Immer an der Wand lang

1 02 2012

„So sollte es passen.“ Mauritz schwenkte das kleine metallene Objekt in der Hand umher. Aufmerksam betrachtete er die Anzeige; der Kandidat schwitze ein wenig, aber Mauritz lächelte ihm aufmunternd zu. „Sie haben nichts falsch gemacht, sonst würde der Kompass ja schon ausschlagen. Und Sie sind anscheinend über jeden Zweifel erhaben.“ Mauritz ließ das Gerät sinken und schüttelte ihm die Hand. „Sehr gut, bei dem Ergebnis sollten Sie umgehend eine Stellung als Forschungsleiter bekommen.“

„Wenn ich es richtig verstanden habe“, fragte ich und starrte durch die Klemmlupe auf das uhrenähnliche Messgerät, „dann hängt das mit positiven und negativen Schwingungen zusammen? Und mit den quantitativen Abweichungen?“ „Man merkt, dass Sie kein Naturwissenschaftler sind.“ Mauritz ließ das Ding pendeln und sah dem Zeiger zu. „Es geht um die Intensität der Schwingungen, das ist richtig. Und es geht bei den Alpha-Wellen, die wir messen, um eine quantenmechanische – also sozusagen die Abweichung der Operatoren in einem Hilbertraum, der allerdings auf quadrat-integrablen Funktionen beruht, denen wir im Moment der Messung – aber das würde jetzt sicher etwas zu weit führen. Wir messen die Abweichung von den Schwingungen, die wir messen.“ „Eine kleine Differenz?“ Mauritz nickte. „Allerdings. Je nachdem, wie groß sie ist, lässt sich das Ergebnis auch bestimmen. Das ist ja Sinn der Sache.“

Zwei Halbkreise, rot und grün, waren wie auf einer Rose angeordnet. Darüber zitterte eine dünne Nadel. „Und dieses Ding weist nun in die richtige Richtung?“ Er klopfte sachte auf das Uhrglas. „Je nachdem, wie man es hält. Ein Magnet zeigt ja auch auf den südlichen Pol, obwohl der, genau genommen, auf der Nordhalbkugel liegt.“ Die Nadel vibrierte ein wenig und beruhigte sich dann, langsam zwischen Grün und Rot pendelnd, hin und her, hin und her. „Es kommt auf die Betrachtung an. Im Osten von uns, bei den Chinesen, hat man den Südpol bevorzugt, den wir im Westen aber noch nicht als den Nordpol erkannt hatten.“ Ich war verwirrt. „Nord-Süd-Dialog“, half er mir. „Man weiß nicht so recht, was das soll, aber alle laufen in diese Richtung, als gäbe es dort etwas umsonst.“

Plötzlich hielt Mauritz das Gerät mir unter die Nase. Belustigt blickte ich ihn an. „Sie prüfen mich auf Herz und Nieren“, sagte ich. Er starrte unablässig auf das Zifferblatt, darauf die Nadel ein bisschen schwankte. „Ein durchschnittlicher Fall“, konstatierte er. „Sie sind kein Engel, aber wer würde das von Ihnen auch erwarten.“ Genau so abrupt, wie er mir den Kompass vorgehalten hatte, drehte er sich um und richtete ihn gegen die Wand. Dort hing, wie in sämtlichen Einrichtungen dieses Staates, der Präsident, unauffällig gerahmt und von nicht zu übersehender Langweiligkeit. Die Nadel ruckte und zuckte. Mauritz fuhr das Ding nach oben und nach unten. „Immer an der Wand lang“, sagte er, tief befriedigt. „Immer an der Wand lang, da sehen Sie es. Wir können diese Abweichungen sofort messen.“ „Man hatte mir mitgeteilt, dass Ihre Abteilung hier an einem Moralmessgerät arbeitet, ist das korrekt?“ „Richtig“, bestätigte er mir. „Diese Nadel misst eindeutige Schwingungen, wie ein Kompass, der immer nach Süden zeigt.“ Ich sah das Präsidentenporträt scharf an. „Und Sie nutzen ihn als Anschauungsobjekt?“ „Falsch“, gab Mauritz zurück, „wir eichen den Messer daran.“

Noch immer schwankte die Nadel, obwohl der Wissenschaftler sich längst entfernt hatte. „Es sind die Schwingungen, die positiv oder negativ ausschlagen. Aber entscheidend sind nun mal die Differenzen. Jene zwischen dem, was Sie zu sein vorgeben und dem, was Sie tatsächlich sind. Eine quantenmechanische Größe, aber eben nicht zu vernachlässigen.“ „Die Störgröße, die die Messung beeinflusst, ist Ihr moralischer Messwert?“ Er nickte und schaltete das Radio an. Der Finanzminister nuschelte in die Mikrofone, dass der Zeiger wild um die eigene Achse rotierte. „Sehen Sie? Unser Schwingungsmodell ist bahnbrechend.“

Mauritz legte das Gerät behutsam auf den Tisch. „Denken Sie nur einmal, was man mit diesem Ding alles anstellen könnte. Bewerbungsgespräche, bei denen Sie sofort wissen, ob Ihr Aspirant Ihnen nicht die Hucke volllügt. Sie können zu einer Wahlveranstaltung gehen und wissen sofort, ob Ihr Kandidat seinen Doktortitel auch zurecht führt. Und dann die politischen Verhandlungen!“ Seine Augen leuchteten mit einer geradezu kindlichen Freude. „Politische Verhandlungen wie just um den Sparkommissar für die griechische Regierung, nein: statt der griechischen Regierung. Das wird in Zukunft alles völlig anders sein. Kein As mehr im Ärmel! Sie werden nie mehr jemanden über den Tisch ziehen können!“ Ich runzelte die Stirn. „Das Ende der Diplomatie.“

Die Nadel zuckte noch ein bisschen im grünen Halbkreis herum; draußen musste wohl gerade jemand vorbeigegangen sein. „Wir würden uns mit diesem Apparat einem politischen Traum nähern. Endlich wissen wir nicht nur, mit wem wir es zu tun haben, wir stellen die größtmögliche Transparenz mit diesem Apparat her. Wenn man es richtig einsetzt, dürfte es unser Leben enorm verändern.“ Ich nahm es an mich; leicht lag es in meiner Hand, ein kühles Gehäuse mit glänzender Oberfläche. „Das wird sich durchsetzen?“ „Wir arbeiten noch an einer Kleinigkeit.“ Mauritz nahm es mir weg und steckte es in seine Tasche. „Wir selbst verfälschen immer ein wenig die Messung. Nur ein kleines bisschen. Quantenmechanisch, Sie verstehen?“


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