzend von der Tafel, voll von Grünkohl, Schnaps und Bier. „Wenn ich den letzten Bus zur S-Bahn noch schaffen will, muss ich mich ein bisschen beeilen.“ Der Artikel im Generalanzeiger hatte gefruchtet. Die flächendeckenden Kontrollen der Polizei sorgten endlich dafür, dass keiner mehr bezecht ins Auto stieg.

„Ich gehe jetzt Ulmenweg hoch, dann die zweite rechts, und dann steige ich Moosrösleinweg in die Linie 343.“ „Geht doch gar nicht“, ließ sich Staatsanwalt Husenkirchen vernehmen, selbst ein wenig schwerzüngig ob der vielen Obstbrände. „Die zweite ist der Abzweiger in die Kleingärten, Sie meinen die dritte.“ Seine Frau widersprach. „Wenn Sie Moosrösleinweg einsteigen, fährt doch nur noch der Nachtbus, aber der geht ja bloß bis Elsterbeckchaussee.“ „Mit Umsteigen natürlich“, belehrte Klengel sie. Auch mein Hausarzt hatte kräftig getankt; die Tischkante war stabiler als er. „Mit Umsteigen, und dann in die S5 bis Talweg, dann die Treppe an der Westseite hoch, und dann die Buchenallee runter.“ „Sie meinen Nordseite“, mokierte sich Herr Breschke. Der pensionierte Finanzbeamte war trotz mehrerer Biere erstaunlich nüchtern geblieben. „Nord- und südwärts sind nämlich seit dem großen Umbau 1987 die Treppen, und die Nordseite geht in Richtung Villenviertel.“ „Aber nicht auf die Buchenallee“, stichelte Doktor Klengel zurück, „sondern auf die Kaiser-Wilhelm-Allee Ecke Karl-Friedrich-Schinkel-Platz, wo die Buchenallee in den Lärchenring mündet.“

Ich zog unbemerkt die Augenbrauen in die Höhe; Hildegard verstand. „Wir sollten uns auch diskret entfernen“, sagte sie tonlos. „Am Ende müssen wir uns noch einmal anhören, wie Breschkes Tochter vor drei Tagen den halben Nachmittag im Bus zugebracht hat.“ Schon hatte seine Frau die Gelegenheit ergriffen. „Wegen der Baustelle am Rathausmarkt war ja der ganze rechte Streifen aufgerissen, die 201 hält derzeit gar nicht beim Stadtpalais – und wenn man dann die Haltestellen nicht angesagt bekommt, muss man an der Frankfurter Allee aussteigen.“ Das ist zwar nur einmal um die Ecke und auf dem gleichen Weg, wo ohnehin zehn Linien entlangfahren, doch Breschkes Tochter machte es richtig. Sie ließ sämtliche Busse an sich vorbeifahren, ließ auch etliche 201-er ziehen, die regulär zur Endhaltestelle Olympiadorf fuhren, und stieg erst in den nächsten Einsatzbus, der sie (wie jene 201, aus der sie versehentlich sich entfernt hatte) zur Parkstraße fuhr, ganze zwei Haltestellen weit, Fußweg knapp vier Minuten. Aber man muss ja eine Tageskarte ausnutzen.

Der Kellner hatte die Aquavitflasche gleich auf den Tisch gestellt und berichtete empört von den Verhältnissen im Karolinenforst. „Die 392 kommt immer zehn Minuten zu spät, da verpasse ich doch jeden Tag die S6 – ich kann doch schlecht bis Landgraben laufen und dann mit dem 322-er Richtung Rübenfeld fahren.“ „Zehn Minuten früher aufstehen wäre die eine Möglichkeit“, stichelte Breschke, „andererseits könnte man sich ja auch langsam mal einen Winterfahrplan kaufen.“

Unterdessen hatte Husenkirchen eine schier unmögliche Geschichte zu erzählen begonnen. Ein komplett kostümierter Weihnachtsmann hatte mitten im Hochsommer mit vorgehaltener Waffe eine Staude Bananen von einem Bankräuber erbeutet, sich mit affenartiger Geschicklichkeit auf die Prinz-Eugen-Brücke geschwungen und von dort aus die anrückenden Polizisten mit den Früchten in Schach gehalten. „Das war wirklich einmalig“, berichtete er keuchend, „eine Hundertschaft lag im Nu auf der Nase, alle waren auf Bananenschalen ausgerutscht, und dann kam auf einmal der Bankräuber aus der S3 gesprungen, zog sich die Maske vom Gesicht und war in Wirklichkeit Bürgermeister Ruppheimer!“ „Ich glaube ihm kein Wort“, wisperte ich, „er lügt wie gedruckt!“ „Natürlich“, zischte Hildegard zurück. „Die S3 fährt doch gar nicht über die Prinz-Eugen-Brücke.“

Breschke stierte glasig in sein Schnapsglas. „Wenn sie nächsten Winter die Blücherchaussee zur Einbahnstraße machen, dann müssen die 203 und die 314 auf dem Rückweg über Moltkeplatz fahren, und das geht ja nun wirklich nicht!“ „Aber sie wollen doch dort die neue Schwimmhalle bauen“, schaltete sich Doktor Klengel ein, „wie soll denn da der Verkehr herumkommen?“ „Da läuft doch der Landgraben“, lallte Husenkirchen, „und Wasser haben sie sowieso, sonst gäbe es ja auch kein Schwimmbecken.“ Der Ober goss noch einmal Aquavit nach, diesmal aber endgültig eine letzte Runde, wie er seit einer Viertelstunde immer wieder ankündigte. „Alles viel zu umständlich. Der Weg ist doch das Ziel!“ Sie glotzten ihn teilnahmslos an. „Wenn man doch sowieso immer woanders hin muss, kann man das doch auch gleich mit einem Taxi erledigen lassen.“ „Richtig!“ Husenkirchen wedelte erregte durch die Luft. „Ganz richtig so, man müsste das dann nur richtig organisieren. Mit festen Abfahrtszeiten. Und dass man zwischendurch auch umsteigen kann.“ „Ich würde sofort eins nehmen“, gackste Breschke. „Aber dann nur mit Anschluss an die S6 und an die Nachtbuslinien bis Parkstraße. Sonst müsste man den ganzen Weg bis zur Kastanienallee zu Fuß gehen, und nachts sogar drei statt zwei Stationen, weil ja gerade die Blücherchaussee nicht angefahren wird.“ Hildegard schob mir die Autoschlüssel herüber. „Du fährst“, stöhnte sie, „ich halte das nervlich nicht durch. Und zwar bitte bis Karolinenforst. Über Rathausmarkt und Prinz-Eugen-Brücke.“


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4 responses

26 01 2012
lamiacucina

Obstbrände und Aquavit vertragen sich schlecht.

26 01 2012
bee

Vor allem mit dem gesunden Verstand 😉

26 01 2012
Doktor Peh

Kein Wunder, dass gewisses Verfahren immer etwas länger braucht.

26 01 2012
bee

Dafür lernt man auf dem Umweg die Gegend besser kennen.

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