Aufbauhilfe

3 04 2012

Es dauerte kaum länger als eine Stunde, dann wurde ich aufgerufen. „Wenn Sie bitte noch einen Moment Platz nehmen würden?“ „Ich hatte den Termin um zehn“, ließ ich die Sekretärin wissen, „und wir haben es halb zwölf.“ „Ach was“, wiegelte sie ab, „gegen drei sind Sie wieder raus. Es dauert keine fünf Minuten.“

Oberamtsrat Knörbler spitzte umständlich den Bleistift. „Das muss ja nun seine Ordnung haben“, verkündete er, „haben. Sie wollten dieses Gespräch, weil wir das Schwimmbad in einen Blumengarten umbauen wollen. Wenn ich mir die Frage erlauben darf, was haben Sie gegen Blumengärten?“ „Das ist reichlich suggestiv.“ Er lächelte, spielte ein wenig mit dem Bleistift und zupfte an der Ecke des Fragebogens. „Das ist keine Fragestellung, mit der wir uns der Intention des neuen Baugesetzes nähern werden. Erstens wird der Blumengarten nur zu hohen Eintrittspreisen…“ „Sie haben vergessen“, fiel Knörbler mir ins Wort, „vergessen, dass auch das städtische Schwimmbad ein kostenpflichtiges Vergnügen darstellt – darstellt. Jetzt sagen Sie mir doch, warum ein Blumengarten eine weniger sozial eingerichtete Maßnahme ist? Ist?“ „Da man für den Gang in einen Blumengarten normalerweise keinen Eintritt bezahlt“, wandte ich ein. „ist ein städtisches Schwimmbad nun mal erheblich mehr Leistung fürs Geld.“ „Ich nehme das zur Kenntnis. Kenntnis.“ Er wandte sich wieder dem Bleistiftspitzer zu. „Aber es geht ja in diesem Fall auch weniger um Nutzung oder soziale Verträglichkeit des Blumengartens im Vergleich mit einem städtischen Schwimmbad als vielmehr um die Eingliederung des geplanten Blumengartens ins architektonische Umfeld der Innenstadt. Innenstadt!“

Der Hintergrund war, dass die Stadtverwaltung in vorauseilendem Gehorsam bereits die gesetzliche Regelung umgesetzt hatte, die der Bundesregierung vorschwebte. Jedes Bauverfahren sollte vom Bürger kritisch begleitet werden können. „Das hätten Sie auch ohne Gesetz haben können“, sagte ich mit bissigem Unterton. Knörbler spitzte. „Ich weiß“, antwortete er abwesend, „weiß. Aber jetzt haben Sie wenigstens einen, der sich Ihrer Klagen annimmt, annimmt.“ „Transparenz und Bürgerbeteiligung versprechen Sie uns.“ Knörbler nickte. „Müssen wir. Das Gesetz verpflichtet uns, dass wir die Bürger an sämtlichen Bauvorhaben im öffentlichen Raum freiwillig beteiligen-beteiligen.“ „Eine Verpflichtung zur Freiwilligkeit. Großartig.“ Er schien gekränkt. „Sie müssen das gar nicht so belächelnbelächeln“, murrte Knörbler, „wir haben uns im Gegensatz zur Vergangenheit ja um 180 Grad gewandelt – gewandelt – jetzt werden wir gesetzlich dazu verpflichtet, Ihnen freiwillig Rede und Antwort zu stehen, stehen, und früher war das alles generell aus freien Stücken, Stücken, und wir haben Ihnen trotzdem nie etwas davon verraten. Verraten.“

Knörbler hatte inzwischen einen Bebauungsplan auf dem Schreibtisch ausgebreitet; der Riss des neuen Blumengartens verlief erheblich jenseits der bestehenden Grundstücksgrenze. Er winkte ab. „Das ist nun nicht der Punkt unserer Unterhaltung“, rief er, „Unterhaltung, dass wirwir über einzelne Baudetails diskutieren – diskutieren, das ist ja eher als basisdemokratische Maßnahme zu verstehen.“ Ich runzelte die Stirn. „Verstehen.“ Der Karte nach lag das Wärterhaus mitten auf dem Adenauerdamm und die Wasserleitungen zweigten von den Rohren der Anwohner ab. „Ihre Kritik ist kränkend“, seufzte Knörbler, gekränkt von der Kritik, „kränkend – wir haben dieses Bauvorhaben mit den führenden – mit den führenden! – Experten, Experten geplant und vorbereitet, vorbereitet. Aus diesem Grunde sind wir auch fest davon überzeugt, dass dieses Vorhaben, das wir vorhaben, völlig fehlerfrei, fehlerfrei ist und in seiner Bausubstanz von den Bürgerinnen und Bürgern auch überhaupt nicht mehr konstruktiv kritisiert werden kannkann.“ „Warum“, fragte ich scharf, „haben Sie mich hier ins Bauamt vorgeladen, um eine Kritik Ihres verdammten Stadtgartens vorzunehmen!?“ „Weil wir den Bürgerinnen und Bürgern nach dem Gesetz eine Kritik unserer geplanten und vorbereiteten Bauvorhaben garantieren. Garantieren! Und im Gegensatz zum Garten werden wir bei der Planung der Hubert-Schmalzlock-Brücke auch garantiert dem Gesetz entsprechen.“

„Sie haben also nicht dem Gesetz entsprochen?“ Knörbler winkte ab. „Natürlich haben wir dem Gesetz entsprochen. Entsprochen. Bis auf die Teile des Verfahrens, wo wir nicht dem Gesetz entsprochen haben-haben. Und die, wo wir nicht wissen, ob wir dem Gesetz entsprochen haben, weil wir nicht wussten, ob die Bauherren wollten, dass wir wissen, ob wir wussten, dass wir dem Gesetz entsprechen, wenn wir wissen, dass wir dem – wie war Ihre Frage?“ „Sie bezeichnen das also als Bürgerbeteiligung und Transparenz?“ Knörbler nickte. „Wir haben Sie vorgeladen, und Sie sind jetzt in der Lage, sich ein eigenes Bild zu machen von der Leistungsfähigkeit Ihrer Stadtverwaltung. Stadtverwaltung. Stadtverwaltung.“ Er schloss kurz die Augen. „Stadtverwaltung. Aber was meinten Sie, dass wir nicht dem Gesetz entsprochen haben? Wir holen das nach.“ Schwer atmend hielt ich mich an der Tischkante. „Warum haben Sie nicht dem Gesetz entsprochen“, keuchte ich, „warum? Warum?“ Knörbler prüfte die Spitze des Bleistiftes. „Normalerweise läuft das Verfahren, bevor der Bau vollendete Tatsachen schafft. Aber beim nächsten Mal werden wir versuchen, das alles zu ändern. Zu ändern.“