Frisch gestrichen

18 04 2012

„Und Sie machen das hier wieder schön?“ „Sie werden das nicht mehr wiedererkennen.“ „Das hört sich ja wenig vertrauenerweckend an.“ „Keine Bange, Inneneinrichtung ist keine Hexerei. Mit den richtigen Zutaten bringen wir die Bude wieder auf Vordermann.“ „Das wird auch bitter nötig sein. Wir müssen einfach etwas ändern.“ „Bleiben Sie sich treu. Das war doch für die Grünen schon immer ein Erfolgsrezept.“

„Das Problem ist, dass wir uns von so vielen Sachen nicht trennen konnten.“ „Hier liegen immer noch die Schachteln von der Pizza-Connection.“ „Die waren erst als Souvenir gedacht…“ „Der Schimmel auch?“ „… und dann als freundlicher Hinweis ans CDU-Präsidium. Die müssen leider hier bleiben.“ „Immerhin ist der Pelz nur zur Hälfte rosa.“ „Können wir die Couch behalten?“ „Hat die ideellen Wert?“ „Auf der wurde die Agenda 2010 beschlossen.“ „Und die steht hier!?“ „Die SPD wollte sie nicht haben, und wir dachten, hier würde keiner suchen.“

„Vor allem nehmen Sie diese fürchterlichen Plakate ab. Da müssen wir ran, Renate – vor der Hurratapete sieht doch das beste Mobiliar nach Sperrmüll aus.“ „Können wir das hier nicht sowieso ein bisschen stilvoller einrichten?“ „Wie stilvoll?“ „Konservativ.“ „Also rechnen Sie doch mit häufigem Besuch aus der Union?“ „Ich sagte: konservativ, nicht museal.“ „Und für wen wollen Sie das Haus dann entrümpeln?“ „Na, für die Sozialdemokraten halt.“ „Stehlampen?“ „Raus.“ „Die Barhocker?“ „Weg damit.“ „Und das AKW-Modell?“ „Bleibt natürlich. Auf das Ding können wir absolut nicht verzichten.“ „Auch aus Nostalgie, was?“ „Aus pragmatischen Gründen. Falls die Bundeskanzlerin mal zu Besuch kommt und uns erzählt, wie sie damals die Atomkraftwerke abgeschaltet hat.“ „Dann fühlt sie sich wie zu Hause, richtig?“ „Nein, dann merkt sie vielleicht, dass wir es ihr nicht vergessen haben.“

„Die Garderobe muss natürlich auch mit raus. Rattan hat man doch heute kaum noch, und das Holz ist ja ganz ausgeblichen – nanu, Uniformen? Armeemäntel?“ „Souvenirs aus dem Kosovo.“ „Wenn Sie so nostalgisch sind, sollten Sie die vielleicht besser hängen lassen.“ „Machen wir auch, aber lieber im Schlafzimmerschrank.“ „Für die Altkleidersammlung?“ „Als eiserne Reserve. Falls sie irgendwann merken, dass ein rohstoffarmes Land sich gegen die wirtschaftliche Übermacht der Taliban durchsetzen muss.“ „Und das wollen Sie der – nein, diesmal lasse ich mich nicht aufs Glatteis führen…“ „Wir uns auch nicht.“ „… und sage CDU. Das haben Sie doch auch für die SPD aufbewahrt!“ „Nö. Das hängt hier, falls Gauck mal vorbeischaut.“

„Wollen Sie vielleicht den Teppich rausreißen? Zeit wäre es ja, so toll sieht er nicht mehr aus.“ „Der hat aber eine Menge erlebt.“ „Das ist ja das Problem.“ „Haben wir aus dem Thomas-Dehler-Haus geerbt.“ „Deshalb die gelben Flecken.“ „Das war mal sehr angesagt!“ „Die Liberalen machen Ihnen den gesellschaftlichen Niedergang gerade vor.“ „Das ist Minimalismus! Das ist stilistisches Understatement!“ „Es ist ein Unterschied, ob man einen zweifarbigen Flokati auslegt oder aber etwas auf dem Boden liegen lässt, was höchstens drei Prozent Schurwolle haben kann.“ „Und der Rest?“ „Ist Nudelsalat. Vorher und nachher.“

„Aber die Gardinen bleiben.“ „Die sind doch indiskutabel.“ „Aber die bleiben.“ „Im Ernst, das sieht peinlich aus. Wie bei armen Leuten.“ „Das nennt sich Understatement.“ „Understatement ist immer noch eine Frage der Fallhöhe.“ „Das ist eben Bio-Mentalität, davon verstehen Sie nichts.“ „Was bitte?“ „Bio-Mentalität. Die gehört zum grünen Selbstverständnis eben einfach dazu.“ „Was genau soll das sein? handgewebte Stores aus der Dritten Welt?“ „Nein, Polyester. Aus Bangladesch. Garantiert in Kinderarbeit hergestellt. Aber es kommt aus einem dieser Kataloge, die man auf den Tisch legt, wenn man Gäste erwartet.“ „Wer sollte Sie schon besuchen?“ „Gut, es hat schon ein wenig abgenommen. Früher kam die Mittelschicht vorbei. Aber die spielen ja schon längst keine Rolle mehr.“

„Haben Sie je an Umzug gedacht?“ „Wenn man daran denkt, wer nach einem hier wohnen würde – nein.“ „Sie waren doch damals auch so ein wilder Haufen, als Sie hier einzogen. Lauter langhaarige Typen.“ „Das waren noch Zeiten!“ „Männer mit Bärten.“ „Und wir haben uns jeden Tag gestritten! öffentlich! Ist das nicht Demokratie?“ „Und Sie wollten das ganze System ändern und haben sich für den Marsch durch die Institutionen gerüstet, weil sie irgendwann begriffen hatten, dass…“ „… nur der langsame Marsch endlich dazu führen könne, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Opposition ist für eine gewisse Zeit notwendig, und man sollte sich auch nie vorschnell in die Regierungsverantwortung drängen lassen, weil sonst die Ideen nicht zu verwirklichen sind.“ „Also das, was Ihnen jetzt die Piraten vormachen.“ „Wir ziehen hier nicht aus. Nicht einmal dann, wenn wir die Miete nicht mehr bezahlen können.“ „Und wenn Sie eine Räumungsklage bekommen?“ „Ich mache mir keine Sorgen. Notfalls schicken wir Claudia Roth zur Konkurrenz.“


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