Feuer und Flamme

4 04 2012

09:21 – Zwei Eimer Herbstlaub, vergessen in einer Kellerabseite, ergeben zusammen mit dem Sportteil und den Resten einer Flasche Brennspiritus ein leise knisterndes Feuer. In einer windgeschützten Ecke seines Gartens verbrennt Harald K. (44) die letzten Überbleibsel des vergangenen Winters. Blasse Schwaden steigen in die milde Frühlingsluft.

09:28 – Zwei Querstraßen weiter wird Jochen T. (29) von der Rauchfahne zu seinen Häupten aufgescheucht. Hektisch erklimmt er die Leiter zum Dachboden, kehrt mit dem russischen Feldstecher zurück ins Freie und stellt fest, dass der Feind ihn eiskalt erwischt hat. Er ist nicht der erste Griller in diesem Jahr. Grimmig zerrt er den Campinggrill auf den Rasen und lässt in Ermangelung besserer Brennstoffe zerknüllte Pappe in Flammen aufgehen.

09:47 – Tim P. (31) eröffnet den Reigen. Auf dem hastig im Backofen vorgeheizten Rost, den er in aller Eile zum Kuppelgrill auf die Terrasse trägt, versucht der Anwohner der anderen Straßenseite in der Siedlung Rotkehlchenredder die noch steinhart gefrorenen Bratbrutzler mit 40% Schwein aus dem SupiMarkt verzehrfertig zu machen. Dem Vorhaben hätte wohl Erfolg beschieden sein können, doch fasst P. in einem unachtsamen Moment mit dem Handteller auf das glühende Gitterwerk. Ein markerschütternder Schrei lässt die Reihenhausfassaden erzittern. Der Geruch von verkohltem Muskelgewebe setzt die Speichelbildung der Nachbarn in Gang.

09:58 – Auf einem von Jan L. (34) entstaubten Kugelgrill glüht vorschriftsmäßig Kohle, doch fehlt das Grillgut. Der Kühlschrank gibt neben einigen Scheiben Gesichtsmortadella nicht viel her. Rasch telefoniert L. mit seinem Schwager, der sich in der Nähe eines Einkaufszentrums aufhält. Jens K. (36) verspricht Abhilfe.

10:17 – Mit quietschenden Reifen hält der SUV vor dem Reihenhaus mit den gelben Fenstern. Fred F. (42) wuchtet einen fahrbaren Grill aus der Heckklappe. Das aluminiumblinkende Gerät besitzt eine 240 Zentimeter breite Kohlenwanne, auf der wahlweise Nirosta-Gitter oder Barbecue-Spieß das Grillfleisch seinem Garpunkt näher bringen. Das Statussymbol mit dem stilisierten Zuchtbullen auf der Abdeckhaube sorgt für männlichen Stolz, kindische Freude und einen infantilen Wutanfall. Es ist knapp drei Millimeter zu breit für die Haustür.

10:20 – Der von Christopher M. (37) seit wenigen Minuten im heimischen Garten vorgefahrene Elektrogrill ist rasch aus der Originalverpackung befreit; wenige Minuten später findet der Hausherr die Buchse für den Stromanschluss. Das mitgelieferte Kabel misst ungefähr einen Meter und ist eher für den stationären Betrieb gedacht.

10:36 – Während Jochen T. sein Haus nach den letzten Überresten von Grillkohle durchsucht, ist sein Freund und Nachbar Erwin O. (46) schon weiter: er verhandelt mit dem örtlichen Lieferanten um eine Großladung. O.s Motorrad sowie eine Hypothek auf T.s Reihenhaus werden anstandslos als Sicherheiten akzeptiert.

10:50 – Sämtliche Verlängerungsschnüre des Haushalts aneinandergesteckt ergeben ungefähr den Umfang des Saarlandes, wahlweise eine ähnliche Anzahl von Fußballfeldern – für die Zuleitung aus dem Keller sind sie dennoch auch dann zehn Zentimeter zu kurz, wenn M. seinen Elektrogrill bündig an der Kante der Kellertreppe positioniert. Es sieht nach kalter Küche aus.

11:10 – Die beiden Tieflader der Carbonari Inc. bringen die vereinbarte Menge an Eierkohle und Briketts. Erwin O. widerspricht, hat aber wenig Erfolg. Giuseppe P. (56) besichtigt sein neues Eigenheim.

11:23 – Rainer Z. (38) beobachtet, wie L. und sein Schwager K. Karbonadenstränge, Nackensteaks und Bratwurst vom Meter in die Doppelhaushälfte transportieren. Unter der Ligusterhecke vernimmt er, wie K. die zweite Lieferung von Carlo’s Catering – nur echt mit dem Deppenapostroph ankündigt. Er beschließt unverzüglich zu handeln.

11:34 – Eine telefonische Nachfrage beim örtlichen Elektrohandwerk führt M. zu der Erkenntnis, dass der Mutigste stark nur alleine ist. Die Lieferung einer Kabeltrommel würde sich bis in die frühen Nachmittagsstunden verzögern, also beschließt der Stromgrillpionier, sein Gerät an der trassengünstig im Erdgeschoss gelegenen Zuleitung des Herdes anzuschwiemeln.

11:40 – Karlheinz E. (88) lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Arglos erzählt der Pensionär den Nachbarn, dass er für schlechte Zeiten genügend Holzkohle im Keller bevorratet.

11:53 – Das Schwagerpaar schichtet verölte Reste vom Schwein auf verbogenen Aluplatten und wuchtet Würste auf fünf eilig aus dem Baumarkt besorgte Tapeziertische. Sie arbeiten so konzentriert an der Vorbereitung des Fleischbrandes, dass sie das Aufziehen der Regenwolken nicht bemerken.

12:20 – Durchnässte Grillfackeln und feuchte Wurst schwimmen nach einem ersten Stelldichein von Tief Hildegunst auf dem Geschirr; das nasskalte Aprilwetter treibt die Feueranbeter in die Reihenhäuser zurück.

12:26 – Schreckensbleich stellen die Anwohner am Rotkehlchenredder fest, wie die Witterung nicht nur die Fleischwaren netzt, sondern vor allem ihre Kohlevorräte ruiniert. Argwöhnisch beobachten sie einander, wer als erstes Karlheinz E. um die freiwillige Herausgabe des Brennmaterials angeht.

12:31 – Die Verhandlungen werden erschwert, da sich zeitgleich zur offiziellen Delegation Fred F. durch die Hecke robbt, um in die Kasematten am Hinterhaus in den Vorratskeller zu gelangen. E.s Gehör ist in tadellosem Zustand. Sein alter Wehrmachtsrevolver bringt ihn rasch in eine vollkommen andere Verhandlungsposition.

12:40 – Der im MarsStore online gekaufte Gasgrill wird von zwei Fachkräften kompetent und serviceorientiert aufgestellt. Im Preis inbegriffen sind zehn Meter Kevlarschlauch, eine Wasserwaage, die CD Grillparty à gogo und einhundert Gramm vakuumierte Schweinelende (Mindesthaltbarkeitsdatum bereits seit mehreren Jahren überschritten). Nicht im Preis inbegriffen ist das zum Betrieb benötigte Gas.

12:46 – Die Verträge sind rasch unterzeichnet. E. ist nun Eigentümer der rechten Straßenseite des Rotkehlchenredders, der neue Mehrheitseigner der Kerima Moda AG sowie stimmberechtigtes Mitglied des Nobelkomitees. Der Nachschub an Grillkohle ist gesichert.

12:50 – Z. erhält eine SMS: Schweinebauch gefallen. Das große Fressen steht auf der Kippe.

13:03 – Die Abisolierung der Neutral- und Schutzerdleiter von der 400-Volt-Dreiphasen-Wechselstrom-Leitung mit Hilfe eines Obstmessers nimmt erstaunlich wenig Zeit in Anspruch; M. ist kurz vor der Vollendung seines Plans, als ihm die ungerade Zahl der Kontaktklemmen ins Auge sticht. Er beschließt das heuristische Verfahren aus Versuch und Irrtum anzuwenden.

13:04 – Der Zusammenbruch der Stromversorgung wird rasch bemerkt. Nur wenige hessische und nordrhein-westfälische Regierungsbezirke werden länger als eine Stunde mit dem Problem zu kämpfen haben.

13:25 – Börsenprofi Peter W. (33) schaltet sich ein. Nach wenigen Schweinebauchzyklen findet er sich auf dem örtlichen Agrarmarkt zurecht und ordert mit einer Call-Option eine handelsübliche Menge Rindersteaks. K. ist begeistert und beleiht spontan die Lebensversicherungen seiner Frau sowie seiner beiden Kinder, um größere Mengen zu erwerben. W. vergisst gewohnheitsmäßig, K. über die Lieferbedingungen zu informieren.

13:43 – Oberstudienrat Gregor A. (48) nutzt die Ansammlung der Nachbarn, um sozialpädagogisch klarzustellen, wie das Freiluftfleischbraten zu erfolgen hat. Mehrere versprengte Passanten sehen seiner Grillunterweisung zu. Die Veranstaltung endet nach wenigen Minuten, da A. nicht genug Folie für alle Teilnehmer austeilen kann. Der Rest ist Stillarbeit im Gartenschuppen.

13:57 – Darius V. (34) bereitet sich am offenen Küchenfenster marinierte Holzfällersteaks auf dem elektrischen Tischgrill zu. Die Siedlergemeinschaft spricht ihr Urteil über den Verräter: ausgestoßen bis in alle Ewigkeit. Hier geht es schließlich um Höheres.

14:12 – Aktienhändler W. ist noch immer mit der Wurst beschäftigt. Ohne es zu wissen bieten Jan L. und Jens K. im Online-Portfolio gegeneinander auf eine Partie Lammkoteletts. Der europäische Fleischmarkt vibriert.

14:15 – Der aus dem Internet heruntergeladene Schweißerschein mit dem Passfoto von Gustav Gans irritiert den Fachhändler. Rainer Z. bekommt einfach keine Gelegenheit, seinen Gasgrill in Betrieb zu nehmen.

14:24 – Der Goldpreis fällt ins Bodenlose, Diamanten sind nichts mehr wert. Der DAX hat den Euro als Leitwährung aus den Augen verloren und orientiert sich aktuell am Separatorenfleisch.

14:36 – Das Tief kommt auf eine zweite Stippvisite vorbei. Gregor A. erwägt eine offizielle Beschwerde beim Deutschen Wetterdienst. Seine Alufolie ist nicht mehr wiederverwendbar.

14:55 – L. fährt fuderweise Nackensteaks auf. Das Öl entzündet sich sofort auf der noch nicht durchgeglühten Kohle, die Rauchschwaden lassen in der nahe gelegenen Bankfiliale die Feuermelder anspringen. Die Feuerwehr prescht wie ein Mann in die Wagen.

15:06 – Das Bankhaus hat die Optik einer Badeanstalt. Vier Löschzüge betrachten fachkundig die von ihnen selbst verursachten Wasserschäden und loben die Reaktionsgeschwindigkeit der Berufsfeuerwehr.

15:30 – Während Rainer Z. den Grill an eine aus dem Baustoffhandel besorgte Schweißgasflasche anschließt, klingelt das Telefon. Die verdeckten Ermittler bekommen bei den von Z. vermeintlich geäußerten Codes Hier wird die Wurst warm und Lass uns grillen, Bernd Herzklopfen – ein Schlag gegen den internationalen Terrorismus steht unmittelbar bevor. Sie sagen zu, auf eine Portion Nudelsalat vorbeizukommen.

15:42 – Die Rauchentwicklung über L.s Garten beschäftigt das Luftfahrt-Bundesamt. Vorsorglich wird das Gebiet zur Todeszone erklärt, da man nicht mit Überlebenden nach einer atomaren Katastrophe dieses Ausmaßes rechnet.

16:00 – Im Geleitzug fahren die Wagen der Viehmarktzentrale Nord in den Rotkehlchenredder ein. 24 Dreißigtonner halten mit wummernden Motoren, um vertragsgemäß eine Herde Rinder der Rasse Polimeri si Poliperi in der Reihenhaussiedlung zu entsorgen. Die Rinder hatten zuvor Überreste rumänischer Sportförderung geschluckt und sind nicht mehr zur Herstellung von Tierfutter geeignet.

16:19 – Christopher M. gibt nicht auf. Inzwischen hat er die Reste seines Elektroherdes ins Freie geschleppt und versucht sie in Brand zu stecken.

16:24 – Sondermüll auf Beinen. Verhaltensgestörte Biester. Brüllende Bestien. Das Inferno der Bullen. Und dann sind da natürlich auch noch die ganzen Rinder. Die Ermittlungsbeamten fürchten ernsthaft, nicht pünktlich Feierabend machen zu können.

16:30 – Beißender Qualm vernebelt die Luft, während K. tapfer mariniertes Fleisch auf den Rost klatscht. Eine apokalyptische Szenerie, Finsternis und Feuersbrunst. Und nirgends Krautsalat.

16:41 – Die Tiere trampeln nieder, was sich ihnen in den Weg stellt. Mehrere Kraftfahrzeuge tragen bereits erhebliche Sachschäden davon. Schließlich dringt das Vieh in Z.s Garten ein. Erschüttert sieht es, wie seinesgleichen ohne anständige Marinade auf dem Grill verkokelt. Zorn fasst die Kreatur, die in namenloser Empörung auf das Bratgerät stürmt, in wilder Stampede bricht Bahn sich der Grimm der Schöpfung, wie sie entfremdet und vergewaltigt wird. Jammer, Pein und Ungemach, sie werden alsbald zu Wut, der Furor des Tieres vernichtet die Vernunft, die der Mensch aufwendet, um sich zu erheben über das Tierhafte, wiewohl er sich selbst nicht bedenkt, und verfehlt er, sich zu begreifen im Laufe der Welt, sich zu versehen in der Vorsehung. Die Gaszuleitung zeigt sich unvorschriftsmäßig locker.

16:42 – Ein ansatzloser Knall ebnet die Siedlung Rotkehlchenredder ein, der eine deutlich messbare Delle in der Rotverschiebung der lokalen Gruppe hinterlässt. Die Neigung der Erdachse eiert, aber die Preise für Nackensteaks stabilisieren sich. So endet der Tag in einem beschaulichen Viertel, dessen Anwohner einfach nur die frische Frühlingsluft genießen wollten.