Gernulf Olzheimer kommentiert (CXXXVI): Diätwahn

27 01 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Nggr hockt in ihrer Eigentumshöhle und tut, was sie im Glanz der lodernden Scheite stets zu tun pflegt: sie polstert ihre Rundungen mit Mammut vom Spieß. Wo das Grillgut rein und die akustische Untermalung der Nahrungsaufnahme rauskommt, ist vorne – mehr muss man von ihr nicht wissen, denn sie lebt in einer Epoche, in der das ästhetische Empfinden noch ohne sozialen Zwang auskommt. Die realistische Malerei ist noch nicht erfunden, Fotografie und Unterschichtenfernsehen noch in weiter Ferne, und keine Modeindustrie quarrt in nöliger Hochglanztristesse dem Konsumvolk das Diktat der Anorexie in die blutenden Ohren. Die Hominiden sind verhältnismäßig glücklich in ihrer Haut. Sie leiden noch nicht unter dem Diätwahn.

Jede zweite Frau sieht ihr Alter Ego als Moppel-Ich, und das ohne Korrelation zur tatsächlichen Physis. Die Dysmorphophobie vor dem Spiegel wird von jeder Weiberpostille getriggert, von jedem Laufstegzirkus, von jeder Castingshow für plappernde Kleiderständer, die einzig das Ziel verfolgen, aus dem weiblichen Personal der Industrienationen pawlowsche Pinscher zu züchten, denen man den BMI als Stigma in die Synapsen dreschen kann. Heerscharen verzweifelter Hobby-Fetischistinnen reduzieren die Nahrungszufuhr auf das bisschen feuchte Watte, das ausreicht, um auf Niedrighirnniveau zu vegetieren.

Sie trinken Tee aus alten Socken und saugen an nacktem Salat. Sie verzichten auf Milchprodukte, Kohlehydrate, Zucker, Fett, Salz, Fleisch, Eier, rote Beeren, grüne Beeren, sämtliche Beeren, und klappen schließlich als Wassersuppenkasper in der Ecke zusammen. Ihre Stoffwechsel läuft nicht zuletzt auf Endorphinbasis, wie auch Masochisten ihre Befriedigung darin finden, sie sich zu versagen. Die zwanghafte Verweigerung führt an kein Ziel, denn zwei Pfund weniger sind danach auch wieder nur drei Pfund zu viel – abgesehen vom Jo-Jo-Effekt, der sie unvermeidbar um ihren Fortschritt prellt. Sie empfinden ein paar Gramm Wasserzulage als Niederlage, gleichwohl es ein natürliches Phänomen ist und jedem anderen Abspeckspacken so passiert. Doch was ist schon Logik.

Längst hat sich die Diät zur eigenständigen Popkultur ausgeweitet. Schwören die einen auf die totale Kohlsuppe, beten die anderen zur Trennkost, während eine hippe Schicht durchgeratterter Rüben das ausgelutschte Abendfasten zum modischen Dinner-Cancelling hochstilisiert und fortan mit grunzendem Gedärm in der Bettstatt deliriert. Das einzig legitime Ziel ist die Minimalisierung der zugeführten Nahrung. Vermutlich sind es reine Wahnvorstellungen, die hypoglykämische Lifestylebratzen im Entwöhnungskasper zu den dämlichsten Ideen treiben. Steinzeit-Diät? ideal geeignet für die prädiluviale Spezies, wie sie als Neurochirurgen und Taxifahrer auftritt. Kreta-Diät? logisch, vor allem in Bad Salzuflen sind Olivenöl aus dem Supermarkt und schockgefrostete Calamari die gesündesten Lebensmittel in Reichweite. Glyx-Diät? sich Mehl hinters Zäpfchen zu schwiemeln hat noch bei keinem Säuger die Bauchspeicheldrüse in Rotation versetzt. Die meisten messianischen Erfolgsrezepte sind naturwissenschaftlich so haltbar wie Absingen peruanischer Fruchtbarkeitslieder bei gruppendynamischem Gehüpfe in konzentrischen Kornkreisen, wie Homöopathie oder Geistheilung. Sie werden von physiologischen Laien bei einer guten Flasche Bio-Rotwein aus den Fingern gelutscht und verpesten generationskohortenweise gutgläubige Matschbirnen, Low Fat, Low Carb, Low Mind.

Denn sie wollen alle nur eins, den schnellen Erfolg. Keine der Schwabbelbacken würde sich auf drei Mahlzeiten statt vier Tüten Chips beschränken, freiwillig Treppen steigen und dem Alkohol entsagen, wenn die Werbung doch zehn Pfund in zehn Tagen verspricht. Keine Fresszelle besäße genug Einsicht, Fett und Zucker als natürliche Geschmacksträger und Konservierungsmittel zu begreifen, während sie sich chemisch modifizierten Produktionsmüll in die Schleimhäute löffelt, ein wirres Gemisch, das bei Gegenwind leuchtet und das Immunsystem abschmirgelt. Sie wollen nicht schlank sein, sie wollen nicht ihr Gewicht halten, sie wollen möglichst schnell möglochst viel von sich selbst loswerden. Ihr Gehabe ist infantil, denn der Wunsch ist bis zu einem gewissen Grad erfüllbar, wird nach einmal gestilltem Verlangen allerdings nicht einmal ansatzweise zur seelischen Stabilität führen. Jene kapitalistisch anmutende Gier nach dem allenfalls asymptotisch erreichbaren Ziel jenseits des Rationalen macht den Bekloppten zu einer Marionette der Selbstzerstörung, die dem Inbegriff vergänglicher Schönheit nach dem billig manipulierten Abziehbild einer Schönheitsindustrie folgt, dümmlich nachtrottend am Nasenring der Zivilisation. Es mutiert inzwischen zum elitären Habitus, sich den Finger in den Hals zu stecken, während die Mittelschicht in die Adipositas gleitet. Wir werden es verschmerzen. Was sich da zum Strich in der Landschaft kotzt, lässt sich hernach leichter entsorgen. Es wird vom Winde verweht.


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2 responses

27 01 2012
Doktor Pé

Allerdings hat die Natur genau bei jenen Spezies der hautbespannten Selbstlaufskelette einen Genstopper der besonderen Art eingebaut. So wird mit Abnahme des spezifischen Gesamtgewichts eine Abnahme der körpereigenen Brunftstoffe eingeleitet, so dass diese bedauernswerten Kreaturen keinerlei Bedarf mehr zur Ausübung artfortführender Maßnahmen oder deren Training verspüren. Vereinzelt soll sich aber auch temporäre Farbenblindheit eingestellt haben, der Fall einer Frau Klum kann hier als Beispiel herangezogen werden. Ein kleiner Prozentsatz trotzdem kopulierender Knochenexhibitionisten indes verstarb an multiplen Knochenbrüchen während der Ausübung.

27 01 2012
bee

Mir schwant, dass sich das optisch beeinflussbare Geschlecht (Akkuschrauber, Sportwagen, Kugelgrill) bereits so weit in den Nesselschnüren der Medien befindet, dass nur noch Frauen mit den Modelmaßen eines Trinkhalms in sein Beuteschema passen: lang, dünn, aber wenigstens hohl. Wenn da die Rippen beim Reproduzieren knuspern, wird’s wenigstens keinen wundern.

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