Sauber und ordentlich

16 04 2012

„Dass das hier alles reibungslos läuft. Dafür sind wir hier da. Sonst würde das hier ja nicht so laufen. Hier im Bundestag. Das muss alles seine Ordnung haben hier, sonst läuft das nicht.

Denn wir sind hier ja richtig am Arbeiten. Hier im Bundestag. Weil das ja einer hier tun muss. Das Arbeiten. Da darf einem nicht immer etwas in die Quere kommen. Feiertage. Oder Glühbirnen, die im unpassenden Augenblick – na, ist ja eigentlich nie der passende Augenblick, dass eine kaputtgeht. Das bringt einen dann völlig durcheinander. Wie die Feiertage. Oder diese Abgeordneten.

Dass das hier dann immer so voll ist. Da kann man gar nicht staubsaugen. Denn das muss ja auch immer alles sauber sein. Sauber und ordentlich. Und wenn die Leute, diese Parlamentarier, wenn die immer hier herumlaufen, dann kommt man nie in Ruhe zum Staubsaugen. Oder nass durchwischen auf dem Boden. Das muss man ja manchmal, auch im Bundestag. Hier setzt sich im Laufe der Jahre ja einiges ab. Der sogenannte Ausschuss. Da muss man dann von Zeit zu Zeit durchwischen, dass das wieder in Ordnung kommt. Nass durchwischen.

Wie sie den Gauck gewählt haben. Schlimm. Alles so voll hier. Wir mussten da direkt noch mal durchgehen, weil hier so betriebsfremde Personen im Bundestag waren. Private Bürgerinnen und Bürger. Ohne Befugnisse. Teilweise ohne Amt. Kommt nicht häufig vor, aber soll es noch geben. Das ist auch immer sehr störend, wenn die hier im Bundestag anwesend sind. Die Würde des Amtes wird gestört. Diese Privatbürger. Die haben sich normal benommen. Ganz normal. Die haben auch so geredet. Unfassbar. Das muss doch alles hier seine Ordnung haben. Da musste ich gleich noch mal durchwischen lassen. Feucht.

Die meisten sonst hier verhalten sich ja doch eher ganz vernünftig. Weil die das einsehen. Dass das seine Ordnung haben muss. Die stören hier auch nicht den Betriebsablauf. Das ist ja schon sehr angenehm. Die sind gar nicht mehr da. Die sind dann bei ihren Nebenjobs. Diese marktkonforme Demokratie, die macht das hier einfach. Dann kann man viel einfacher alles mal durchwischen.

Jetzt wollen sie hier zu allen Entscheidungen der Regierung noch etwas sagen. Die sitzen alle nur noch im Bundestag. Die reden da. Die lassen ihre Papiere fallen, die Stühle werden schmutzig, wir können tagsüber nicht staubsaugen, und die reden da. Man kann nicht mal Glühbirnen auswechseln. Die reden da einfach. Warum müssen die sich in alles einmischen? Haben die keine Arbeit? Ist das noch Demokratie?

Ich frage mal, wenn das hier die Volksvertretung sein soll, warum ist denn das Volk nicht hier? Soll denn das auch Rederecht bekommen? Das ist doch nicht mehr logistisch zu lösen. Hier jeden Tag ein paar Millionen Bundesbürger durch den Saal, und alle wollen sie mal, weil das Rederecht, das ist jetzt hier – das geht doch nicht. Da kann doch der Saal noch so leer sein. Das ist doch nicht vernünftig.

Demokratie ist ganz einfach. Das heißt doch, dass das Volk, also das wählt die Regierung, und dann kann der Bundestag sagen, wir machen das so, wie das Volk das will. Dann müssen sie das so machen, wie die Regierung das beschlossen hat. Dass das mit der Basisdemokratie funktioniert, das ist in Ordnung. Dann wissen die anderen, dass auf den Bundestag Verlass ist. Das braucht man doch auch in diesen schwierigen Zeiten. Dass man sich auf die Politik verlassen kann. Dass das immer alles mit rechten Dingen zugeht. Und das macht es auch gleich viel leichter für die Wähler. Und für die Regierung. Wenn man vorher weiß, dass da einer immer im Bundestag sitzt, statt zu arbeiten, dann ist man gewarnt. Dass der am Ende ein politischer Abweichler ist. Ein Diversant. Den braucht man beim nächsten Mal gar nicht mehr aufzustellen.

Dass wir wettbewerbsfähig bleiben müssen. Das sollten wir auch mal international sehen. Weil ja die Regierung, die ist in Deutschland ja alternativlos – gibt ja nur die eine. Aber so global, da sollten dann jetzt mal die Experten aus der Wirtschaft gefragt werden. Dass da mal wieder Ordnung reinkommt. Dann brauchen wir auch nicht immer die hier im Bundestag. Weil die ja den ganzen Tag woanders arbeiten. Jetzt sollten das mal die machen, die sich mit der Krise besser auskennen. Die Banken und so.

Es dient doch auch der Hygiene. Man muss das mit der Sauberkeit ja auch mal seelisch betrachten. So als Regierung. Da will man doch auch nicht immer mit Schmutz beworfen werden. Schon gar nicht von eigenen Leuten. Oder von der Opposition. Oder von denen, mit denen man bald mal in der Regierung sein könnte. Das hält doch auf Dauer die beste Demokratie nicht aus.

Das hat doch die Merkel mal gesagt, das mit der Demokratie. Dass wir kein Recht haben auf das mit der Marktwirtschaft und so. Stimmt ja auch. Hat sie ganz recht. Wenn man die Demokratie überhaupt nicht braucht, dann hält die viel länger. Hat man ja bei ihr gesehen. Vierzig Jahre lang hat die gehalten, diese demokratische Republik.

Und am Schluss wird das sowieso alles wieder durchgewischt. Feucht.“