Aufs Wort

4 06 2012

„Horst! Hörst Du denn nicht? Es hat geklingelt!“ Klar und deutlich vernahm ich Frau Breschkes Stimme durch den Flur tönen, und da nahten sich auch schon die Schritte des Hausherrn. „Horst“, rief es wiederum dazwischen, „hörst Du denn nicht?“ Ich war erstaunt. Hatte er mich nicht eingeladen, weil er für zwei Wochen Strohwitwer war?

Herr Breschke trug eine rot und grün geblümte Küchenschürze. „Kommen Sie durch“, begrüßte mich der pensionierte Finanzbeamte, „der Kaffee ist gleich fertig, und vorher genehmigen wir uns erst mal einen.“ Die Flasche auf dem Küchentisch enthielt eine grüne Flüssigkeit, die wie Rohrreiniger aussah. Da Breschke jedoch vorsichtig davon in zwei Likörschälchen goss, musste es sich um etwas Trinkbares handeln, wenigstens in den Augen des Herstellers. „Banane“, schmatzte er. „Ich habe noch elf Flaschen davon.“ Wie zu erwarten hatte seine Tochter, welche ihn sonst mit lebensgefährlichen elektrischen Geräten, Haushaltschemikalien und Bekleidungsstücken versorgte, die ihr in zwielichtig beleumundeten Touristenfallen auf den Balearen oder in mangelhaftem Deutsch auf verdächtig oft neu gegründeten Internetseiten angeboten wurden, auch dieses Gebinde besorgt. Es roch wie die ölige Substanz, mit der Hildegard einmal im Jahr das Silber abrieb, schmeckte jedoch ganz manierlich, wenn man sich mit dem überzuckerten Aroma von getoastetem Kaugummi arrangieren kann. „Im Abgang etwas scharf“, keuchte ich, während Breschke schon wieder nach der Flasche griff. „Nehmen Sie noch einen, bis der Kaffee – oh, ich habe ja den Schalter gar nicht angemacht!“

In der Tat leuchtete die Betriebsanzeige des Vollautomaten nicht, und ordnungsgemäß ignorierte das Gerät das Wasser und den Kaffee im Filter. „Horst“, erscholl die wohlbekannte Stimme, als ich die Hand ausstreckte. „Du sollst nicht immer so viel Kaffee trinken, drei Tassen am Tag reichen völlig!“ „Ihre Frau hat ja alles im Griff“, bemerkte ich lakonisch. Breschke zeigte auf den kleinen Knopf an der Schrankseite. „Sie haben die Lichtschranke ausgelöst.“ „Trink doch mal Tee“, ermahnte die Dame in Abwesenheit. „Du trinkt zu viel Kaffee, trink doch mal Tee!“

Breschke kippte bereits das vierte Glas von der zuckrigen Spirituose. „Ich zeige Ihnen gleich die Musterbücher von der Teppichfirma“, sagte er und schob mich mit einer sanften Geste in Richtung Wohnzimmer, wo Bismarck mit müder Miene auf dem Sofa lag. Der dümmste Dackel im weiten Umkreis nahm meine Anwesenheit zur Kenntnis, mehr nicht. Kaum hatte Breschke seine Kaffeetasse auf dem Couchtisch platziert, ertönte die belehrende Stimme. „Horst, denk an den Untersetzer! Du weißt doch, wie leicht der Tisch Ringe bekommt!“ Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. „Wenn man sich etwas Mühe gibt, könnte man so einen Glastisch mit einem feuchten Tuch abwischen.“ Er schüttelte energisch den Kopf. „Bloß nicht, am Ende nehme ich noch das falsche Tuch – stellen Sie sich einmal vor, ich würde den Tisch mit dem Schwämmchen abputzen, mit dem sie sonst immer die Fensterbank wischt. Das geht doch nicht!“ „Breschke“, antwortete ich, „Ihre Frau ist für 14 Tage zur Kur, und Sie lassen sich in Ihrem eigenen Haus herumkommandieren?“

Die Sache war ausgeklügelt; auch hier hatte wohl Breschkes Tochter ihre Hand im Spiel gehabt. Kaum hatte ich die Hand in Richtung Hausbar ausgestreckt, ermahnte mich die Hüterin des Hauses, den Schnäpsen nicht zu sehr zuzusprechen, und setzte ich mich aufs Sofa neben den trägen Hund, sorgte sich Frau Breschke ums Interieur. „Dass Du mir die Tagesdecke nicht herunterreißt, die Polster werden doch so schnell stumpf!“ „Haben Sie schon einmal daran gedacht, sie ans Bundeskriminalamt zu vermieten?“ Der Alte lächelte selig. „Lassen Sie es gut sein, dafür denkt sie an alles. Sie sind ja Junggeselle, und unsereins – letztes Mal, als meine Frau zur Goldenen Hochzeit bei Tante Liesbeth in Bayern war, hatte ich die Alpenveilchen nicht gegossen und das Fenster im Schlafzimmer auf Kipp gelassen. Das möchte ich nicht wieder erleben.“ „Sie meinen den Augenblick, als Ihre Frau wieder hier war und es bemerkt hat?“ Er nickte schuldbewusst. „Genau das. Und darum haben wir diese kleinen Dinger angeschafft. Es ist doch so viel einfacher, finden Sie nicht auch?“

In der Küche hielt mich die Hausfrau an, nicht zu viel Salz zu nehmen, dann forderte sie mich auf, die Schuhe gründlich abzuputzen, schließlich trüge man unter den Sohlen den meisten Dreck in die Wohnung (dass gleich anderntags der Teppich ausgewechselt werden sollte, wollte ich zugunsten des häuslichen Friedens lieber nicht ansprechen) und hieß mich die Jacke an einem Bügel an die Garderobe hängen statt an den Haken, was sich meiner Meinung nach aber eher an Breschke selbst gerichtet haben sollte. „Man macht nichts falsch“, sagte ich trocken. „Es ist perfekt“, strahlte der Alte. „Wenigstens kann ich mir sicher sein, dass ich nichts falsch gemacht habe. Also fast nichts, wenn Sie verstehen?“ Ich wollte schon begütigend nicken, als ich sah, dass er in leiser Verzweiflung den Kopf wiegte. „Es ist perfekt. Fast – fast perfekt.“ Und da hörte ich auch schon die vorwurfsvolle Stimme aus der Küche. „Horst! Horst, wo bleibst Du denn? Ich kriege dieses Gurkenglas nicht auf!“