Lange Leitung

11 04 2012

Herr Breschke war verzweifelt. „Kommen Sie schnell“, wimmerte der Alte. „Dies Ding hier macht mich noch ganz verrückt. Meine Frau traut sich schon gar nicht mehr ins Wohnzimmer.“ „Rühren Sie sich nicht vom Fleck“, wies ich ihn an, „ich bin sofort da. Und legen Sie jetzt bitte trotzdem auf.“

Es war das Telefon. „Es vergeht keine Stunde“, stöhnte Breschke, „dann ruft schon wieder einer an. Ich weiß bald nicht mehr, was ich machen soll.“ Schon läutete der Apparat. Der pensionierte Finanzbeamte meldete sich ordnungsgemäß mit Vor-, Zunamen sowie der kompletten Rufnummer; vermutlich gab er nur aus Bequemlichkeit nicht auch noch die Anschrift an. „Nein, nicht Glützner! Sie haben sich verwählt, hier ist Breschke. Horst Breschke!“ „Das geht so den ganzen Tag?“ Er nickte verbittert. „Sie können auch nichts dagegen unternehmen – angeblich haben sie die Leitung extra neu geschaltet, aber das macht die Sache ja auch nicht besser. Meinen Sie, Sie könnten da etwas erreichen?“

Der Mitarbeiter in der Störungsstelle saß wohl nicht umsonst auf diesem Posten; er hatte ein gestörtes Verhältnis zum Verstand. „Sie können sich ja aussuchen, welche Anrufe Sie annehmen. Wenn es nicht die richtigen Anrufe sind, dann können Sie es einfach klingeln lassen.“ „Erstens“, ließ ich ihn wissen, „nervt dieses Klingeln, zweitens werden an diesen Anschluss ständig Anrufer durchgeleitet, die ganz andere Nummern gewählt hatten, was auf ein massives Versagen Ihrerseits schließen lässt – und drittens, woher soll man denn wissen, wer einen anruft?“ Dass das Gerät aussah, als wüsste es noch genau, dass es ein Fernsprechtischapparat sei, verschwieg ich an der Stelle lieber. Breschkes kieselgrauer Apparat mit Erdtaste atmete den Geist der sanft vom Staub überzogenen Amtsstube, in der die scheppernde Glocke und der klobige Hörer wie selbstverständlich in die muffige Stimmung der Ärmelschonerträger passten. „Immerhin“, brachte sich der Fernmelder in Erinnerung, „brauchen Sie ja nicht zu bezahlen für die Telefonate, da sie nicht selbst anrufen – wenn die Leitung den ganzen Tag lang besetzt ist, minimiert das Ihre Rechnung.“

„Was machen wir denn jetzt?“ Breschke war völlig verzagt. „Ich kann doch nicht ständig neben dem Telefon hocken und sagen, dass sie sich verwählt haben – und wenn es nun doch mal ein wichtiges Gespräch sein sollte, dann muss ich doch drangehen?“ Ehe ich antworten konnte, schrillte die Glocke. „3-99-53-24, Horst Breschke am Apparat“, meldete sich der Hausherr (wobei ein leichter Ruck seine Knochen durchzuckte), doch es gab keine angenehme Überraschung. „Nein, hier ist nicht die Praxis von Doktor Heidelberger, bitte schauen Sie doch ins Telefonbuch!“ Mutlos ließ er den Hörer auf die Gabel sinken. „Was sollen wir denn bloß unternehmen, es ist aussichtslos!“ „Nicht doch“, beschwichtigte ich ihn. „Ich habe da eine Idee.

Es dauerte keine fünf Minuten, bis sich der Apparat wieder meldete. Ich riss den Hörer hoch. „Was nerven Sie schon wieder“, brüllte ich in die Muschel, „ich hatte doch gesagt: rufen Sie mich an, sobald Sie die Leiche beseitigt haben. Brauchen Sie dafür immer nur dreißig Sekunden!?“ Es knackte am anderen Ende der Leitung. Ich hängte ein. „Einer weniger“, konstatierte ich, tief befriedigt.

Wieder bimmelte das Gerät. „Sie haben den Anschluss von Frau Doktor Meisenkeiser gewählt“, schnarrte ich, „Frau Doktor Meisenkeiser ist gerade nicht im Büro. Wäre sie im Büro, säße sie in einer sehr wichtigen Besprechung. Bitte bitten Sie per Briefpost um eine Postkarte, auf der Sie einen Rückruftermin im nächsten Quartal angeben.“ An der unterwürfigen Haltung des Anrufers stellte ich fest, es musste sich um einen Deutschen handeln. Breschke guckte interessiert. „Und das geht einfach so? Meinen Sie, ich könnte das auch?“ Da kam schon der nächste Anrufer. Ich jodelte in den Hörer. „Wissen Sie, was Sie jetzt gewonnen haben!? Sie bekommen nicht eine, nicht zwei, nicht drei, nein: vier halbe…“ Da war die Leitung schon wieder frei.

„Ich bin Oberamtsrat Knolzinger“, rekapitulierte der Alte und starrte ganz gespannt auf den Apparat. Endlich klingelte es. Breschke hob ab. „Knolzinger, Abteilung IIIb/44, wünschenbitte.“ Lautlos schlichen die Sekunden, doch er hörte ganz wie vereinbart überhaupt nicht hin. „Abteilung IIIb/44“, fiel er dem Anrufer barsch ins Wort, wie er es wohl in seiner Amtszeit gelernt hatte, „Sie müssen erst einen Antrag auf Rückerstattung der nicht abziehbaren Aufwendungen bei den mindernden Rücklagen angeben, bevor Sie funktionsidentische Beträge der – hallo!?“ „Gut so“, lobte ich, „sehr gut gelaufen. Jetzt noch bei jedem Anruf Anrechnung auf alle einbringungsgeborenen Anteile bei Formwechsel einer Personengesellschaft anmahnen, dann werden Sie innerhalb kürzester Zeit den Schwarzen Peter an die Störungsstelle schieben. Das lässt sich keiner gefallen.“ Das Telefon läutete. Breschke sah mich mit funkelnden Augen an. „Lassen Sie sich nicht abhalten“, ermunterte ich ihn. „Knolzinger, Abteilung IIIb/44“, bellte er in den Hörer. Ich musste unwillkürlich schmunzeln. „Sie sind falsch verbunden“, moserte der Amtmann, „wenn Sie Ihre Gewinnrücklage nicht als Jahresfehlbetrag ausgewiesen haben, kann ich leider nichts für Sie tun. Ich bin auch nicht Ihre Tante Martha, Sie sind hier bei Oberinspektor Knolzinger, und bevor Sie sich beschweren, stellen Sie lieber erst sicher, dass Sie nicht die falsche Rufnummer gewählt haben!“

Übrigens haben sie Breschkes Leitung nach drei Tagen repariert. Er hat allerdings gleich eine zweite Rufnummer angemeldet. Oberinspektor Knolzinger scheint ihm zu fehlen.


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