Hexenschuss

20 03 2012

Der Alte schlich stocksteif vor mir her. „Es ist nichts“, ächzte er mühsam, „wahrscheinlich habe ich mir nur eine Bandscheibe ausgekugelt.“ Horst Breschke zog krampfhaft die Schultern empor, ruderte mit den Händen und setzte einen Fuß vor den anderen. Ich ging einen halben Schritt hinter ihm, immer in der Furcht, ihn im nächsten Moment auffangen zu müssen. Es war ein veritabler Hexenschuss.

„Dabei habe ich gar nichts gemacht“, jammerte der pensionierte Finanzbeamte. „Nur die Gardinen aufgehängt, dazu musste ich ja die Gardinenstange wieder festschrauben, und die Leiter vom Boden holen, und die lag ja unter dem Klappbett.“ „Sie kommen jetzt mit in die Klinik“, entschied ich. „Wenn es zu Fuß nicht geht, halte ich ein Taxi an.“ „Kein Taxi“, wimmerte Breschke, „nicht sitzen! Ich komme ja nicht einmal in den Wagen rein!“ Zum Glück waren es nur noch wenige Meter bis zur Ecke Elisabethweg, und von dort aus war die Eusebiusklinik in Sichtweite; der Elisabethweg ist eben lang, aber schnurgerade. Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis, treuer Begleiter seines Herrn, trug entscheidend zur Situation bei. Ausnahmsweise lief er nicht Breschke zwischen den Beinen herum, sondern mir.

Der Pförtner hieß uns warten. Vorsichtig bugsierte ich den schmerzgeplagten Patienten auf einen Hartschalensitz im Eingangsbereich. „Ich kann nicht lange so bleiben“, keuchte er, „das hier bringt mich um! Himmel noch eins, das tut weh!“ „Geben Sie mir Ihre Versicherungskarte, dann werde ich Sie anmelden.“ Mit zittrigen Fingern reichte er mir das Stückchen Plastik. Ich brach auf zur Rezeption. Leider war sie nicht besetzt. Erst nach einer Viertelstunde ließ sich eine mürrische Schwester blicken, die mich kaum zur Kenntnis nahm. „Guckt sich der Doktor an“, schnarrte sie. „Zweite links, ausziehen.“ Schon war sie weg. Ich trat wieder auf den Flur hinaus, suchte links nach Türen, wurde jedoch nicht fündig. Sollte ich mich am Ende verirrt haben in diesem Bau?

„Sind Sie…“ Der junge Arzt sah mich fragend an. Noch bevor ich hatte etwas erwidern können, schleifte er mich auch schon ins Zimmer und drückte mich in einen Stuhl. „Momentchen noch“, ließ er mich wissen, blätterte kurz in einer Akte auf dem Tisch und verschwand wortlos wieder auf den Korridor. Von fern tönte ein Gong, irgendwo hallte ein Schmerzensschrei durch das Haus. Sicher nur ein Zufall. Oder die Narkose hatte nicht gewirkt.

Unvermittelt riss die Schwester die Tür auf und fuhr mich an. „Ich hatte Ihnen doch gesagt, Sie sollen hier warten!“ „Ich warte ja hier“, begehrte ich auf. „Ich wollte es ja auch nur noch mal gesagt haben“, replizierte sie knapp und zog die Tür wieder ins Schloss. Für ein paar Sekunden passierte gar nichts. Ich hielt die Luft an. Schon eine knappe Stunde später kehrte der Arzt zurück. „Der Nächste, bitte!“ „Aber ich…“ „Keine Sorge“, lächelte er, „nach Ihnen ist noch keiner gekommen. Sie sind jeden Augenblick dran. Hoffe ich zumindest.“ „Wie lange wartet man denn hier?“ Er zuckte die Achseln. „Keine Ahnung, ich bin auch erst seit drei Jahren hier.“

Vermutlich litt Breschke in der Zwischenzeit Höllenqualen. Sicher hatte es ihn längst in einem Anfall von Schmerz von seinem unbequemen Sitz gerissen und er kugelte sich schreiend auf dem Boden. Aber was sollte ich tun? Die Tür war von innen nicht verschlossen, notfalls hätte ich über das Fenster auf das Vordach fliehen können (ich passte gerade so durch den Spalt), aber ich beschloss, bis auf Weiteres hier zu verharren. Die 669 Flaschen im Medizinschrank waren relativ schnell alphabetisch geordnet, kurz nach dem Sinken der Abendsonne schaltete sich automatisch die Deckenbeleuchtung ein, eine zufällig durch den Flur fahrende Hilfskraft offerierte mir, an der Abendverpflegung teilzunehmen. Ich wählte Schonkost mit Pudding und ein leichtes Frühstück mit Obst und schwarzem Tee, dann senkte sich die Ruhe der Nachtschicht über das Krankenhaus.

„Sie schlafen ja“, herrschte mich die Schwester an. Tatsächlich musste ich kurz eingenickt sein; meine Armbanduhr zeigte jedoch noch immer denselben Wochentag an, daher schien sich der Schaden wohl in Grenzen zu halten. „Bleiben Sie gefälligst wach, der Doktor wird Sie jetzt gleich untersuchen.“ Ich wollte noch anmerken, dass ich eigentlich aus ganz anderen Gründen gekommen war, doch da war sie schon weg, verschwunden in den Tiefen der nächtlichen Klinik.

Mit elastischen Schritten federte der Chefarzt ins Behandlungszimmer. Er musterte mich mit einem erstaunten Blick. „Donnerwetter!“ Ich wollte schon etwas antworten, aber ich kam gar nicht dazu. „Mein lieber Herr Breschke, die 71 sieht man Ihnen aber überhaupt nicht an. Machen Sie sich mal frei.“ „Aber ich habe Rücken“, protestierte ich. Er übersah es mit der ihm eigenen Hochnäsigkeit. „Kein Wunder, so wie Sie da hocken. Gerade sitzen, Herr Breschke! Dann werden wir schnell wieder gesund!“ Fort war er.

Ich musste etwas Zug abbekommen haben, wahrscheinlich war es auch die seltsam verkrümmte Schlafposition, jedenfalls durchzog mein Rückgrat ein stechender Schmerz. Langsam tastete ich mich den Flur entlang, immer auf die gelbe Linie am Boden achtend, und gelangte alsbald wieder in den Eingangsbereich, wo Herr Breschke sich angeregt mit einem jungen Mann im Rollstuhl unterhielt. Der Ärmste hatte Arme und Beine einbandagiert, trug einen dicken Kopfverband und zog einen Tropfgalgen hinter sich her. „Ein Unfall?“ Er schüttelte den Kopf. „Ich bin der Klempner, aber sie haben mich irgendwie verwechselt.“ Breschke erhob sich und schaute mich skeptisch an. „Sie gefallen mir aber gar nicht. Vielleicht sollten Sie morgen mal zu Doktor Klengel. Aber lassen Sie uns aufbrechen.“ Er griff nach Bismarcks Leine, der herzhaft gähnte. „Es ist schon spät, und man wird ja ganz steif vom Sitzen. Unfassbar, in dieser Klinik könnte man verloren gehen – man würde ja glatt übersehen.“