Schlimmer mit Aussicht

2 04 2012

„Das interessiert uns nicht. Als Wertkonservative bestehen wir darauf, dass diese Hochzeit stattfindet. Wer vorher mit der Braut rummacht, muss sie auch zum Altar führen. Die Grünen? Machen Sie sich nicht lächerlich. Wir haben keine Zeit mehr für eine Liebesheirat. Jetzt wird eben eine Vernunftehe mit der SPD geschlossen.

Weil das mit der FDP auch irgendwie so eine Art Liebesbeziehung war. Fernbeziehung, okay. Wir konnten ja vorher nicht wissen, ob das klappt. Wir hatten uns füreinander aufgespart, weil wir fest davon überzeugt waren, dass wir dieselben Vorstellungen von der Ehe haben. Bürgerliche Romantik halt. Und es hat auch insofern geklappt, dass wir immer noch dieselben Vorstellungen von der Ehe haben. Allerdings nicht mehr von unserer.

Diese Organzabonbons, wozu braucht man die? Die sehen einfach nett aus? Gut, dann nehmen wir die. Und Herzluftballons. Und Kerzen. Nein, keine Blumenkinder. Das dürfen die Jusos machen. Damit die sich auch mal wichtig vorkommen.

Einladen werden wir sie schon zur Hochzeit. Also nicht die Linken. Die sind ja überhaupt erst schuld, dass die SPD heiraten muss – das ist direkt hinterhältig, finde ich. Als ob das hier eine Zwangsehe sei. Die FDP kommt vermutlich gar nicht erst, die müssen sich erst mal selbst finden. Den Schleckerfrauen soll’s genau so beschissen gehen wie denen. Mitfühlender Liberalismus halt. Die Grünen sind verschnupft. Die Piraten haben ganz andere Vorstellungen von der Ehe, wenn überhaupt. Aber wir laden die alle ein. Die anderen. Wenn es da noch jemanden gibt. An Bewerbern herrscht ja momentan kein Mangel. Das kommt daher, dass die SPD sich im Laufe der Zeit in ihre Einzelteile zerlegt hat. Der emanzipatorische Flügel ist weg, der nennt sich jetzt Grüne. Die Sozialisten sind raus, die sind ja jetzt die Linken. Die Sozialliberalen sind auch verloren, das sind die Piraten. Alle weg. Noch jemanden vergessen? Den sozialdemokratischen Flügel. Das sind jetzt wir.

Dekostoffe. Bitte viel Dekostoffe. Und dann bräuchten wir vor allem Teppich. Zur Entsorgung. Und Tüll. Und Papierfächer. Und Girlanden. Und Seifenblasen, das ist hübsch. Haben Sie die auch in groß? Noch größer? Ihnen muss schon klar sein, für den nächsten Koalitionsvertrag brauchen wir wirklich eine Menge Platz. Da muss diesmal mehr rein als Steuersenkung, Laufzeitverlängerung und ein klares Bekenntnis zur einer Bundeswehr als Wehrpflichtarmee. Sehr viel mehr.

Natürlich wollen die Sozialdemokraten in den Hafen der Ehe. Aber auch wieder nicht so richtig. Also mal wieder etwas mitregieren, nur mit dem Regieren muss das nichts zu tun haben. Aber jetzt alles zugeben, was sie falsch gemacht haben? Arbeits- und Finanzmarkt dereguliert, die Steuern für Konzerne gesenkt, Überwachungswahnsinn und Afghanistan, alles zugeben? und dann am Ende auch noch Konsequenzen ziehen aus dem Fiasko? Das wäre nicht die SPD. Die will sich nicht wählen lassen, und wenn, dann nur so ein kleines bisschen. Zurückrudern gibt’s nicht. Dann zerstören sie lieber endgültig ihre Glaubwürdigkeit beim Wähler, als Fehler zuzugeben. Die kriechen lieber Merkel hinterher, statt eine richtige Reform zur Demokratie zu wagen. Denn das würde Arbeit bedeuten. Und wir sind doch gerade so gut dabei, auch zusammen. Seit über sechs Jahren machen wir immer genau das Gegenteil dessen, was wir vorher angekündigt hatten. Um die Märkte zu beruhigen. Sollen wir das etwa zerstören?

Tortenzubehör – ja, zeigen Sie mal. Was ist das denn? Sprühsahne? Heißluft können wir alleine. Windbeutel auch. Maßkonfektion können Sie aber streichen. Stilberatung? Brauchen wir nicht. Weißer Hosenanzug und irgendein Sack in Übergröße. Ist doch egal, wer Bräutigam wird. Fett sind sie alle.

Die verstehen sich eigentlich ganz gut, Merkel und die SPD. Die haben beide Schwierigkeiten mit der Wirklichkeit. Vermutlich nicht dieselben, aber das muss ja auch gar nicht. Das Wichtigste ist, dass sie sich über ihre Gemeinsamkeiten definieren können. In dem Fall war das die Agenda 2010, die großartige konservative Umverteilungsmaßnahme, die aus organisatorischen Gründen von der SPD verfasst werden musste, weil die gerade an der Regierung war. Das dient auch der langfristigen Stabilisierung der Ehe auf Zeit. Weil das nämlich gut ist, wenn in so einem Bündnis alle an einem Strang ziehen. Dann tanzt einer auch nicht immer aus der Reihe. Nein, anders: dann tanzt nicht immer einer aus der Reihe. Und dann hat man auch eine Perspektive für die gemeinsame Lösung. Für die SPD heißt das: schlimmer. Mit Aussicht.

Dreiecksbeziehung? mit den Piraten? Kann ich mir nicht vorstellen. Da müssten die sich ja auch am Riemen reißen und endlich mal Substanz und ein an den Erfordernissen der gesellschaftlichen Wirklichkeit ausgerichtetes Programm unter Beweis stellen. Also die Sozialdemokraten.

Sie verschicken dann rechtzeitig die Einladungen? Gut. Und passen Sie auf, dass Sie nicht versehentlich Karten mit Trauerrand nehmen. Rechnung wie immer. Die alte Adresse.“