Gernulf Olzheimer kommentiert (CXLII): Magisches Denken

16 03 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wie hatte es der Hominide im Frühstadium seiner Stammesgeschichte einfach. In jährlichem Rhythmus kehrte jene Zeitspanne ohne Bodenfrost wieder, in der man allerhand Beeren aus dem Wald besorgen konnte, Eidechsen, Paarhufer oder formschöne Fleischwunden bei der Konfrontation mit dem Säbelzahntiger. Die Älteren gaben kurz vor dem Ableben am Lagerfeuer den Jüngeren weiter, wie man Feuersteine anspitzt und Fressgetier zur Strecke bringt, nebst einigen praktischen Winken zur Erhöhung des Erfolgs: langsam vorgetragener Singsang oder Freiübungen bei Vollmond sind unerlässlich für den glücklichen Ausgang der Sache, Kritzeleien an Höhlenwänden schaden sicher auch nicht, und am sichersten ist es noch immer, der Greis mit dem arkanen Wissen murmelt seine zauberischen Worte, von alters her nur von Deppenmund zu Deppenohr weitergegeben. Wer’s glaubt, wird selig, geboren war die Voraussetzung für die Spökenkiekerei, das magische Denken.

Jeder Dünnsinn braucht einen Bekloppten, der fest an ihn glaubt und sich durch alle Schmerzreize der kritischen Vernunft nicht davon abbringen lässt. Das magische Denken ist das Gegenstück des verwehenden Gehirngestrüpps, seine Voraussetzung und sein Ziel: wer fest in Esoterik, Hexenwerk und übernatürlichen Klumpatsch verwurzelt ist, braucht eine verknitterte Optik, die ihn nicht mit Tatsachen von seiner Ergebenheit abhält. Jede nebensächliche Erscheinung, Westwind oder Aurora borealis, will letztbegründet sein, am besten mit jenem höheren Wesen, das wir verehren, will systematisiert sein in ein hübsch übersichtliches Ding für Nichtdenker, leicht zu erlernen und angenehm haltbar gegen die Fährnisse der Wirklichkeit. Und die Wirklichkeit hilft nach Kräften dabei.

Zunächst bilden sich Berufsstände, die aus dem Mystizismus eine berechenbare Dienstleistung machen, Schamanen, Gaukler und Wahrsager, die mit etwas Hokuspokus Mondfinsternis, Tidenhub oder das Äquinoktium herbeiführen, während die anderen Bekloppten ihre Gesichtsschädelöffnungen vergrößern. Die Sache ist leicht auszuüben, einfacher als Jagen und Sammeln, Mauern, Pflügen oder Menschen schlachten, und zieht eine gewisse Schicht nicht unintelligenter, aber auch nicht mit Moral gepeinigter Individuen an, die aus dem Drang der Masse zur metaphysischen Überhöhung elegant Kapital schlagen. Sie sind für wenig bis nichts verantwortlich, da Inšušinak, Dažbog oder Ahura Mazda den Sonnenuntergang in die Kulisse schwiemeln, sie leben nur komfortabel von Opfersteuern und Gebetshauch und darbten, gäbe es nicht ein Heer von Leichtgläubigen, deren erklärtes Bedürfnis es ist, in jeden Sums eine Botschaft zu interpretieren.

Natürlich dient es dem vereinfachten Leben, seine Verantwortung, die Nähe zum Alltäglichen und die Doofheit der unbelebten Materie möglichst von der Backe zu kriegen und in eine okkulte Form zu entsorgen. Wer griffe nicht gerne zu Globuli, wenn nicht der magisierte Milchzucker als Vehikel der Embryonalintelligenz zugleich ein Katalysator für die glückliche Verblendung des Bescheuerten darstellte. Wir geben Waffen eine Seele, machen die ungeschweißte Schiene zum Lebensinhalt, vertrauen nur auf die selbsterfüllende Prophezeiung und ziegeln um uns Mauern des Wunschdenkens hoch. Der Wunschtraum, der Luftschlösser baut, manifestiert sich zunächst in vollständiger geistiger Abwesenheit, dann jedoch wird er zur fixen Idee, der die subfontanelle Grütze krümmt: ohne eine Parallelwelt schafft es der postmoderne Primat nicht mehr, sich durch seine Existenz zu drücken, ständig nimmt er jede Gelegenheit wahr, seine animistischen Erfahrungen aus der Hirnrinde auszupopeln und in die kapitalistische Leistungs- oder Geltungsgesellschaft zu übertragen. Wo früher noch halbwegs nüchterne Gespinste von Weltumsegelung oder dem Prinzen auf dem weißen Ross aus der Kalotte kleckerten, ist es heute der unreflektierte Glaube an die Wirkung rätselhafter Ersatzflüssigkeiten, die als Astrologie, Castingshow oder neurolinguistisches Getöse den Mehlmützen bis zum Hals stehen. Hauptsache, der Denkfehler ist formal geschlossen, dann kippt auch nichts durch den doppelten Boden.

Und längst hat das magische Denken die höchsten Bereiche unserer Zivilisationsversuche pilzartig durchflochten. Zurechnungsfähige Bürger sichern sich ideologisch ab gegen die Ratio und verbreiten ihre Dämonengläubigkeit im Gewand der politischen Botschaft. Ganze Heerscharen stürmen im Rudelkoma die letzte Bastion der Beknackten, die wundersame Geldvermehrung durch das Ungeziefer aus der Finanzetage. Die sogenannte Wirtschaftswissenschaft, die zur Leistungsgesellschaft gehört wie Eierlikör im Leitzordner, teilt sich in Anhäufungen beliebiger schizotypischer Sockenschüsse, die sich die Köpfe gegenseitig abreißen, weil sie von der selig machenden Wirkung ihrer eigenen logischen Stümpereien überzeugt sind. Jeder von ihnen ist restlos überflüssig in dieser Gesellschaft. Sie sind noch immer die alten Affen, die in ihrer Scheu vor der Aufklärung lieber den Priester die Entstehung des Gewitters erklären zu lassen, statt die Physik zu erfinden. Einige von ihnen sehen noch immer nur den Sinn darin, den eigenen Vorteil auszukosten. Und einige sind so weit in der ethischen Bilge angekommen, dass sie den Quark, den sie verkaufen, selbst glauben. Man muss sich schon sehr weit aus dem Fenster lehnen, wollte man das nur mit Politik oder der Aussicht auf verdienten Reichtum hinkriegen; wer jedoch seine Götzen in der Westentasche hat, was sollte der fürchten? Auf die Verblödung der Menschheit war noch stets Verlass.


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