Gernulf Olzheimer kommentiert (CXLVIII): Das Vorurteil

27 04 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Dschungel der vorzivilisierten Welt war voller Gefahren. Was an Ungeziefer aktenkundig war, hatte den Status nicht ohne Grund; wer sich nicht informierte, war schnell eine Inkarnation weiter. Schnell lernte der Hominide seine Umwelt zu kategorisieren, die geometrische Anordnung der Schubladen half ihm dabei: die mähliche Abstufung des Verdeppungsgrades half ihm, das andere Evolutionspersonal einzustufen, und war sein Raster auch grob und fehleranfällig, an manchen Eigenschaften sollte er die Welt doch erkennen. Die einfache Methode ist auch heute noch aktuell, sie steuert unsere Erkenntnisfähigkeit, indem sie sie schnell beiseiteschafft. Es ist das Vorurteil, das den Menschen in seiner Gesellschaft siegreich macht.

Das Vorurteil erleichtert dem Dummen nicht das Denken – gerade das will er ja vermeiden, sonst griffe der Bescheuerte nicht zur Engstirnigkeit, die ihn beim intelligenteren Teil der Normalverteilung zur Knallcharge werden ließe. Er richtet sich den gemütlichen Teil zwischen Geburt und Rücksturz zur Biomasse gerne stressfrei ein, dann bleibt der Blutdruck in erträglicher Höhe und keiner belästigt einen mit dieser Wirklichkeit, von der sie alle so viel reden. Der Beknackte braucht die geistigen Gehhilfen, sonst fiele er ansatzlos in sein Gesichtsübungsfeld. Und das wäre ja zu komplex.

Natürlich hängt Beschränktheit nicht im luftleeren Raum, sie arbeitet ungefähr so effizient wie jede andere Infektion. Wer sie einmal gegen den Schädel bekommen hat, wird immer genug zu tun haben. Sein Umgang mit sachzwangreduzierter Realität entspricht ungefähr dem verschwiemelten Erfahrungshorizont des Halbaffen aus der Ursteppe: Blondinen sind geistige Kurzstreckenwürfe, Nerds sind Milchbärte mit Körpergeruch und ohne Sozialleben, Russen saufen den ganzen Tag Wodka, in den USofA leben lauter Amerikaner. Das reicht gerade eben, sich die Hose mit der Kneifzange aufzuzipfeln und die BILD-„Zeitung“ umzublättern. Mehr Differenziertheit verursachte sowieso heftigen Hirnschmerz.

Sicher unterscheidet der Bescheuerte politisch korrekte von verpönter Intoleranz – man hat ja so seine geschichtliche Erfahrung. Ungern zeigt der gemeine Dumpfschlumpf mit dem Finger auf weltanschauliche Minderheiten, da er sich dem Vorwurf des Rassismus nur ungern ausgesetzt sieht. Mit abnehmender Bereitschaft ist er geneigt, dunkelhäutige Nachbarn zu diskriminieren, weil sie Nachbarn und obendrein auch noch dunkelhäutig sind; es schleicht sich letzthin die gefährliche Art der Empirie ein, dass man Menschen zunächst in Augenschein zu nehmen hat, bevor man sie sich zum Feind macht, und das immerhin ist der gröbste Verstoß gegen das Prinzip. Ein Vorurteil ist ein Urteil, das man fällt, ohne sich ein Urteil gebildet zu haben. Was auch immer die Schädelinnenseite bewuchert, Strukturen hinterlässt es nicht. Faust kann sich trösten, auch die anderen Dussel sind ohne Studium doof wie im Auslieferungszustand. Damit nun nicht der Eindruck entsteht, das Vorurteil sei definitionsgemäß mangelnde Gelegenheit, die Synapsen durchzukauen, auch oberhalb des niederschwelligen Angebots grassiert Befangenheit; auch Kant hielt den Chinesen an sich für ein zitronenfarbiges Mischwesen, da er nie im Leben einen zu Gesicht bekommen hatte. Er hätte sich besser an sein Urteil gehalten.

Erleichtert es wenigstens den Alltag? Der Volksmund lallt, der Deutsche trenne manisch Müll und wasche sein Auto, bevor es vom Polen gemopst würde. Hilft das dem Nappel, unfallfrei über die Rasenkante zu kommen? Der Beweis bleibt aus. Derlei Fertigbausätze für neuronale Grobmotoriker ermöglichen vielleicht Sachschäden und entlasten die Versicherungswirtschaft, wenn Messer und Gabel im Spiel sind, aber das Zusammenleben in größeren Verbünden profitiert einzig davon, wenn der Honk in der Steilkurve taktisch günstig seine Klappe hält.

Furcht trifft Hass und Unvermögen, mangelndes ästhetisches Verständnis und einen überdimensional großen Klumpen an Borniertheit. Das Feindbild ist für den Hirnschrottadepten gleich doppelt dumm und wirkungslos, denn es gaukelt nur zu tückisch die ewige Wahrheit vor – und es insinuiert, dass es sich für dahergepopelten Embryonaldenk lohnt, mit großer Energie gegen Windmühlen zu reiten. Alle Araber sind Terroristenschweine? Hossa und auf in die Schlacht! Aber wehe, einer ist Zahnarzt und kriegt übers Wochenende die Wurzelentzündung aus dem Kiefer gefräst. Dann zeigt sich, dass Einzelfälle der Feind der Sicherheit sind, denn sie zerstören die Brandmauern der Statistik.

Das einfachste Mittel wäre es, sich zu verlieben (für den durchschnittlichen Schnappatmer eher über dem Anforderungsprofil), sauber versägt zu werden (weil es eben auch etwas über dem Durchschnitt geben muss, sonst wäre der Mittelwert ja sinnlos) und dann die Werte zu vergleichen: vorher vs. nachher. Wussten wir nicht immer schon, dass Objektivität flöten geht, wenn man die Birne ausknipst? Psychische Ökonomie mag die Barriere für die Querkämmer beseitigen, doch sie zahlen die Zeche selbst. Man zeigt mit dem Finger auf sie, wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand. Sie sind vorurteilsbehaftet. Selbst schuld. Ausnahmsweise darf man als aufgeklärter Mensch sagen: mit Recht. Wobei auch das wieder mangelnder Einsicht geschuldet sein mag. Falls das nicht ein Vorurteil sein sollte.