Gernulf Olzheimer kommentiert (CXLV): Grobmotoriker

6 04 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Evolution schreitet unaufhaltsam voran. Aus der Amöbe wird ein Polyp, aus der Qualle ein Beuteltier, der Investmentbanker verbessert sich schon bald zur Braunalge. Immer weiter schreitet die Differenzierung, immer mehr vermögen die Arten. Ultraviolettes Licht wahrnehmen, unter immensem Wasserdruck überleben, in der Luft stehen dank eines hochfrequenten Flügelschlages – mannigfaltig sind ihre Talente, wunderbar ihre elegante Anpassung an die Umwelt, die ihr Leben je und je fördert oder erschwert, und alles hat im großen Kreislauf seinen Platz und seine Nische, abgesehen vom Hominiden, der Fehlentwicklung unter den aeroben Biestern, und seinem Sonderfall, dem Grobmotoriker.

Phänotypisch ist er leicht auszumachen, doch findet man ihn auch ohne Umstände, indem man der Sur aus Lärm und Verwüstung folgt. Wo immer sich rauchende Trümmer in die Erdkruste bohren, ist er nicht weit; meist steht er staunend daneben und fragt sich, wie innerhalb weniger Augenblicke dieses Ausmaß der Zerstörung eintreten konnte. Er ist unscheinbar, fast könnte man ihn für einen ganz normalen Bürger halten, der seiner bezahlten Tätigkeit nachgeht, Radio hört und Lotto spielt, doch der Schein trügt. Unbewegt sitzt er auf einem bis zu diesem Moment vollkommen unbeschädigten Stuhl, atmet, macht keine Anstalten, seine nähere Umgebung in Schutt und Asche zu zerlegen. Doch bereits eine Sekunde später passiert es. Der Grobmotoriker bewegt sich, das Drama beginnt.

Wer immer Glas für die fragilste Materie hielt oder fest von der Existenz schlagfesten Kunststoffs in diesem Universum ausging, erlebt physikalische Wunder. Der Grobmotoriker bringt durch reine Präsenz Holz zum Splittern, wandelt jeden Metallgegenstand in Reichweite zum Hebel, Geschoss oder Rammbock, der Tische aus dem Fenster oder Konzertflügel über die Brüstung schlenzt, einschließlich aller damit verbundenen Konsequenzen. Das Aufziehen einer ebenmerklich verhakten Lade mündet in den unmittelbaren Zusammenbruch des kompletten Schranks, wo sich der Grobmotoriker an einer Tafel niederlässt, springt wie von Zauberhand das Geschirr, reißt das Tischtuch und beschlägt das Silber, bevor es krachend die Dielen durchschlägt. Es ist nicht das reine Ungeschick, das ihn zur Prüfung für seine Umwelt macht, es ist mehr. Finstere Strahlen der Destruktion gehen von ihm aus, er scheint nur ein Ziel zu haben: die Rückführung der Dinge in die majestätische Ruhe des Anorganischen. Wer sich fragt, woher die Fülle der seit Jahrtausenden kolportierten Weltuntergangsszenarien stammt, findet des Rätsels Ursprung hier. Sämtliche Prophezeiungen mit Atombomben, mangelhaft justierten Vulkanen oder zu spät abgebogenen Todessternen fußen auf der Hilfe des Tölpels.

Die gesellschaftlichen Schwierigkeiten, die aus dem Ungemach erwachsen, sind bedeutend. Wer bereits beim Betreten des Rohbaus Dellen in den Wänden hinterlässt, an der Tür hängen bleibt oder die frisch eingehakten Fenster mit der zufällig im Weg stehenden Dachlatte eindrückt, wird nie eine Behausung finden. Die Partnerwahl beschränkt sich auf Menschen, die sich nicht viel aus ihrem Überlebenswillen machen. Meist tritt das Problem gar nicht auf, da der Grobmotoriker beim Betreten des fraglichen Raums gleich in der Auslegeware sich verheddert, gegen Vitrinenschränke torkelt, eine Reihe französischer Kupferstiche von der Wand wischt und die Fragmente einer geborstenen Sitzgruppe dazu verwendet, um die Tapeten zu perforieren. Der Zerstörung sind keine Grenzen gesetzt – dummerweise ist der Destruktionstrieb nicht einmal kommerziell nutzbar. Denn wer etwa den Kaputtmacher als Landschaftsfräse sähe, die sich als Spur der Verheerung millimetergenau über die Nulllinie schwiemelte, der ginge fehl. Eben die Exaktheit geht dem frei in allen Dimensionen wedelnden Bekloppten ab. Wohl zerdeppert auch er mit der Abrissbirne ganze Stadtviertel in einem Ruck, allerdings langt er am Steuerknüppel nur einmal daneben und vertilgt die falschen. Das mag in einigen Fällen seine ästhetische Berechtigung haben, macht die Angelegenheit in Bezug auf die Besitzverhältnisse auch nicht besser.

Erstaunlich und noch zu wenig wissenschaftlich erforscht ist allerdings der Umstand, dass sich die Gruppe der Danebengreifer nicht bereits im frühen Kindesalter aus der Existenz, mit den Generationen an Primitivpatschern nicht aus dem Genpool löscht. Offensichtlich ist es der knapp unter ε gelagerte Grad an Beharrungsvermögen, dass sie alle das Erwachsenenalter erreichen und ihre Unfähigkeiten an eine nachwachsende Reihe von Kegelbrüdern weitergeben. Der Webfehler in der Historie hat seine Berechtigung, und solange sie nicht den Planeten in die Luft gesprengt haben, verdanken wir den Grobmotorikern eine Reihe kulturell höchst wertvoller Entwicklungen. Ohne sie gäbe es keine abstrakte Malerei, erst ihre ungelenken Finger haben den modernen Jazz geprägt, und wer sich fragt, woher eigentlich die ganzen Musicaldarsteller kommen – hiermit verholfen.