Gernulf Olzheimer kommentiert (CXXXVIII): Verbraucherschutz

10 02 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das Leben ist, wer hätte das geahnt, tödlich. Alles, was man in die Hand nehmen, aus dem Fenster schmeißen, in kochendes Wasser fallen lassen kann, ist ein potenzielles Mordwerkzeug. Schon der Verzehr eines einzigen Öltankers kann nicht abzuschätzende Folgen haben – und wie häufig sind gerade berufstätige Eltern damit konfrontiert, dass ihre Sprösslinge zufällig auf dem Sofa herumliegende Öltanker en bloc verschlucken. Man muss die Menschheit vor sich selbst retten, sonst kegelt sie sich eines Tages mit Hilfe von MacGyvers Tascheninhalt über die Wupper. Alle simultan einzuknasten funktioniert logistisch nicht, außerdem ist es zu teuer. Der kollektive pränatale Suizid ließe sich noch schlechter kontrollieren. Uns bleibt bloß der Verbraucherschutz.

Verbraucherschutz ist eine lustige Ansammlung von Maßnahmen, dem Konsumenten klarzumachen, dass er bezahlen und ansonsten seine Klappe halten soll. Alles wird ihm vorgekaut und paternalistisch parfümiert, der Beknackte hat ausschließlich zu schlucken. Damit das so gut funktioniert, wird das Ressort der Verbraucherschützer mit pathologisch austrainierten Kippfiguren ausstaffiert, die sich in blankem Selbsthass ergehen: damit der Verbraucher sie aus tiefster Seele verabscheut, wird der nur dann approbierter Konsumkontrolleur, wenn er bereits eine solide Abneigung gegen jegliche Laien, insbesondere den harmlosen Hausvater nebst Gattin, Kind und Hamster hegt. Mit derlei Dialektik ausgestattet entsteht alsbald knisternde Spannung zwischen Menschen und Märkten. Das ist soziale Marktwirtschaft, langweilig wird sie nie.

Natürlich darf der Verbraucherschutz nie von seiner Prämisse abweichen, der durchschnittliche Depp im Lande sei genau so verdübelt wie er selbst – könnte man sein Geld denn leichter verdienen als mit Zuckerwürfelpackungen, auf denen gut lesbar abgedruckt sein muss, dass dieses Produkt Zucker (in Würfelform) enthält? Wäre eine im Notfall vom Staat ausgehaltene Dumpfdüsenzuchtanstalt noch zu betreiben, wenn deren Insassen mehr können müssten, als Plastetütchen in Knopfzellengröße mit Warnaufdrucken zu verschwiemeln, falls versehentlich ein Liliputanersäugling sie sich über den Schädel zu ziehen gedächte? Abgesehen davon, dass auch King-Size-Neugeborene seltener zum Lesen neigen, die Angelegenheit offenbart lediglich das Verhältnis zum Bürger. Der Verbraucherschützer, namentlich der wild aus der Gebietskörperschaft wuchernde, ist ein Peitschenpädagoge, der sich zur erfolgreichen Verrichtung seiner Verdeppungsleistung bereits auf die embryonalintelligenten Bevölkerungsanteile zu konzentrieren hat. Die Sache ist nur ohne Schäden im Frontzahnbereich durchzustehen, wenn man sich von dem Gedanken verabschiedet, von halbwegs lebensfähigen Hominiden umgeben zu sein.

Denn welcher Bekloppte würde auf die Idee kommen, Tiefkühlpampe mit doofenkompatibler Nährwertampel für gesund zu erklären, weil sich der Richtwert an Fett, Zucker und Chemieunfällen beim täglichen Verzehr von 100 Gramm Pizza noch einhalten ließe? Ist nicht die Einstufung von Geländekarren, die der Yuppie zwingend für den täglichen Stau im Stadtverkehr braucht, als für ihre Klasse adäquat, die Klassifikation einer 13-PS-Straßenwanze jedoch als chronischer Spritfresser der Gipfel des Hirnrisses? Fällt der berappenden Bevölkerung nicht auf, dass sie sich unter Kuratel einer Kaste befindet, die so sinnvoll ist wie die Rücktrittbremse am Teilchenbeschleuniger? Würde der von Politik und anderen Lobbyisten reflexartig geforderte mündige Bürger das System nicht sofort zur Implosion bringen? Denn die Warenadvokaten interessieren sich minimal für die Keimbelastung in Discounterhühnerleichenteilen, schalten aber auf Durchzug, wenn chinesische Weichmacher in Form von Spielwaren wegen ihrer Herkunft aus volksrepublikanischer Kinderarbeit zur Diskussion stehen. Kauft nur der teutsche Untertan elektrische Haartrockner mit mindestens drei schaltbaren Leistungsstufen, dann ist alles, alles gut.

Da passt es doch, dass sich der europäische Moloch anschickt, seine Bürger wie in den US of A offiziell für infantil zu erklären. Messer, Gabel, Schere, Licht dürfen vermutlich bald nur noch im Beisein eines bewaffneten Sicherheitsbeamten angeschaut werden. Man preist ihnen das Leben hinter schusssicherem Glas als höchste Stufe der Freiheit, was ja faktisch auch stimmt – so frei von Verantwortung war der gemeine Honk noch nie. Er hat sich fangen lassen und hängt im Gängelband des Vormunds, der vom Rauchen abrät, weil’s dem Krebs Vorschub leistet, aber Silikonmöpse und Telefonverträge bedenkenlos in den Markt drückt, weil sich der Unternehmer elegant vor geprellten Kunden zu schützen versteht. Verbraucherschutz nimmt dem mündigen Unternehmer die Angst davor, plötzlich mündige Kunden zu haben.

Sicher wird es irgendwann die Panne geben, nach der wir alle nur noch unter Luftabschluss konsumieren dürfen. Terroristen werden ein Flugzeug entführen. Mit dioxinbelasteten Hühnerbeinen.


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