Die Lümmel von der ersten Bank

13 02 2012

„Bauchweh? Christian, was hast Du denn wieder für Bauchweh? Schreibt Ihr morgen etwa Mathe? Du weißt es nicht? Du kannst Dich nicht erinnern? Christian, das ist doch jetzt schon das zweite – nein, warte: das dritte Mal, dass Du – Christian? Hast Du wieder etwas angestellt?

Ja, die anderen Kinder haben es eben auch nicht leicht. Und die werden nicht ständig übers Wochenende eingeladen. Auch nicht nach Japan. Jetzt hör aber auf, Dich ständig zu beschweren, Christian! Wenn Dir das Taschengeld nicht reicht, dann wirst Du Dir eben einen Job suchen müssen. Andere Kinder in Deinem Alter arbeiten auch.

Ein Auto? Du willst mit dem eigenen Auto in die Schule fahren? Christian, Du bist doch noch gar nicht alt genug für einen Führerschein. Und wenn Du nicht mehr mit den anderen Kindern im Bus fahren willst, dann kann Mutti Dich doch bringen. Aber wozu brauchst Du denn jetzt schon ein eigenes Auto? Weil der Onkel Geerkens auch eins hat? Aber der ist doch auch schon erwachsen, Christian. Der fährt nicht jeden Morgen zur Schule. Und überhaupt, wenn Du von Deinem Taschengeld ein eigenes Auto kaufen willst, das reicht doch nicht einmal für die Anzahlung. Wieso, ich weiß nicht Bescheid? Christian, Du hast doch nicht schon wieder –

Hast Du etwa wieder Geld vom Onkel Maschmeyer genommen? Christian, jetzt sag die Wahrheit! Wenn Du willst, dass Mutti Dir eine Entschuldigung schreibt, dann musst Du mir jetzt aber versprechen, dass Du die Wahrheit sagst. Versprichst Du mir das, Christian? Wie, das werden Deine Anwälte mir schon erzählen – fängst Du schon wieder so an? So spricht man nicht mit Mutti, verstanden? Und jetzt rede Dich nicht wieder raus, dass nicht gelogen hast, sondern die Anwälte. Ich will das nicht, dass Du Dein Taschengeld für diese Anwälte ausgibst, Christian. Schau mal, andere Jungs in Deinem Alter, die sparen schon auf ein eigenes Häuschen.

Nein, das habe ich damit nicht gemeint. Ich sagte: Du sollst mir versprechen, die Wahrheit zu sagen. Und ich will dann nicht hören, dass es wieder nur bei dem Versprechen bleibt!

Christian, Du sollst nicht immer alles auf einmal essen. Meine Güte, woher hat das Kind bloß diese verdammte Gier! Wenn Du immerzu Schokolade und Kuchen und Himbeerbonbons und Eis in Dich hineinstopfst, dann kriegst Du eben Bauchweh. Und dann muss Mutti Dir eine Entschuldigung schreiben und hoffen, dass der Lehrer nicht genau hinguckt.

Ein neues Telefon? Wozu brauchst Du ein Telefon? Und schon wieder ein neues? Christian, Du sollst doch nicht immer mit diesem – Du hast Dir vom Onkel Groenewold einfach das Telefon mitgenommen? Das macht man aber nicht! Wozu brauchst Du denn dieses Telefon, Christian? Du kannst Dir doch selbst eins kaufen, oder gibt Dir Mutti nicht genug Taschengeld? Ach, Du musstest das Geld für die Anwälte ausgeben? Und der Onkel Groenewold hat Dich so oft eingeladen, dass Du mit dem Bezahlen gar nicht mehr nachgekommen bist? Und das soll Mutti Dir so einfach glauben?

Meine Güte, dann spiel doch mal mit den anderen Kindern! Immer musst Du mit dem Onkel Glaeseker herumhängen, das ist doch nicht mehr normal. Guck mal, jetzt ist gerade Berlinale, alle anderen Kinder gehen da zum Karneval – und keiner kommt Dich besuchen. Meinst Du denn, mir macht das Spaß, wenn Du den ganzen Tag lang nur zu Hause sitzt? Und lernen willst Du auch nichts!

Das ist doch klar, dass man sich damit in der Klasse unbeleibt macht, Christian. Wenn man sich so wie Du benimmt, dann will eben keiner neben Dir sitzen. Ja sicher, Christian – Du stiftest die anderen zum Lügen und zum Abschreiben an, und wenn sie vom Lehrer erwischt werden, dann weißt Du wieder von nichts? Wundert Dich das? Weil was? Klassensprecher? Sie haben Dich zum Klassensprecher gewählt, und Du warst nicht darauf vorbereitet, dass Du die Wahl auch gewinnen könntest? Das hat Dich überfordert? Und deshalb kannst Du jetzt keine Mathearbeit schreiben, weil Du wieder so Bauchweh hast?

Sag mal, hast Du etwa wieder Geld aus Muttis Handtasche genommen? Christian! Du sollst nicht immer an meine Sachen gehen! Das ist Diebstahl, Christian, ganz gemeiner Diebstahl! Wie, Du hast nicht gelogen? Du hast doch gesagt, Du wolltest dem Onkel Groenewold einen neuen Briefkasten schenken, oder habe ich da etwas verwechselt? Und Du hast mir doch gesagt, Du hast nicht wieder etwas geklaut? Was? Du sollst Mutti jetzt endlich die Wahrheit sagen, wenn Du gefragt wirst! Wie, Du hast die Wahrheit gesagt? Du hast gesagt, Du bist an die Börse gegangen – und das bezeichnest Du als die Wahrheit sagen? Christian, wie oft habe ich Dir gesagt, Du sollst Mutti nicht anlügen? Was sollen denn die Leute von mir denken?

Gut, einmal noch. Ein einziges Mal schreibt Dir Mutti noch eine Entschuldigung. Wenn Du mir diesmal auch wirklich ganz fest versprichst, dass es das allerletzte Mal gewesen ist. Und dass da nichts mehr rauskommt. Und dass Du ab jetzt brav bist. Und nicht wieder Bauchweh kriegst, wenn Du Mathe schreiben sollst. Und nicht mehr lügst. Und nichts mehr von dem Onkel Groenewold nimmst. Und nicht mehr unartig sein willst zu den anderen Kindern. Und nicht mehr an Muttis Geld gehst. Ein einziges Mal noch. Zum letzten Mal, Christian. Zum allerletzten Mal, hörst Du? Zum allerletzten Mal.

Bobby-Car? Was für ein Bobby-Car, Christian?“


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