Gernulf Olzheimer kommentiert (CXLVI): Die Dämonisierung des Terrors

13 04 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Welt ist kompliziert; schon das Auftrennen von Wertstoffen und Restmüll auf dem Bahnsteig bringt den wehrlosen Bundesbürger an den Rand der nationalen Katastrophe. Ständig stört diese Wirklichkeit, Spritpreis und Grenzkonflikte, das Volk winkt mit der Verfassung und kramt sicher schon die Knarre heraus, und nichts bringt die Verhältnisse auf die Schnelle wieder in Ordnung. Alle vier Jahre walzt sich tollwütig ein Haufen Grützbirnen im Fußballtrikot durch die Lande, um im Vollsuff Steuererhöhungen zu verpassen, doch sonst wird uns das nackte Elend ins Gesicht geschrieben. Kein Komet kündigt auf Knopfdruck seinen Niedergang über Bielefeld an, selbst eine gut organisierte Gurkenseuche löst keine Tobsucht im Einzugsgebiet der dünn angerührten Existenzen mehr aus. Keiner weint. Der Satan sabbert sachte, bevor auch er im öffentlichen Bewusstsein seicht versuppt. Wie sollte eine anständige Massenpanik aus diesen morschen Knochen kommen, gäbe es nicht die Mehrzweckwaffe der Heulbojen? Als Dämon für den Hausgebrauch haben wir immer noch den Terror.

Die patentierte Entschuldigung für jeden Wahnsinn lauert im handgequirlten Kitt einer für das Niedrighirnniveau konfektionierten Fassade. Jeder Bodensatz, der schlecht versteckte Jubel über den Umsatz in der Waffenindustrie, die freudig erregte Beschäftigung mit dem Abbau des Staates als solchem, jede Beweihräucherung der eigenen Unfähigkeit lässt sich zwischen Sachzwängen einklemmen und schlüpft flugs ins Mäntelchen der Notwehr. Von Oslo bis Toulouse sehen ein paar Interessierte den Einheitsbrei postdemokratischer Kollektivbetäubung kurz unterbrochen und kichern innerlich, erleichtert und beschwingt, dass ihre Verstörungstheorie süße Früchte trägt. Ein paar geistig Minderbemittelte schmeißen Bomben, eine Rotte rumpelnder Rhetoriker betet den Gottesstaat in Göppingen herbei. Dabei bekäme man die Behämmerten mit Rechtschreibung schneller in die Knie.

Der Terror ist ein Geschenk. Gäbe es ihn nicht, man müsste ihn glatt erfinden, um die hasardierenden Hütchenspieler der Führungsebene vor dem offenen Messer der Verantwortung zu bewahren. Sie verleumden den Suff, indem sie selbst dem Volk die Birne zufuseln – einfacher kann man sich nicht am Himmel festtackern als durch das verschwiemelte Einverständnis, genauso korrumpiert zu sein wie das, was man bekämpft. Der Terror ist das Geschenk dieses Himmels.

Denn der Terrorist ist ein doppelgesichtiges Wesen, einerseits der primitive Knalldepp aus der Wüste, intellektuell knapp unterhalb des Kamels und auf dem Zivilisationsgrad von Nomaden, doch andererseits eine mit Spitzentechnologie und unerschöpflichen Bargeldvorräten auf geschickt versteckten Konten vollgepfropfte Superexistenz, ungefähr so unbesiegbar wie Aliens von nebenan und lästig wie MacGyvers Klebeband. Sie lauern in Fahrstuhlschächten, Plattenläden und Wäschereien, kriechen als Maulwurf getarnt unter Blumenwiesen durch bis in die Tresore der Zentralbank, wo sie im Papstkostüm gar nicht weiter auffallen, während sie den roten Knopf drücken, der die westliche Hälfte des Planeten in die Luft jagt – die andere bleibt erhalten. Der Terrorist hat übermenschliche Fähigkeiten, er spricht mitunter andere Sprachen als Deutsch, Englisch oder Esperanto (und tut dies aus reiner Gehässigkeit, damit ihn die wachsamen Schulkinder in der Straßenbahn nicht verstehen), ist in Turban, Kaftan und Patronengurt in Städten wie Delmenhorst so gut wie unsichtbar und schlägt zum Teil erst in der vierten Generation zu, während er zuvor Jahrzehnte als völlig unauffälliger Mensch in der Mittelschicht zugebracht hat. Gefährliche Dinge wie Mopedfahren oder Minigolf erlernt er nur in der Absicht, damit einst das christliche Abendland zu zerstören. Gezielt unterwandert er die freie Welt, ahmt sein Wirtsvolk täuschend echt nach – dann ist es soweit, und eine äußerlich harmlose Dönerbude wird zum Kulminationspunkt der restlichen Geschichte. Wir waren ja gewarnt.

Wir waren gewarnt, seitdem uns mittelalterliche Schnackbratzen ein Ohr abzukauen versuchten mit ihrer billigen Hysterie von der Resterampe der Moralsäurekocher. Pest? Pocken? Nicht durch Keime ausgelöst, sondern von unkeuscher Kleidung und gottloser Tanzmusik. Der Untergang des Abendlandes? Eine Frage der Zeit, beschlossene Sache und Teil der Spielregeln, aber er lässt sich durch Nachturnen beliebigen Hirnplüschs sicher noch bis in alle Ewigkeit hinauszögern, da jenes höhere Wesen, das wir verehren, die Hausordnung bekanntermaßen im Klartext aushängt. So lassen sie uns zum Schutz vor ungebildeten Wilden, die den Rechtsstaat europäischer Bauart verwüsten wollen, eben diesen Staat zerdeppern und verbraten dabei das Geld, das uns hülfe, nicht ungebildet zu werden. Aus Furcht, von einer Herde religiöser Fanatiker zum Kanonenfutter gedrillt zu werden, drillen uns religiöse Fanatiker zu einer Herde, die nur noch zum Kanonenfutter taugt. Man stellt sie am besten an die Wand, auf die sie den Teufel malen.

Sie haben versagt. Wäre der Terror tatsächlich so ubiquitär und siegreich, die sich im heroischen Endkampf um 100-Milliliter-Sprudelfläschchen wähnenden Provinzprimaten wären scharenweise weggefegt, entsorgt in der Gosse der Geschichte. Nichts ist damit, der Turbostaat reproduziert sich selbst, indem er seinen Souverän segmentweise in den Dreck drückt, aus dem ihm das Rettende wächst: Widerstand, rücksichtslos und also systemstabilisierend. Kaum ein Trost, dass sie der beste Schutz vor dem finalen Bums sind. Denn welcher anständige Selbstmordattentäter würde ein Land von der Platte putzen, das sich so unterwürfig als Sympathisant andient.