Vertikal

6 05 2012

für Kurt Tucholsky

Ja, damals.

Wie sah das alles einfach aus,
die Welt wollt gar nichts kosten.
Erst Frau und Kind. Und dann ein Haus.
Und dann der Vorstandsposten.
Du hast gedacht, so mit der Zeit
erklimmst Du auf der Leiter
das nächste Ziel. Und ist’s so weit,
dann kletterst Du bald weiter.
Mit etwas Eifer, Fleiß und Glück,
wie es die Guten findet,
kommst Du nach oben. Nie zurück.
Was soll’s, wer sich dort schindet.
Jetzt bist Du da. Ganz elitär.
Wie Du die Sonne spürst,
wenn Du am Schluss zum Millionär
vom Tellerwäscher wirst.

Und heute?

Erst dünnt die Luft sich merklich aus.
Die Freunde gehn verloren.
Dann wird es eng. Da ist Dein Haus.
Du bleibst nicht ungeschoren.
Die Welt wird Feind. Wem Du vertraust,
wird Dich alsbald erstechen.
Schau Dir nur an, auf wen Du baust,
wenn alle Worte brechen.
Um Dich herum läuft alles gut
und frei von Angst und Zweifel.
Dann nimmst Du plötzlich Deinen Hut.
Man jagt Dich gleich zum Teufel.
Was warst denn Du? vor allem: wer,
dass Dir Dein Traum zerbirst,
wenn Du so schnell vom Millionär
zum Tellerwäscher wirst?