Der Puppendoktor

19 04 2012

Chantal saß einfach nicht gerade. Außerdem rutschte ihr ständig die Jacke von den Schultern. Bei der geringsten Berührung glitt sie von ihrem Drehstuhl, sank unter den Tisch der Pförtnerloge und blieb mit verdrehten Gliedmaßen auf dem Boden liegen. „Sie ist noch nicht ausgereift“, murmelte Flörtzheimer. „Entweder liegt es an der Uniform, oder wir müssen etwas anderes nehmen als Silikon.“

Ihre Schwester hing über dem Treppengeländer. Flörtzheimer pumpte sie mit Hilfe eines Fußgerätes auf. „Unverkennbar“, sagte er mit schiefem Grinsen. „Wir haben sie ja früher alle mal für rein private Zwecke hergestellt. Aber die Zeiten sind schlecht, die Konkurrenz ist groß, wir mussten uns etwas anderes überlegen.“ Ich sah zu, wie die Kunststoffdame mit dem Blökmund sich langsam entfaltete. „Und Sie konnten nicht auf etwas anderes umsteigen?“ Er schüttelte den Kopf. „Die Lager waren ja noch voll“, antwortete er mit leisem Bedauern, „und irgendetwas mussten wir mit dem Zeug anfangen. Und da hatten wir die zündende Idee. Das heißt, ich hatte sie. Doktor Flörtzheimers Allzweckmodelle. Voilà!“ Und er ließ den Gummischlauch aus dem Ventil der Dame fluppen.

In Reih und Glied lagerten die abwaschbaren Schönheiten, nach Farbe und Material sortiert, mit Seriennummer und Preisschildern versehen. „Das ist Shirley“, informierte er mich. „Hallo Shirley“, replizierte ich trocken. Flörtzheimer zog eine Augenbraue in die Höhe. „Spotten Sie nicht“, sprach er missgelaunt, „das ist ein deutsches Spitzenfabrikat. Bis 60 Grad in der Maschine waschbar, Echthaarperücke optional. Mit Sprachchip.“ „Sprachchip?“ „Jawohl“, triumphierte er, „das hätten Sie wohl nicht gedacht? Die Technik macht nicht Halt davor – warten Sie, ich…“ „Ich will das gar nicht hören“, rief ich, peinlich berührt, und presste mir die Hände auf die Ohren. Aber er schaltete sie Plastefrau einfach ein. „Sie haben nicht die erforderlichen Papiere für einen Antrag auf Einfuhrgenehmigung“, schnarrte die Stimme, „bitte kommen Sie in der nächsten Woche wieder, jedoch nicht vor Donnerstag.“ Er schüttelte Shirley. „Mitt-wochs ge-schlos-sen! Bit-te fü-gen Sie Ih-rem Schrift-wech-sel die…“ „Großartig“, staunte ich, „sie könnte sofort eine Zollstelle übernehmen.“ „Das ist der Sinn der Sache“, nickte Flörtzheimer. „Mit unserem Angebot haben wir den drohenden Fachkräftemangel sofort im Griff.“

Leider war Heidi etwas zu unflexibel für den Hosenanzug. „Möglicherweise macht der Hosenanzug sie aber auch unbeweglich“, mutmaßte Flörtzheimer. „Man hat da so seine Befürchtungen. Jedenfalls ist eine gewisse Starrheit für dieses Beschäftigungsfeld durchaus von Vorteil.“ „Wo genau wollten Sie Ihre Mitarbeiterinnen denn einsetzen?“ „Wir sind offen für Vorschläge“, entgegnete er. „Im Grunde ist doch heute alles möglich – wir leben im 21. Jahrhundert, in einer aufgeklärten Epoche, da sollte doch das Vorleben einer Mitarbeiterin keinen Einfluss mehr auf ihre Stellung…“ Flörtzheimer biss sich auf die Zunge. „Ich sehe“, gab ich zurück, „Sie sind ein großer Freund der Emanzipation.“

Während Lara sich bei der Oberbekleidung etwas geschickter anstellte, war Sabrina nicht einmal ansatzweise in ein Paar Schuhe zu bekommen. „Wir könnten Sie natürlich auch im mittleren Management verwenden, das ist bei der geplanten Frauenquote kein Problem. Eine Win-Win-Situation.“ Ich sah ihn fragend an. Flörtzheimer lächelte. „Einerseits hat man mit ihnen die Quote erfüllt, andererseits muss man sich nicht mit Frauen in Führungspositionen herumärgern. Und selbst die Kritiker werden sich bestätigt fühlen, dass es den Frauen so gut wir nichts nützt.“ Er stülpte einen Turnschuhe über ihren Fuß. Doch es gelang ihm nicht besonders gut. Und es sah zu dem Netzstrumpfaufdruck auf Sabrinas aufgepumpten Beinen auch nicht besonders gut aus. „Man könnte sie als Verkaufspersonal nehmen“, regte ich an. Flörtzheimer verstand erst nicht. „Sie meinen, um die Verkäuferdichte in einem Laden zu erhöhen?“ „Man muss ja sicherstellen, dass sie auch auf Nachfragen nicht reagieren.“ Er strahlte. „Sie haben das Prinzip begriffen!“

Eins der Regale war mit schwarzer Folie verhangen. „Das zeige ich Ihnen lieber nicht.“ Der Doktor mit den Puppen nestelte nervös an der Verkleidung. Ich nickte. „Wir sind doch erwachsene Menschen“, beruhigte ich ihn. „Sie zumindest.“ Er vollführte eine abwehrende Geste. „Es ist nur wegen der Patentrechte. Wir entwickeln etwas Neues, und da wussten wir noch nicht, ob das Kanzleramt schon – “

„Jedenfalls können Sie mit diesen Puppen auf die Schnelle den öffentlichen Dienst vollständig besetzen.“ Tief befriedigt sah Flörtzheimer in die Halle, sah auf die Shirleys, Laras und Chantals, die in Pappkartons und Klarsichthüllen in den Regalen lagerten, eine Armee von Sachbearbeiterinnen, allesamt aufblasbar. „Stellen Sie sich nur einmal vor, wir hätten tatsächlich einen längeren Tarifstreik gehabt in diesem Frühjahr!“ Wehmütig blickte er die Regale entlang. „Aber wir werden uns durchsetzen. Unsere Puppen haben nämlich einen unschlagbaren Vorteil. Sie sind nahezu perfekt für die Verwaltung.“ „Sie meinen den Sprachchip?“ Flörtzheimer presste noch den letzten Lufthauch aus Chantals Schwester, faltete sie mit wenigen Handgriffen zusammen und stopfte sie in einen kleinen Stoffbeutel. „In jedem Amt“, triumphierte er, „in jeder Verwaltung gibt es eine Mittagspause, in der Sie plötzlich niemanden mehr finden. Alles ist weg, ausgeflogen, nicht am Platz. Glauben Sie, man bekäme das schneller hin als mit unseren Puppen?“