Schizovision

22 05 2012

Siebels fuhr sich nervös durch die Haare. „Ich konnte nicht anders“, sagte er und zog hastig an seiner Zigarette. „Es ging nicht – mit Maske und Beleuchtung hätte er seit einer halben Stunde da sein müssen.“ Ich klopfte ihm auf die Schulter. „Das kriegen wir hin. Wer bin ich eigentlich?“

Der TV-Macher war völlig aufgelöst. „Er hat nicht einmal abgesagt! Wir können doch so diese Sendung nicht – senden, das geht doch…“ „Es ist eine Talkshow“, sprach ich auf ihn ein, „nichts als eine Talkshow, die sich vermutlich versendet, wenn Sie nicht so ein Aufhebens darum machen würden.“ Siebels war noch immer nicht bei sich. „Er hätte ja wenigstens absagen können – er hat nicht einmal abgesagt!“ „Das hatten Sie schon gesagt“, gab ich zurück. „Jetzt erklären Sie mir freundlicherweise noch, worum es geht und für wen ich mich in dieser Sendung ausgeben soll.“ Er hielt mir ein Papier hin. „Kenne ich nicht.“ Siebels stöhnte auf. „Hätte ich mir ja denken können! Diese Partei hat nicht einmal genug Personal, um die Kernthemen zu beackern! Ich kenne den übriges auch nicht, scheint ein Hinterbänkler zu sein. Also Sie gehören zum liberalen Flügel der Liberalen, damit Sie Bescheid wissen. Die anderen Gäste sind Denkmann – ja, der Denkmann.“ Ich rümpfte die Nase. „Sie stimmen ihm teilweise zu, manchmal allerdings nur unter Vorbehalt.“ „Hümpel“, stieß ich angewidert hervor, „Kardinal Hümpel. Was macht dieser Drecksack in einer Talkshow? Und was mache ich in einer Show, in der so einer sitzt!?“ Siebels winkte lässig ab. „Sie werden schon mit ihm zurechtkommen. Er ist schwerer Trinker, homosexuell, und hat eine Vorstrafe wegen Scheckbetrugs.“ „Warum sollte ich mit ihm fertig werden?“ „Er weiß, dass Sie das wissen.“

Die Titelmusik verklang, während Nöllmeyer, der langweiligste Fernsehsandmann aller Zeiten, ansatzlos zur Sache kam: die Gesellschaft ist am Ende, denn die Steuern sind zu hoch, das Land ist von einer schweren Identitätskrise bedroht, da nicht mehr genug geglaubt und zu viel nachgedacht wird. Mein Nebenmann, Wirtschaftswissenschaftler oder anderweitig als Kabarettist tätig, krümelte ein Pfund Allgemeinplätzchen hervor. Ich wurde schläfrig. Das war nicht angenehm.

„Und wie würden Sie die gegenwärtige Lage in Europa beschreiben?“ Ich schrak auf. Hastig suchte ich die Kamera. Nöllmeyer musterte mich genervt. „Was Herr Denkmann sagt“, stammelte ich. Der riss empört die Augen auf. „Aber ich hatte doch noch gar nicht…“ „Wir müssen unbedingt in dieser Lage, die ich übrigens aus mehreren Gründen – ich komme noch darauf zu sprechen – und wenn ich sie schon als eine ernste Situation, die wir alle hier innerhalb und außerhalb, das sollte uns hier und heute nicht auseinanderdividieren, jedenfalls kommen wir mit Lösungen aus dem 20. Jahrhundert nicht sehr viel weiter, und gerade das ist etwas, was wir verinnerlichen müssen. Die Regierung sollte hier endlich mal klar Stellung beziehen!“ Täuschte ich mich, oder war der Kameramann gerade ein bisschen zusammengezuckt?

Der Kardinal schwadronierte ein bisschen über die Verantwortung der Kirche, die sicher innerhalb kommender Generationen praktische Auswirkungen haben dürfte (Denkmann popelte sich unterdessen zwischen den Fingern herum), da fiel ich ihm ins Wort. „Sie können stolz sein auf Ihre Haltung“, pfiff ich den Gottesmann an, „Drei Jahre Diskussion…“ „Fünf Jahre“, unterbrach er mich mit hoch erhobener Nase, „und das wissen Sie.“ „Umso schlimmer“, höhnte ich, „fünf Jahre lang leere Versprechungen, und dann kommen Sie mir hier mit einer Selbstverpflichtung, die noch nicht mal in Ihrem Laden gilt? Lächerlich!“ Kardinal Hümpel wurde aschfahl, was ich durchaus verstand, desgleichen erblich Nöllmeyer zusehends.

„Psst!“ Siebels hatte sich auf allen Vieren quer durch die Kulisse unter meinen Stuhl gerobbt und stecke mir einen Kassiber zu. Ich wurde also laut Bauchbinde als Mitglied der Konservativen geführt. „Machen Sie was“, flehte er mich an. „Sie sorgen noch für eine Regierungskrise!“ Warum eigentlich nicht? Ich zwinkerte Siebels zu. Jetzt oder nie.

„Was wir brauchen“, röhrte ich, „ist eine entschlossene und handlungsbereite Regierung! Wir sollten uns nicht länger auf ideologische – lassen Sie mich ausreden! Eine nachhaltige Politik, auch unter dem Gesichtspunkt einer sozialen und in der Wirtschaft verbindlichen…“ „Sie haben ja gar kein Recht, das zu sagen!“ Der Kardinal ballte vor Wut die Faust. „Aber Sie“, antwortete ich scharf, „in welches Amt waren Sie noch mal gewählt worden? Beteiligen Sie sich mit konstruktiven Vorschlägen an der Diskussion oder halten Sie einfach die Klappe!“ „Wir lassen uns das nicht bieten“, krähte Denkmann, „das wird ein Nachspiel haben!“ Mit glasigen Augen starrte Siebels aus den Aufbauten. „Ein Nachspiel wird das haben! Ich werde…“ „Verschonen Sie mich doch mit Ihrem rhetorischen Tischfeuerwerk“, wies ich Denkmann zurück. „Das parteipolitische Geplänkel muss einmal ein Ende haben, wenn die Lage ernst wird, und sie ist ernst! Wir dürfen über die Fehler und Versäumnisse dieser Regierung nicht länger…“ „Sie werden jetzt auf der Stelle…“ Nöllmeyer sah aus, als wollte er jeden Augenblick in Tränen ausbrechen. Nur Siebels war bester Laune.

Der Geistliche hatte sich in eine Abseite verkrümelt und kippte hastig den Inhalt einer Taschenflasche in sich hinein. Kameramann und Beleuchter kümmerten sich nicht mehr um uns. Siebels rieb sich die Hände. „Großartig!“ Ich nickte geschmeichelt. „Man muss ja auch mal eine Politik mit menschlichem Antlitz zeigen. Wenn alles gut läuft, springe ich beim nächsten Interview für die Kanzlerin ein.“





Nur aus Nächstenliebe

21 05 2012

„Sie müssen das ins richtige Verhältnis setzen. Kirche geht uns alle an. Deshalb sollen auch alle dafür zahlen. Auch dann, wenn Sie überhaupt nicht Mitglied in unserer Kirche sind. Erst recht, wenn Sie nicht Mitglied in unserer Kirche sind. Wir können da sehr empfindlich werden.

Ja, wir haben das verstanden. Im Grundgesetz steht, dass Sie Glaubensfreiheit genießen. Das war so gedacht. Aber da steht nichts davon, dass die auch kostenlos ist. Und da steht auch nicht, dass wir nicht trotzdem Steuern auf alles erheben können. Jetzt ist das eben mal eine Steuer für alle, die nicht römisch-katholisch sind. Haben Sie ein Problem mit Katholiken? Dürfen Sie nicht. Steht so im Grundgesetz drin. Da sind alle Menschen gleich.

Aber selbstverständlich haben Sie etwas davon – denken Sie an die vielen schönen Prozessionen, wenn die Bischöfe ihre prunkvollen Gewänder spazieren führen, oder denken Sie an den Papst, der aus lauter Gottvertrauen hinter drei Zentimetern Panzerglas durch seine Gläubigen rollt. Das ist ein lieb gewonnenes Brauchtum, das will gepflegt sein. Nein, nicht so gepflegt! Obwohl einige der Leute schon eine höhere Pflegestufe gebrauchen könnten.

Rabatte? Aha, ich verstehe. Sie denken, wir Grünen sind inzwischen wie die FDP? Ich müsste mal nachfragen. Wenn Sie sich ein Parteibuch besorgen, können Sie eventuell die Clubbeiträge – Kirchensteuer, wollte ich sagen, Kirchensteuer, können Sie dann verrechnen. Das müsste gehen. Immer vorausgesetzt, dass Ihr Einkommen auch hoch genug ist. Wir als Volkspartei nehmen ja nicht mehr jeden.

Und ich verstehe jetzt auch gar nicht, wie Sie sich aufregen können. Wir machen das sowieso schon. Wir lassen unsere kirchlichen Kindergärten aus Steuern finanzieren, und das Arbeitsrecht haben wir gar nicht nötig. Sie wollen doch Ihre Kinder nicht etwa von einer Frau aufziehen lassen, die sich scheiden lässt?

Ob es das für Muslime gibt? Um Himmels willen, wir leben doch hier nicht im Gottesstaat!

Sie glauben an gar nichts? Im Vertrauen, wir auch nicht. Deshalb handelt es sich schließlich auch nicht um eine kirchliche Initiative, sondern um Kulturrettung. Kennen Sie? So rechtsdrehende Sachen? Das haben wir von diesen Piraten gelernt, es geht nicht um Inhalte, es geht um das Modell.

Sie bezahlen dann auch einen ermäßigten Satz, wenn Sie kein Auto haben. Ja, dasselbe Modell – Sie sind kein Autofahrer, also können Sie sich gerne solidarisch an der Kultur unseres automobilen Fortschritts beteiligen. Das ist ein Stück unserer nationalen Identität, wissen Sie, da muss man doch erwarten können, dass die Bürger hier etwas mehr Bereitwilligkeit zeigen. Da kommt ja auch einiges zusammen. Die Gebühren für die entgangene Mineralölsteuer, Ersatzsteuer für Versicherungen und Autobahnnichtnutzungsgebühr, der Straßenbau will schließlich auch leben – da gucken Sie, was? So betrügen Sie den Staat, mein Lieber, so zocken Sie heimlich die Allgemeinheit ab und füttern Ihr privates Portemonnaie!

Hören Sie mal, so eine Krankenkasse wird auch nicht nur von den Kranken getragen! Christliche Nächstenliebe, klar!? Wissen Sie eigentlich noch, was das ist? Solidarität? Solidarisches Verhalten, das ist, wenn Sie meinen Ferrari bezahlen dürfen, auch Sie nicht darin fahren. Sind Sie eigentlich immer so ein kaltherziger Egoist?

Jetzt hören Sie doch mit dieser Kirchensache auf! Das ist doch nur ein Aufhänger, der in den Medien sinnlos hochgejazzt wird! Haben Sie Kinder? Oha, das wird teuer. Das wird Sie jetzt aber ganz schön teuer zu stehen kommen, dass Sie sich der Nachwuchsproduktion für den Arbeitsmarkt so einfach mal entziehen. Sie können sich keine Kinder leisten? Ist das etwa mein Problem?

Hund haben Sie auch keinen? Ich frage wegen der negativen Hundesteuer. Wenn Sie einen todsicheren Tipp wollen: Rennpferde. Kaufen Sie sich Rennpferde. Ermäßigter Mehrwertsteuersatz. Können Sie steuerlich als Hotelfrühstück absetzen.

Denken Sie doch mal an die Kinder! Sie müssen sich mal klarmachen, was wir hier für Verhältnisse hätten, wenn die Kinder nicht eine sorgfältige Einführung in die –

Wir machen das wie mit dem Kosovokrieg und den Hartz-Gesetzen. Öffentlich predigen wir dagegen, bis Ihnen die Ohren bluten. Und dann sorgen wir dafür, dass das Gegenteil passiert und wir daran hübsch verdienen. Wir dürfen das. Und das wissen Sie.

Ich sehe gerade, Sie sind kein Parteimitglied? Dann bekommen Sie demnächst Post von uns. Wir müssen ja der schleichenden Entdemokratisierung entgegenwirken. Wären Sie mal früher den Grünen beigetreten, dann hätten Sie die Scherereien jetzt nicht. Ihre Kulturpauschale ist jetzt höher als die Mitgliedsbeiträge, weil wir per Beweislastumkehr schlussfolgern müssen, seit wann Sie schon nicht mehr Parteimitglied hätten sein können. Sie kennen das Verfahren von der GEZ. Die kennen sich damit aus. Also mit Staatsverträgen. Nicht mit Kultur.

Gut, das wär’s dann gewesen. Vorerst. Dass Sie keine Aktien haben, hatten Sie ja schon erwähnt, aber das ist nicht unser Problem. Das Geld für die Investmentbanken holt sich die Regierung noch selbst. Ach, eine Frage hätte ich das noch. Rauchen Sie?“





Der neue Mensch

20 05 2012

für Erich Kästner

Das alte Modell war nicht mehr ideal.
Sie brachten es rasch um die Ecke.
Sie wollten ein neues, in reichlicher Zahl
und brauchbar für sämtliche Zwecke.

Sie nahmen versuchsweise Material,
wie sie’s in der Masse vorfanden.
Das war zwar nicht hübsch, doch es galt als normal,
was sie schon als nützlich verstanden.

Sie forschten sehr gründlich. Man maß und man wog.
Bisweilen erschien das recht peinlich.
Sobald man ihm einmal die Hosen auszog,
da sah man, er war nicht sehr reinlich.

Man suchte für alles den treffenden Grund.
Man züchtete, mendelte, kreuzte.
Dann hielt er beim Gähnen die Hand vor den Mund,
der sich auch ins Taschentuch schnäuzte.

Es zogen die Jahre. Versuch auf Versuch,
man züchtet sie geistreich und dämlich.
Der Geist, der erwies sich recht schnell als ein Fluch,
den merkte kein anderer nämlich.

Man züchtet sie groß und man züchtet sie klein.
Man impft sie mit Anstand und Treue.
Man lehrt sie das Beten, tagaus und tagein.
Und dann fragt man: wo ist das Neue?

Denn was zur Verzweiflung die Herren nun treibt,
er greift auf Befehl nur zur Waffe.
Zum Schluss sieht man ein, jeder Mensch ist und bleibt
im Grunde genommen ein Affe.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (XCII)

19 05 2012

Maurice, der gab Order in Erre,
dass man fest die Haustür versperre.
Die Nachbarin hörte
sein Klopfen, das störte.
Zum Glück für ihn wohnt sie Parterre.

Tagtäglich tat Hugo in Sarnen
den Enkel im Treibhaus verwarnen.
Das fruchtete leidlich,
so wuchs unvermeidlich
ein ganzes Gewächshaus mit Farnen.

Es fuhr Jean-François in Le Thil
im Auto, recht schnell, oft und viel.
Es waren nach Jahren
vom stetigen Fahren
die Reifen schon ohne Profil.

Mahmud wurd in Bani Suwaif
Im Sommer die Sahne nie steif.
Doch naht frohe Kunde,
er band seinem Hunde
den Schneebesen nun an den Schweif.

Madeleine schritt recht schnell quer durch Creuse,
man sah es ihr an: sie war böse.
Ihr Haar glänzt aufs Neue
in lieblicher Bläue.
Ein Fehler von ihrer Friseuse.

Herr Glödner, der jagte in Rum
das Tier, dessen lautes Gebrumm
den Raum füllte, manisch.
Dann wurde er panisch.
Denn plötzlich war’s ringsherum stumm…

Romain, der am Markt von La Morte
Kartoffeln sucht, fehlen die Worte.
Vielmehr ist es eines
(und auch nur ein kleines),
es ist dies: der Name der Sorte.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CLI): Exotische Heimtiere

18 05 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das sanfte, großäugige Rind war eine der ersten Kreaturen, die sich in die Obhut des allmählich sesshaft werdenden Jungsteinzeitlers begaben. Es versorgte ihn mit Milch, Horn und Dung, weckte erstmals den Wunsch nach materiellem Besitz und Tauschwirtschaft – pecus, das Vieh, steckt schließlich in pecunia – und blieb ihm, ob es nun wollte oder nicht, treu. Schaf und Ziege, Huhn und Schwein folgten der Kuh, größtenteils als Proteinlieferanten, die nebenbei Wolle, Federn und Leder gaben, Gestank und Getöse. Mit Hund und Katze überschritt der Hominide eine Schwelle vom Haus- und Hof- zum Heimtier. Hielt er sich die Kleintiere doch nicht mehr ausschließlich als Schnitzelreservoir, sondern wegen ihrer körperlichen und geistigen Fähigkeiten, dem Dieb die Gräten zu zermalmen, ob nun Mann oder Maus. Zum Dank beschenkten die Carnivoren ihn mit der Möglichkeit zur sozialen Symbiose, verteilten Haar auf Tisch und Bett und wurden unzertrennliche Gefährten. Doch der beste Freund des Menschen, sekundiert vom Stubentiger, er hat Konkurrenz jenseits von Kaninchen und Guppy. Das exotische Heimtier ist auf dem Vormarsch.

Zunächst ist der Exot auch nur ein ordinäres Statussymbol wie Goldkettchen und schräg in die Genetik gezüchtete Kampftölen. Der elitäre Pseudo lässt Warane in der Wanne paddeln, wer sich hart gibt, tut’s nicht unter einem Beutelteufel, Alligator oder einer Batterie Skorpione. Alle diese Arten haben eins gemeinsam, sie sind nicht für das fragile Ökosystem einer Einzimmerbutze im Obergeschoss eines Plattenbaus geeignet. Dass illegale Importe, die zum größten Teil auf dem Transportweg in die Biomasse wechseln, den Bestand im natürlichen Habitat dezimieren und unter handelsüblichen Bedingungen in Castrop-Rauxel nur wenige Wochen brauchen, um kompostierfertig zu werden, macht die Sache nicht angenehmer. Ein Tier aus den Tropen, so farbenfroh und bizarr es aussehen mag, ist vor allem als eines gut: als Tier in den Tropen. Weniger geeignet ist es für den Bekloppten, der nach einem Satz Springmäusen, einem Terrier und diversen Sittichen eine Tüte Taranteln kaputt spielt, wie er es schon als Arschlochkind krachend unter Beweis gestellt hatte. Artgerechte Tierhaltung ist ihm Schnickschnack, und er passt sich nahtlos in die Verdeppung der anderen ein, die aus Tradition den nachtaktivem Hamster im Laufrad in den Myokardinfarkt jagen. Hauptsache, ihr Spielzeug wummert von innen an die Gitterstäbe, da schmeckt die Freiheit für den Beknackten gleich doppelt süß.

Von einer Symbiose kann keine Rede sein. Schildkröten verbringen ihre teilweise erheblich lange Lebenszeit in aller Ruhe, sondern Faulgase ab und stoffwechseln reglos vor sich hin – was den Erlebnisfaktor angeht, wären Geranien für den Hobbyhohlrabi der schmerzfreiere Weg. Dumpf döst die Bartagame dem Nichts entgegen, reglos harrt das Chamäleon in seinem Glasknast, murkst sich ab und an zur Eigenbelustigung eine Mimese aus den Schuppen und rechnet nicht mehr mit dem Reptilienhimmel. Während verhandlungsfähige Kalkhirne den Absprung ins Bierdeckelsammeln schaffen, schwiemelt sich der Heimzoopopler seine eigene Rationalität zurecht. Hätte man nicht einen von den zehntausend zentralafrikanischen Nagern aus dem Container in die gute Stube gerettet, er wäre bei den Artgenossen in der Müllverbrennung gelandet. Welches fühlende Herz könnte das schon wollen? Andererseits, welcher Depp hielte sich einen potenziell depressiven Python in der Etagenwohnung, der sich bei normal arbeitenden Reflexen flugs über die Balkonbrüstung ins Straßenbegleitgrün abseilen würde, weil ihm der Besenginster-Beton-Mischmasch letztlich mehr Kuschelerlebnisse böte als glotzende Zweibeiner?

Das Geheimnis, warum sich Millionen geistig zurechnungsfähiger Steuerzahler einen Wauwau ins Wohnzimmer stellen, ist jenes Beziehungsgeflecht, das aus Spieltrieb und Freude auf beiden Seiten entsteht und nicht selten in der Vermenschlichung endet, an der Tierfutter- und Zubehörkonzerne eine Menge Kohle verdienen, ein frommer Betrug, der weder dem instinktgesteuerten Fressmechanismus schadet noch den Geschöpfen, die er sich hält. Nur, wie baut man eine persönliche Beziehung zu hüpfenden Insekten auf, die von ihrer Behausung nicht viel mehr als den Kalorienzugriff bemerken und einander anknabbern, wenn es sonst nichts zu tun gibt? Was tut man mit solchem Geziefer, als ihm beim Betreten und Verlassen dieses zweifelhaft beleumundeten Rotationsellipsoiden am Rande der Galaxie zuzusehen? Und was macht man, wenn die ganze Population simultan über die Wupper geht? Schabe fertig?

Trends bestimmen das Halten und Verhalten, war noch im letzten Sommer eine Strauchratte hip, so wird heute der Leasingleguan stracks auf dem Flohmarkt umgerubelt und in den Kaiman auf Kredit gepumpt. Wenn sich die Jüngste ein Pony wünscht, überlegte der Bekloppte früher kurz, wie man den Gaul im Garderobenschränkchen unterbringen könnte, und probiert es dann lieber mit einer Fußhupe. Zu normal, zu ordinär, der Proll aus dem Bausparerghetto kommt heute nicht mehr an und geht mit der Zeit. Wahrscheinlich wird er schon nächste Saison Quallenzucht in der Duschtasse betreiben. Hoffen wir, dass es die Reinkarnation tatsächlich gibt. Und wünschen wir ihm, dass er als Meerschweinchen wiederkommt. Immer wieder.





Brummschädel

17 05 2012

„Orrr, diese Schmerzen!“ „Ich hatte es Ihnen schon mal gesagt, man säuft sich nicht den Schädel voll vor dem Feiertag.“ „Aber am Wochenende haben wir doch auch…“ „Und dann kam das böse Erwachen. Pech.“ „Pech!? Das nennen Sie… orrr!“ „Beschweren Sie sich halt bei Merkel. Die ist komplett überraschungsfrei, bei der weiß man immer, wieso man rausfliegt.“

„Das waren die beiden Kästen Pschorr, und dann haben wir…“ „Hätten Sie sich denken können, dass Seehofer die Regie übernimmt.“ „Wieso Seehofer? das war doch als kleine Spende der nordrhein-westfälischen Parteifreunde… Jetzt geht mir ein Licht auf!“ „Prima, damit dürften Sie ihre geistige Zurechnungsfähigkeit ja wiedererlangt haben.“ „Hat denn die CSU inzwischen die Regie übernommen?“ „Haben Sie heute ein Dementi gegen das Betreuungsgeld gehört?“ „Nicht, dass ich wüsste.“ „Jubelarien über den Rettungsschirm?“ „Das wäre mir aber aufgefallen.“ „Dann fragen Sie sich mal in einer stillen Stunde, warum Seehofer heute so entspannt in die Gegend schaut.“ „Sie meinen – nicht möglich!“ „Willkommen in der Wirklichkeit.“

„Warum gerade Röttgen?“ „Weil er seinem Nachruf nach alles richtig gemacht hat.“ „Aber er hat doch…“ „Die Energiewende angestoßen. Wie man gegen den Putzeimer trampelt. Als Physikerin dürfte Merkel die Folgen ausrechnen können.“ „Aber er war doch…“ „Merkels Klügster. Womit klar sein dürfte, was wir vom Rest dieses Kabinetts zu halten haben.“ „Aber der hatte doch…“ „Als Umweltminister die Verantwortung für den Dreck, den Merkel hinterlässt, wenn sie selbst sich auf niedermolekularer Ebene von diesem Planeten verabschiedet haben wird. Richtig. Da braucht mal halt Figuren, die nicht beim ersten Windhauch umkippen.“ „Aber die FDP hat doch gar nicht…“ „Unterbrechen Sie mich nicht. Da braucht mal Standfestigkeit! Durchhaltevermögen! Echte Männer!“ „Ah, verstehe. Warum hat sie nicht Guttenberg genommen?“

„Vor allem räumen Sie gefälligst mal diese ganzen leeren Flaschen da weg!“ „Orrr, nicht so laut! Mein Kopf!“ „Dann saufen Sie halt nicht so viel.“ „Wir hatten halt damit gerechnet, dass der nächste einer von der FDP ist.“ „Unmöglich.“ „Wieso unmöglich? Können die denn etwas?“ „Das nicht.“ „Und was die Justizministerin angeht, kann Friedrich etwas?“ „Wie gesagt, das ist nicht die Frage.“ „Sondern?“ „Ruhe.“ „Ruhe?“ „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht.“ „Also Ruhe, bevor diese Koalition innerhalb der nächsten Wochen auch noch platzt?“ „Nein. Ruhe, bevor die Liberalen auch noch komplett durchdrehen.“ „Aber dafür kann doch Merkel nichts?“ „Eben.“

„Ich verstehe trotzdem nicht, wieso Merkel ausgerechnet Röttgen als erstes über die Wupper geschickt hat.“ „Das liegt am christdemokratischen Selbstverständnis.“ „Das mit dem Leben nach dem Tod? Ja, das hatte ich mir auch schon gedacht.“ „Unsinn, das ist das Anzeichen der CDU.“ „Sie meinen, das sei dialektisch gemeint? die bessere Idee wird durch eine noch bessere ersetzt?“ „Das ist ein Anzeichen der Partei von Merkel. Wer im falschen Augenblick Ideen hat, wird gefeuert.“ „Ich dachte, wer im falschen Augenblick keine Ideen hat?“ „Was soll das denn?“ „Ist es das Privileg der Kanzlerin, keine Ideen zu haben?“ „Röttgen hat es halt richtig gemacht.“ „Warum wird er dann so einfach gefeuert?“ „Muss das denn unbedingt als Strafe verstanden werden?“

„Gut, anders. Warum feuert die Kanzlerin den Mann, wo doch die Umweltpolitik so wichtig ist?“ „Weil die Umweltpolitik so wichtig ist.“ „Also weil die Grünen das nicht besser hinbekommen sollen?“ „Weil die Kanzlerin das selbst besser kann als die Grünen.“ „Deshalb ist die Klimapolitik so eine wichtige Sache?“ „Deshalb ist die Energiewende so eine enorm wichtige Sache und ureigenstes Gebiet der Kanzlerin.“ „Aber die kriegen doch in Bezug auf die Klimawende nichts gebacken.“ „Eben.“ „Und verlogen ist das obendrein.“ „Richtig.“ „Das stimmt doch hinten und vorne nicht – diese ganze Energiewende ist ein einziger lobbyistenverseuchter Sumpf, in dem sich ein Politiker nach dem anderen als komplett inkompetenter Idiot herausstellt.“ „Sie haben es verstanden. Klima ist Chefsache. Das erfordert eine Planung und eine Personalpolitik mit viel Fingerspitzengefühl.“

„Weiß denn Merkel überhaupt noch, was sie da tut?“ „Warum sollte sie sonst ihr Kabinett mit den besten parlamentarischen Mitarbeitern bestücken?“ „Ich meine, warum hat sie denn Röttgen vor die Tür gesetzt? Wenn ihr die Energiewende schon als wichtig erschien…“ „Korrekt. Und nun räumen Sie mal lieber die Luftschlangen hier ab. Sieht ja aus wie im Karneval.“ „Ist denn die Umweltpolitik ihr wichtig?“ „Sie sollen hier aufräumen! Das sieht aus wie im Schweinestall“ „Oder ist das Amt ganz einfach falsch besetzt?“ „Lenken Sie gefälligst nicht immer ab!“ „Und wenn das ein inhaltlicher Totalausfall war oder aber nicht wichtig für die Regierung, warum ist dann die Schröder noch im Amt?“ „Sie sollen diese verdammten Luftballons hier abhängen!“ „Oder von der Leyen?“ „Machen Sie gefälligst nicht so einen Lärm hier, in der CDU herrscht Zucht und Ordnung!“ „Oder Schavan?“ „Sie haben sich sicherlich um die Ziele der Christdemokratie verdient gemacht, Sie haben auch wichtige Dienste geleistet, um die geistig-politische Wende einzuleiten. Und jetzt raus hier!“





Über den Wolken

16 05 2012

„… sei mit einer Inbetriebnahme des Flughafens Berlin Brandenburg pünktlich zum August 2012 zu rechnen. Sämtliche Planungen hätten sich als solide und verlässlich erwiesen, so dass von einer Verschiebung nicht auszugehen…“

„… eine landesweite Konferenz gefordert. Eine Verschlechterung der Verkehrsinfrastruktur, so das Gremium sei nicht zu haben ohne eine gemeinsame Verschlechterung der Transportbedingungen sowie einen massiven Abbau der bisherigen…“

„… die Berliner Taxifahrer nicht mehr in der Lage, sich der Kampfradler zu erwehren. Die Mehrheit der Lohnchauffeure habe zwar von der Erscheinung nichts gewusst, wolle aber keine Gelegenheit auslassen, sich zu beschweren über…“

„… könne der Wartungshangar theoretisch zwar auch Großraumflugzeug vom Typ Airbus A340 aufnehmen, in der Praxis habe sich durch den Import nicht genormter Teile chinesischer Herkunft das Problem ergeben, dass die Halle nur eine Länge von 89,4% der im Bauplan vorgesehenen…“

„… habe man auf eine reibungslose Anbindung des Hauptbahnhofs an den U-Bahn-Verkehr gesetzt. Das Pilzkonzept habe sich allerdings als zu teure Schnapsidee…“

„… die elektrischen Installationen im Frachtgut-Bereich nicht absichtlich vergessen worden seien. Vielmehr habe man durch illegale Beschäftigung von Ein-Euro-Jobbern, deren Aufgabe laut Jobcenter eigentlich die Bedienung der automatischen Brandschutztüren…“

„… zuversichtlich, dass eine Angleichung der Verspätungen von S-Bahn und Flugverkehr rasch und bürokratiearm in die Wirklichkeit umgesetzt…“

„… habe es bei der Beschriftung diverse Pannen gegeben. Die Montage des Schildes WC oberhalb des Haupteingangs sei nur eine der zahlreichen…“

„… habe der Verband der Taxifahrer wegen der steigenden Kraftstoffpreise bereits eine Beförderungsgarantie für seine Mitglieder in Anspruch genommen. Würden die Fahrer wegen der ÖPNV-Anbindung des Flughafens nicht genügend ausgelastet, so stehe ein Generalstreik unmittelbar…“

„… habe sich das Konsortium ausnehmend positiv über den Luftverkehr geäußert. Nachdem BER aus den internationalen Flugrouten wieder gestrichen worden sei, habe sofort eine spürbare…“

„… die Deutsche Bahn eindeutig dafür aussprach. Nächtliche Leerflüge seien eine optimale Ergänzung zum nicht mehr stattfindenden ICE-Verkehr, der die gemeinsame überflüssige Planung mehr als…“

„… koste die Verlängerung des Vertrages die Stadt Berlin fast zwei Millionen Euro. Da das Personal das Unhöflichkeitstraining zur Anpassung an die lokalen Verhältnisse nicht rechtzeitig genug aufgenommen habe, müsse nun mit einer größeren Summe wieder für eine…“

„… BER als Güterverkehrsknotenpunkt in die weitere Wirtschaftsplanung der Bundesrepublik fest miteinbezogen. Einerseits stelle die mangelnde Planungssicherheit des Flughafens ein gewaltiges Risiko für die Exportwirtschaft dar, das sich aber durch die negativen Wirkungen des Flugverkehrs volkswirtschaftlich mehr als ausgleichend…“

„… sich bisher als nicht tauglich erwiesen, die Berliner mit Döner für 1,99 € anzulocken. Der Flugverkehr der Billigrouten sei zwar in demselben Preissegment beheimatet, doch sei ein Flug pro Mittagspause nicht mit den…“

„… seien unter anderem auch die Billigflüge für 9,99 € ein Problem der Planungssicherheit. Rösler schlug vor, die Lohnkosten nochmals extrem zu…“

„… habe das Sicherheitspersonal einen Vierfarbkugelschreiber gefunden. Das auf der Liste historischer Hieb- und Stichwaffen geführte Objekt sei dem CDU-Politiker zum Verhängnis …“

„… liege das Problem in den historischen Wurzeln. Berlin warte immer noch darauf, dass die technische und finanzielle Unterstützung der Westdeutschen dem Desaster alsbald ein Ende…“

„… mit der Wirtschaftskompetenz der Berliner zu lösen sei. Senatorin von Obernitz habe vorgeschlagen, dass bereits bei einer mittleren Auslastung von nur 450% der Flughafen genügend Rücklagen gesammelt habe, um pünktlich im Januar 2013 seine Eröffnung…“

„… sich Wowereit vom Flughafen Berlin Brandenburg deutlich distanziert haben solle. Eine regelmäßige Partyveranstaltung sei jedoch mit dem Zweck des Airports nur schwer zu…“

„… sei es richtig, dass weitere Kontrollräume unterhalb der Towerkanzel gebaut worden seien. Man habe allerdings aus Kostengründen auf die Fußböden verzichtet, da sich dadurch gleichzeitig eine Einsparung der Decken der darunter liegenden Räumlichkeiten…“

„…dass Hertha BSC nicht allein durch das Sponsoring der Deutschen Bahn so katastrophal…“

„… spreche für eine Einweihung im Jahr 2013, dass nur eine Start- und Landebahn betrieben werden könne, was angesichts der zu erwartenden Auslastung des Flughafens für eine geradezu visionäre Umweltkompetenz…“

„… die Provisorien eingeplant seien, bei einer zufälligen Annäherung der Nutzungszahlen an die prognostizierten Werte aber jederzeit neue vorübergehende Bereiche eröffnet werden könnten. Die Flughafenleitung plane derzeit eine Wartezone in Neukölln mit Raucherzone in Steglitz, die durch den S-Bahn-Verkehr noch innerhalb derselben Kalenderwoche angebunden…“

„… die Griffe an den Toilettentüren nach den neuesten ergonomischen Standards geformt seien. Ihr Design setze Maßstäbe und werde die Wahrnehmung des Flughafens entscheidend prägen. Mit der Lieferung sei im Sommer 2013 zu…“

„… die Abfertigungpavillons sicher bereits 2014 und damit wesentlich früher als die übrigen Zugänge fertiggestellt sein dürften. Mit der Übergabe der Zugangstunnel sei frühestens im März 2015 zu rechnen, doch sei dies nicht erheblich, da die Bestandteile ja flughafentypisch vor allem aus der Luft erreichbar…“

„… das Gepäckband nur aus ästhetischen Gründen rückwärts…“

„… sich die Tunnelgrabungen schwieriger gestalteten als angenommen. Die aus Stuttgart angereisten Experten hätten zunächst die Kosten…“

„… sei es zu dem peinlichen Zwischenfall gekommen, da der Pilot seine Landeerlaubnis an dem nicht existierenden Flughafen erhalten habe. Die Maschine mit Papst Benedikt XVI. sei im letzten Moment…“

„… stehe die Feldlerche nicht unter Naturschutz. Probleme bereite der Behörde aber die Ansiedlung des Juchtenkäfers, der seine Population auf der Startbahn mehr als doppelt so…“

„… sich in einem erneuten Machbarkeitstest an den acht Check-in-Inseln mit zusammen 94 Schaltern die Passagierdarsteller mehrere Zwischenfälle zutrugen. Zu den angenehmeren Ereignissen gehörte die Bekanntschaft von Janina P. (31) und Kai-Malte K. (32), die sich in der Warteschlange verlobten, heirateten und nach der Entbindung des Sohnes Kevin Leon Yves dessen Einschulung in die…“

„… als eine außergewöhnlich gute Idee, den neuen Hauptbahnhof unter dem Flughafen Berlin Brandenburg anzulegen. Mit knapper Mehrheit hatte das Abgeordnetenhaus verhindert, dass der Flughafen unter dem Berliner Hauptbahnhof…“

„… habe sich die Anton Schlecker e. K. bereiterklärt, das Objekt ab 2016 zu übernehmen. Die für einen symbolischen Euro gekaufte Bauruine biete dem Einzelhandelskonzern die idealen Voraussetzungen für einen Flagship Store auf…“

„… mit einer knappen Mehrheit für die Verlegung der Bundeshauptstadt nach Bonn ausgesprochen…“





B.L.Ö.D.

15 05 2012

„Stufe drei“, stellte Schluchterhenn fest. „Eindeutig Stufe drei.“ Der Computerfachmann tippte mit dem Zeigefinger auf den Bildschirm. „Die einzelnen Statements lassen sich gewichten, so dass ein individueller Durchschnitt zu errechnen ist. Man muss ja schließlich wissen, wen man wählt und wem man beizeiten misstraut.“ Diese Datenbank also sammelte Äußerungen von Politikern aller Couleur, streng nach Gefährlichkeitsgrad gesondert und chronologisch verzeichnet. Eine Warndatei für die deutsche Demokratie.

B.L.Ö.D. kündete die Überschrift in der Suchmaske vom Namen der Datenbank. Ich schmunzelte. „Sie sollten keine voreiligen Schlüsse ziehen“, tadelte Schluchterhenn, „es ist nicht so, wie Sie denken.“ „Sicherlich eine streng geheime Abkürzung“, belächelte ich seine Erregung. „Ja, dem ist so.“ Er unternahm nicht einmal den Versuch, mich auflaufen zu lassen. „Es ist ein ganz simples Akronym. Bekloppte Lautäußerungen, öffentlich dargeboten. B.L.Ö.D. Das reicht doch wohl?“

Er war wohl etwas eingeschnappt, deshalb versuchte ich, ihn durch mein Interesse zu gewinnen. „Sie haben diese Sammlung bestimmt aus denselben Gründen aufgezogen wie die Datenbank für die europäischen Fluggäste?“ Schluchterhenn nickte stumm. „Und sind die Sicherheitsaspekte diesmal zur Landesverteidigung oder zur Durchsetzung höherer Ziele, als es in den nationalen Demokratien denkbar wäre?“ Er sah mich entgeistert an. „Was erzählen Sie mir da? Wir sammeln den Schrott, weil wir es können! Glauben Sie ernsthaft, irgendwo wäre das anders? Oder hat man Ihnen erzählt, wir würden zu Ihrer Sicherheit sinnlose Untersuchungen anstellen?“ „Das nun gerade nicht“, versuchte ich ihn zu beschwichtigen, „sinnlos mögen diese Arbeiten zwar sein, aber so genau hat es uns bisher noch niemand gesagt. Und von einer Warndatei erwarte ich wenigstens, dass sie landesweit für hysterische Weinkrämpfe sorgt.“

Schluchterhenn tippte ein paar Zahlen in die Maske. „Hier sehen Sie die Berechnungsgrundlage, und hier“ – er hieb einmal mit Nachdruck auf die Eingabetaste – „haben wir das erste Ergebnis der strukturierten Suche.“ Es handelte sich um Politiker, die Senioren kein künstliches Hüftgelenk mehr zubilligten (offensichtlich waren die Produkte der deutschen Prothesenindustrie nur noch den Jugendlichen vorbehalten, aber so weit denkt kein Politiker), die Halloween für satanistisches Zeugs hielten und auch ansonsten ihrer Haltung gegenüber den Minderheiten keinen Hehl machten. „Interessant“, sagte ich, „aber haben wir das nicht schon immer gewusst? Ein Blick in den Almanach, wir hätten ihn richtig eingeordnet.“ Schluchterhenn riss erstaunt die Augen auf. „Aber keinesfalls“, widersprach er, „keinesfalls. Sie müssen sich diese Äußerungen einmal im Kontinuum der bisherigen Inhalte ansehen.“ Und er rollte abwärts in der Leiste der gerade noch erträglichen, gerade nicht mehr, nicht mehr, kaum noch, endgültig, vollständig nicht mehr, keinesfalls mehr erträglichen Äußerungen. „Da haben wir die Forderung, bei religiösen Minderheiten die Meinungsfreiheit einzuschränken. Ist das aus der letzten Sammlung übriggeblieben?“ Er verneinte. „Bedaure, aber das ist aktuell. Auch wir haben ja ein Verfallsdatum.“ „Verstehe“, gab ich zurück, „Radiergummi?“ „Von solchen Ideen können Sie gerne Ihre Politiker überzeigen“, antwortete er ungerührt, „wir setzen auf die Realität: an gewisse Äußerungen wird sich niemand mehr erinnern, deshalb werden unsere Objekte auch in regelmäßigen Abständen gelöscht.“ „Sie lassen Gnade vor Recht ergehen“, nickte ich. Doch mein Verständnis von Verständnis war offensichtlich zu groß. „Es versaut uns die Bilanz und lässt uns nicht effizient und treffsicher genug arbeiten. Schauen Sie mal hier – Sie werden staunen.“

Mit wenigen Befehlen hatte Schluchterhenn eine komplette Hitliste erstellt. „Hier haben Sie Ihre Qualifikationsmerkmale“, sagte er trocken. „Ein paar Idioten, die nicht wissen, wie die Verfassung funktioniert, ein Außenminister, der die Berliner Stadtreinigung von Arbeitslosen arbeitslos machen will, ein Innenminister – ach, Sie sehen es ja selbst.“ Das verblüffte mich. „Sie werden doch das alles nicht zum Vergnügen sammeln, auch wenn Sie eine Bundesbehörde sind?“ Überlegen lächelte er. „Natürlich nicht. Wir sind ja letztlich auch nur von den Parteien finanziert. So wie alles in diesem Land. Und diese Parteien wollen eben die richtigen Kandidaten in die Wahlen schicken.“ Ein Klick, dann poppte ein Profil auf. „Langweiliger hatten Sie’s nicht“, motzte ich, doch Schluchterhenn kümmerte das nicht. „Das war so gewollt. Die Wahl galt ja von Anfang als verloren, da wollte man eben den optimalen Kandidaten ins Rennen schicken.“

Eine Rangliste von dümmlichen Bemerkungen quoll mir entgegen, hier forderte einer Streusalz für Radfahrer, dort hagelte es Spenden für Betrüger. „Bevor man einen Politiker auf die Öffentlichkeit loslässt“, informiert mich Schluchterhenn, „klopft man ab, ob der Mensch komplett sein Gehirn ausschalten kann. Man braucht das ja für den üblichen populistischen Pragmatismus. Wer da nicht absolut schmerzfrei agiert, der ist ja sofort raus. Und so viel Unsinn, wie die jetzt schon von sich geben, meine Güte – wer soll da schon den Überblick behalten?“ „Sie sammeln also sämtliche Informationen über Fehlleistungen von Politikern, um die Publikumswirksamkeit von Vollidioten in einem Publikum von Vollidioten abschätzen zu können?“ Schluchterhenn nickte einfach, nicht mehr und nicht weniger. „Und warum heißt das Ding nun Warndatei?“ Er zuckte zusammen. „Erzählen Sie es niemanden“, sprach er hastig, „aber wir führen diese Untersuchung seit Jahren durch. Natürlich sammeln wir auch Material über die Mitbewerber.“ Schluchterhenn errötete heftig. „Wir müssen doch wissen, wer Kanzlerkandidat wird.“





Bedauerlicherweise

14 05 2012

„Ja, tut uns echt Leid. Da fühlen wir ganz mit Ihnen. Richte ich gerne aus. Grüße an die Frau Kanzlerin vielleicht noch, oder eine… Gut, keine. Bitte sehr um Verzeihung.

Christdemokratische Seelsorge, was kann ich für Sie tun? Sie haben Röttgen gewählt? Ach, das ist ja traurig. Also ich meine, das ist ja traurig, dass Sie ihn… Nein, ich hatte mich da nur falsch aus-… Das war doch jetzt gar nicht ironisch gemeint, ich wollte Sie bloß…

Das können Sie als Trauerbewältigungsarbeit verstehen. Wir sind für den Bürger da, der muss nun aufgefangen werden, weil die Leute den Wechsel in Nordrhein-Westfalen wollten, und dann hat’s eben nicht geklappt. Bedauerlicherweise. Da können wir jetzt sehen, wie wir damit fertig werden. Diese Demokratie, das ist ja einfach nichts. Und dann auch noch Sozialdemokratie, da kann man ja nur noch depressiv werden!

Christdemokratische Seelsorge, was kann ich für Sie tun? Leider nein, das geht nicht automatisch. Als Bundesminister muss man extra zurücktreten, und ich wüsste auch nicht, wo wir so schnell die Doktorarbeit von Röttgen herbekommen sollten. Das müssen Sie schon im Präsidium zur Sprache bringen, Herr Pofalla. Ja, Sie mich auch. Auf Wiederhören.

Es ist schon eine Krux, dass nicht einmal die Partei selbst damit umgehen kann. Ich meine, wir haben doch alles getan, was wir nur konnten – beziehungsweise in dem Fall eben nicht, obwohl wir getan gehabt gekonnt gehaben hatten sollen können müssen! Da ist seit Wochen nichts mehr passiert, das Bundesamt für Naturschutz ist quasi schon im Weihnachtsurlaub, das Bundesamt für Strahlenschutz können Sie unter einer Staubschicht suchen, im Bundesamt geht gar nichts mehr. Hat sich die Frau Kanzlerin gesagt: machen wir kurz vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen keine Politik mehr, hat ja letztes Mal auch schon so toll geklappt. Guter Plan, da kann man dann wenigstens die Sozialdemokraten nach dem Wahlsieg dafür verantwortlich machen, dass hier jede Menge unerledigte Arbeit herumliegt. Sehr guter Plan.

Christdemokratische Seelsorge, was kann ich für… Schreien Sie doch nicht so! Ja, wir sind natürlich auch ganz bestürzt. Furchtbar. So ein unglaublicher Dreck, eine Gemeinheit, solche Gerüchte über unseren geliebten Landespolitiker Röttgen, nein: Röttgers, halt: Rüttgers hieß der, Rüttgers. Ach so, Sie meinen das von uns? Nein, wir haben das gar nicht in die Welt gesetzt. Unglücklicherweise stimmte das ja auch gar nicht. Schlimm, oder? Ich bin untröstlich.

Also die Arbeit. Da war ja gar nichts mehr. Aber wir dürfen das auch nicht überbewerten, auf die Art hatte dann Rot-Grün auch viele Möglichkeiten, große Fehler zu machen. So theoretisch. Ich meine, diese Piraten hätten das damals nur kaputt gemacht. In den sechs Wochen hätten die ihre Mitglieder befragt und dann einfach irgendetwas gemacht. Die hätten da etwas entschieden! Politik! Ich meine, man geht doch nicht in die Politik, um einfach so mal etwas zu…

Christdemokratische Seelsorge, was kann ich für Sie tun? Ja, es ist ein Jammer. Ich kann Ihren Schmerz nachfühlen. Das ist wirklich eine herbe Enttäuschung. Da hatten Sie sich in Berlin schon so sehr gefreut, und jetzt kommt der Röttgen einfach zurück. Tragisch, tragisch.

Ungünstigerweise kriegt er ja auch nie wieder eine Chance, noch irgendetwas zu machen. Der ist wie Atommüll: ob Sie den hierhin packen oder dorthin, egal, der bleibt da. Bis zum bitteren Ende. Das kriegen Sie nie wieder weg. Nicht mal als Kanzler. Erst recht nicht als Kanzler.

Christdemokratische Seelsorge, was kann ich für Sie tun? Mein Beileid! Das wollten wir wirklich nicht! Ach Gott, wie konnte das denn bloß – Ihre Frau Mutter hat gar nicht gewusst, dass Röttgen der Kandidat von uns ist? Die wusste gar nicht, wen sie diesmal wählen soll? Nervenzusammenbruch!? Und dann hat sie was gewählt? Tierschutzpartei? Na, ist ja wenigstens nicht im Gulli. Wie bei der FDP.

Aber eins müssen Sie Röttgen doch lassen, er hat wirklich ein Händchen für die richtigen Signale. Diese Landtagswahl zu stilisieren als ultimative Abstimmung über Merkels Krisenpolitik, das ist ja echt ein Coup. Wirklich schade, dass er letztlich auch noch Recht hatte.

Christdemokratische Seelsorge, was kann ich für Sie tun? Ja, das mit den 40 Prozent ist nichts geworden. So traurig. Ach, Sie meinten die SPD?

Das Problem war ja, dass die Bürger in Nordrhein-Westfalen sich das Gesicht von Röttgen gar nicht merken konnten. Als Landeschef war er so gut wie nie da, bei den Plakaten musste man automatisch weggucken – aber schade auch, dass er erst recht weg vom Fenster ist. Scheint einer von seinen Sparvorschlägen gewesen zu sein.

Christdemokratische Seelsorge, was… Frau Kanzlerin? Nein, keine Ahnung. Gestern war er noch hier. Also wir haben jetzt nicht noch einmal überall durchgesehen, aber hier ist er nicht. Denke ich. In Berlin ist er nicht angekommen? Haben Sie mal bei Koch geguckt? bei Wulff angerufen? bei von Beust oder Merz? Nicht? Schade eigentlich.“





Gegendschihad

13 05 2012

Während sich europäische Innenminister über die Gefahr des globalen Dschihad bepredigen, bildet die US Army längst für den Gegenschlag aus. Um das geistige und intellektuelle Zentrum des Feindes zu treffen, bombt man in Norfolk Mekka von der Landkarte. Auf amerikanischer Seite dürfte das Disneyland entsprechen. Alle anderen Blähungen im Killerspielmodus in den Suchmaschinentreffern der vergangenen 14 Tage.

  • vorkassen fipsi: Irrtum, bezahlt wird zum Schluss.
  • prekariats-schlampe: Sie können sich ruhig etwas freundlicher über die Sozialministerin äußern.
  • womit putzte man früher böden?: Mit Lappen und Bürste.
  • wasserbett mit ballonseide quitscht: Einölen hilft. Das Bett nämlich.
  • impulsknoten: Wenn der reagiert, dann passiert hier aber was!
  • kleiner dackel strickmuster: Kommt sehr schön in Pudelwolle (Modeschur).
  • stützkäufe geschmierte händler: Heißt bei der FDP Zweitstimmenkampagne.
  • wer hat die kalle kraft bratenfolie erfunden: Dieter Dummbold.
  • dhl fernsehen versenden versichertenschutz: Mit etwas glück überlebt die Glotze das nicht.
  • zermatschter kuchen im briefumschlag: DHL kann das.
  • hühner anatomie fressen schlucken: Bevorzugen Sie intravenös ernährte Hähnchen?
  • wozu zählt der mülleimer (hausrat?): Wenn’s nicht weg kann, war es sicher Kunst.
  • krankenschein nackenschmerzen: Vermutlich haben Sie das Rundschreiben zu schnell gelesen.
  • hyperglykämie kinder gezeichnet: In dem zustand können Sie noch einen Stift halten?
  • die wc ente parodie: Geht bis unter den Rand der Geschmacklosigkeit.
  • anleitung zur zitronenzüchtung: Der Zuchtwart fordert: deutsche Südfrüchte!
  • mofa schlemmerfilet: Sie sind Allesfresser?
  • angela merkel lafayette leberwurst: Spongebob?
  • frisuren für dumbos männer: Ohren frei.
  • häkelanleitungen für torten ohne kalorien: Nehmen Sie Diätwolle.
  • idiolalie und lyrik: Es gibt da Unterschiede?
  • ist für bartagame hammerschlageffekt giftig: Nein, nur tödlich.
  • wir basteln ein schwein: Sagen Sie Bescheid, wenn Sie fertig sind.
  • frittiertes gebäck aus siebenbürgen: Das wird doch kalt, bis es hier ist.
  • eierharfe professionell: Geben Sie Solokonzerte?
  • amtliches endergebnis: Der Moment, in dem die Hälfte der Wahlsieger keine mehr sind.
  • schlafen mit gummimantel: Garen im eigenen Saft.
  • jagdwurstscheibe: Quasi die molekular begrenzbare Stoffmenge.
  • verknöcherung nach nasenbeinbruch: Bei den meisten reicht es schon, in die SPD einzutreten.
  • repressionsfreie limerick: Finde ich irgendwie voll gut, Du.
  • drano power granulat eingeatmet und schwanger: Verstehe. Der Storch hat Sie aufgegeben.
  • gezeichnetes zebra: Das Leben ist hart.
  • frisuren kurz herren aufgestellt: Was man mit etwas Eischnee alles hinkriegt.
  • malvorlage ampel: Davon träumen Sie nachts.
  • kleine levin syndrom straftaten: Schlafen Sie einfach weiter.
  • gehäkelter hampelmann: Besser als ein gehampelter Häkelmann.
  • tattoo steinzeitmensch trägt stein: Und in der Eiszeit?
  • pickniktisch faltbare nackte frisösen: Schöner Wohnen.
  • türstopper selber nähen: Dackel näht man am besten im Steppstich zusammen.
  • vulgäre symptomatik: Lindner kann nicht anders.
  • sockenpflicht büro: Vorher wird sie in deutschen Talkshows eingeführt.