GEZemane

5 04 2012

„Fernsehen? als Ersatzreligion!?“ „Jetzt lesen Sie den Antrag halt mal gescheit. Das steht da gar nicht drin.“ „Aber Sie wollen doch das Fernsehen als Glaubensgemeinschaft anerkennen lassen.“ „Ja, nur nicht als Ersatzreligion. Als echte.“

„Was würden Sie denn als Glaubensinhalt Ihrer Körperschaft definieren?“ „Irgendwas halt. Nicht so wichtig.“ „Sie können doch nicht eine Religion ins Leben rufen und dann überhaupt keinen Glauben haben?“ „Ist die CDU etwa christlich? Na!?“ „Lenken Sie nicht ab, das lässt sich überhaupt nicht vergleichen.“ „Aber sicher doch – hier geht es eben darum, etwas zu praktizieren.“ „Aber dazu braucht man doch Inhalte.“ „Wieso? Dann dürfte es die FDP gar nicht geben.“ „Ersparen Sie mir bitte Ihre dummen Vergleiche, dazu ist die Sache zu ernst.“ „Aber ich bitte Sie, das wird schließlich umfassend praktiziert. Fast dreieinhalb Stunden Fernsehen gucken die Leute hier. Täglich.“ „Das mag ja sein, aber…“ „Und in Sachsen-Anhalt sehen sie sogar über vier Stunden!“ „Ja, da mag ja alles zutreffend sein. Aber was hat das bitte damit zu tun, dass Sie Fernsehen unbedingt als Religion anerkennen lassen wollen?“ „Es wird praktiziert! Die Menschen hocken vor der Glotze! Sie schauen gebannt in ihre Geräte! Und sie gucken nicht weg!“ „Das heißt, Sie haben einen pragmatischen Ansatz von Religion.“ „Fragen Sie mal einen Kleinstadtpfarrer, der wird sich nicht für religiöse Dogmen interessieren oder ob wie seine Gemeinde sich zur potenziellen Christusgläubigkeit innerhalb der Gnadenlehre verhält. Der ist froh, wenn seine Schäfchen nicht vor der Kollekte wegpennen.“

„Ich verstehe, Sie sind also ein Verein, der auf die Vermittlung von Inhalten setzt.“ „Jetzt werden Sie mal nicht komisch.“ „Also auf die, wie soll ich sagen…“ „Wir liefern den Menschen eine fest strukturierte Lebenswirklichkeit durch rituelle Handlungsmuster.“ „Wie meinen Sie denn das jetzt wieder?“ „Sonntags ist Tatort, um acht gibt’s Tagesschau, und als Bußübung hauen wir Ihnen jeden Tag eine Talkshow rein.“ „Sie betonen jetzt aber das aufklärerische Element der Theologie nicht genügend.“ „Haben Sie Läuse im Schädel? Das können Sie sich schenken, wir gehen einen anderen Weg. Religion ist für uns ein Erweckungserlebnis – wie ein Holzhammer.“

„Haben Sie sich schon einmal Gedanken über die Finanzierung Ihrer Glaubensgemeinschaft gemacht?“ „Wir dachten an einen automatischen Einzug der Gebühren bei Mitgliedern und solchen, die es möglicherweise werden wollen könnten.“ „Moment, Sie können doch die Kirchensteuer nicht einfach auf die ausdehnen, die…“ „Doch.“ „Wie, doch?“ „Die anderen lassen ihre Intendanten, oder wie das heißt…“ „Bischöfe?“ „… oder Bischöfe, ja, die werden eben über Steuern bezahlt. Warum sollten wir das nicht auch?“ „Weil es ungerecht ist.“ „Das ist ein Grund, aber kein Hindernis. Es käme uns zudem sehr gelegen, wenn wir die Inkasso-Abteilung des Staates dazu bekämen. Kostenfrei natürlich.“ „Sonst haben Sie keine Sorgen?“ „Wo Sie es sagen: doch. Ja. Wir sollten Anstrengungen unternehmen, unsere Weltanschauung strafrechtlich schützen zu lassen. Das hat sich seit der Erfindung des bürgerlichen Rechts sehr bewährt.“

„Was Sie da übrigens sagten, die Deutschen könnten nicht wegschauen – meinen Sie das ernst?“ „Sicher.“ „Dann wird es schwierig. Artikel 4 des Grundgesetzes besagt, dass Sie nicht einfach zur Religionsausübung zwingen dürfen.“ „Noch wird unsere Gebühr ja auch gar nicht so erhoben, wie wir uns das wünschen.“ „Sie halten es für rechtens, dass Sie als Einheitsorganisation die…“ „Schlagen Sie sich das aus dem Kopf. Selbstverständlich werden wir in zwei Konfessionen vertreten sein, ARD und ZDF. Damit haben wir nie eine Monopolstellung.“ „Aber Sie dominieren doch den Markt in einer Art, die man nur als…“ „Natürlich werden wir niemals fusionieren. Aber in den großen Sonntagsreden kann man ja mal die Gemeinsamkeiten betonen und ein bisschen weniger den anderen für den Verfall der Medienlandschaft verantwortlich machen und Versöhnlichkeit antäuschen.“ „Und sonst?“ „Den Rest erledigen unsere Rechtsabteilungen.“

„Haben Sie irgendwelche Zentralfiguren, die besondere Verehrung genießen?“ „Warten Sie mal, wie hieß noch gleich dieser Depp, der immer den Jahresrückblick aus Afghanistan moderiert?“ „Der Papst?“ „Nein, der lebt ja noch.“ „Der Papst lebt nicht mehr?“ „Ach, vergessen Sie’s einfach.“

„Mysterien? Geheimnisse des Glaubens?“ „Was fragen Sie mich?“ „Sie werden doch keine ganze Religion darauf aufbauen können, dass sich die Leute fragen, wohin Ihre Gebühren versickern.“ „Das können sich alle so zurechtlegen, wie sie es wollen. Wir halten uns da bedeckt.“ „Mit welcher Begründung?“ „Tradition. Wir haben eine alte Tradition der Intransparenz. Und mit dieser Begründung, dass es immer schon so war, werden wir jede rationale Erklärung im Keim ersticken.“ „Feiertage?“ „Reicht Ihnen das Frühlingsfest der Volksmusik etwa noch nicht?“ „Warum nennen Sie gerade das?“ „Religionen sollen schließlich vor allem bei Senioren gut ankommen. Man weiß ja nie so richtig, was passiert, wenn es plötzlich dunkel wird.“ „Dann bieten Sie eine echte metaphysische Hoffnung?“ „Sie meinen so eine mit Tod und Auferstehung? Gekreuzigt, verbuddelt und wieder im Programm?“ „Ja? und!?“ „Freuet Euch – Thomas Gottschalk kommt wieder!“ „Halleluja!“