Gernulf Olzheimer kommentiert (CLII): Outdoorwahn

1 06 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Etliches gelang dem Hominiden auf dem Weg zum Ende der Nahrungskette, manches nicht beim ersten Versuch, manches nicht vollständig – es war ein langer, harter Kampf gegen die Materie und den Mitmenschen, wie er sich als Nachbar, Radfahrer oder Fachverkäufer im Heimwerkermarkt zeigt, atavistisch in seine Unvollkommenheit abgleitend, und doch hat der Beknackte sich das Leben auf diesem übel beleumundeten Rotationsellipsoiden einigermaßen schnuckelig eingerichtet. Er hat das Feuer gezähmt, den Fernseher erfunden, Bier in Flaschen, den Rasenmäher und das Automobil. Er hat den Urwald gegen die Steppe, die Steppe gegen die Felshöhle, die Höhle schließlich gegen die witterungsfeste Behausung mit festen Grundstücksgrenzen eingetauscht. Es könnte ihm gut gehen. Warum nur will er unbedingt zurück zur Natur? Und warum will er sich partout ständig am Arsch der Welt aufhalten in seinem Outdoorwahn?

Es ist der normgerecht zivilisierte Städter, der ohne Zentralheizung und WLAN nicht lebensfähig scheint, der besserverdienende SUV-Fahrer mit Bausparvertrag. Sein Berufsleben verbringt er in der austauschbaren Idylle der Betonbiotope, also zieht es ihn in die unberührten, noch nicht von besitzbürgerlichen Freizeitdeppen verschandelten Gebiete, denen er seinen Fußabdruck ins Gesicht zu treten wünscht. Er, die Tristesse seines eigenen Unvermögens erkennend, drängt ins ferne Gegenteil. Sicher wäre es für ihn entspannender, die Natur in Gestalt von Balkonkästen zu erleben, als sich in sauerstoffarmer Umgebung rissige Hände zu holen. Aber wer fragt nach Vernunft, wenn er einen Trend für die Hirnvollverdübelten kreieren kann.

Man erkennt den professionellen Frischluftikus an seinen Statussymbolen. Stablampe im Format eines Baseballschlägers, das Bärentötermesser aus teutonischem Walzstahl, Klappspaten und ein Satz Karabinerhaken aus der Fremdenlegion, alles das trägt der Held ohne Geschäftsbereich in seinem Armee-Backpack mit sich herum, sollte ihn in Bad Saulgau je ein Säbelzahntiger anfallen. Er hat das Beil im Anschlag, allzeit bereit, Fichtenschonungen im Stadtwald umzunieten. Ohne Kompass und Nachtsichtgerät, Mumienschlafsack und Gaskocher befiele ihn auf der Liegewiese, knapp außerhalb der Rufweite einer Trinkhalle und damit definitiv in freier Wildbahn, bereits eine Panikattacke. Ohne Gaslampe betreten hartgesottene Exemplare der Spezies nicht einmal mehr den Kartoffelkeller; immerhin könnte sich ein unterirdischer Vorfahre des Bekloppten im Halbdunkel des Vorratsraumes verbergen. Unterdessen wäre der Survivalprotz, der am Stammtisch Geschichten von der Eroberung der grünen Hölle zum Besten gibt, bereits nervlich am Ende, setzte man ihn an einem vernieselten Nachmittag ohne Spürhund und GPS-Gerät in der Lüneburger Heide aus.

Eine Mischung aus Forstadjunkt und Highend-Alpinist stapft durch die norddeutsche Tiefebene, immer auf der Suche nach dem ultimativen Kick. Es ist anscheinend die Aussicht entbehrungsreicher Nächte, die in Frostbeulen und Kopfplatzwunden enden – derlei bekäme man auf einer Zechtour in einer beliebigen Innenstadt auch hin, doch trägt das männliche Gehabe zwischen Mulm und Modder noch zwei Fingerbreit mehr Hahnenkamm. Die Neoneandertaler beweisen einander, dass sie harte Kerle sind (es handelt sich, man ahnt es, um ein männliches Phänomen mit Gruppendynamik, in dem viele Versagensängste und Profilneurosen sich einen Abenteuerspielplatz gesucht haben) und schwiemeln sich ein Weltbild zurecht, das sie ähnlich aus dem normalen Sinnzusammenhang entfernt wie Extremsportler, Sektenangehörige oder Junkies: bei Licht besehen schmeißen sie eine Menge Kohle aus dem Fenster, um sich vor Zeugen wie die letzten Honks benehmen zu dürfen. Nicht selten begeben sie sich in ernste Lebensgefahr, ja sie liegen mit den Ergebnissen ihres Egotrips nicht selten der Allgemeinheit auf der Tasche, wenn die Zehen nach der Wanderung durch die Dolomiten in Zeitlupe abfrieren, aber wenigstens kann der Bescheuerte mit dem Distinktionsgewinn angeben. Er war im Schneesturm in der Eifel unterwegs und ist nicht in russische Kriegsgefangenschaft geraten, hat sich tagelang nur von Fruchtriegeln und Wasser ernährt und nichts zum Spielen gehabt als eine digitale Funkarmbanduhr mit Höhenmesser, Pulsaufzeichnung und 32-Gigabyte-USB-Speicher. Damit hätte Scott den Südpol erreicht, aber der konnte damit auch umgehen.

Tief hat sich die Illusion von der beherrschbaren Natur in die Denke intellektueller Heckenpemner gefräst; alle wollen sie Mutter Erde umarmen, aber keiner mit bloßen Händen. Am liebsten hätten sie die ganze Veranstaltung vakuumverschweißt im Vorgarten, die Berghütte mit Drei-Sterne-Küche aus der Mikrowelle, der Trip über die Kordilleren innerhalb von dreißig Sekunden abschaltbar, worauf sich der Brezelbieger auf dem Sofa wiederfindet. Die Natur ist ihnen egal, was man am deutlichsten an den Rentnern sieht, die in atmungsaktive Frischhalteklamotten mit UV-Schutzbrille und Bergstiefeln kostümiert durch die Gegend tapsen, als kauften sie ihren Gebissreiniger am Nanga Parbat. Wenngleich selbst das heute niemanden mehr wundern sollte, so erlebnisfixiert, wie diese Welt nun mal ist.


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