Sprache ist Blutwurst

7 06 2012

„Ja. Jaja, ja! Ja!“ Die Schwester starrte mich aus glasigen Augen an. „Ja! Ja-haa, ja!“ Hier war ich wohl richtig, auch wenn ich nicht genau wusste, ob sie mich überhaupt verstand. Aber in einem Sprachsanatorium war das ja auch nicht unbedingt zu erwarten gewesen.

„Genau genommen sind wir kein Sanatorium“, belehrte mich Doktor Prellwitz. Die Direktorin trug eine blaue Uniform, die leicht an ein Gefängnis erinnerte. „Sie ziehen die Insassen aus dem Verkehr“, merkte ich an. Sie schüttelte den Kopf, wenn auch nur halbherzig. „Wir schützen die Patienten vor sich selbst. Und damit natürlich auch vor uns.“ „Also eine – Anstalt?“ Sie nickte. „Ja, eine Anstalt. Das trifft es wohl am ehesten.“

Auf dem Flur hockte ein älterer Herr im Hausmantel. Als er die Direktorin sah, sprang er von seiner Bank auf und verbeugte sich. „Wie schön, Sie zu sehen! Ist das nicht schrecklich?“ Ich musterte ihn aufmerksam, konnte jedoch nichts Besonderes an ihm finden. „Entzückendes Wetter“, wandte er sich mir zu, „ganz wunderbar heute – tut mir richtig weh in den Knochen, sage ich Ihnen! Und dann der Rhododendron, schauen Sie mal herunter in den Hof. Ein Jammer, dass er bald verblüht sein wird!“ „Eine bipolare Störung?“ Prellwitz verneinte. „Er ist ein bisschen zu sehr angepasst an die schnelllebige Zeit. Man muss sein Urteil heutzutage allzu rasch ändern, da bleibt das Urteil selbst schon mal auf der Strecke. Das wirkt sich natürlich sprachlich aus.“ Wir gingen unseres Weges, während er und nachwinkte, himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt.

Plötzlich stürmte ein kleines Männchen im hochroten Anzug mit geblümter Krawatte aus dem Zimmer. „Vorsicht“, warnte mich Prellwitz, „nehmen Sie sich in Acht!“ „Das beißt doch der stärksten Maus den Anker von der Krone“, johlte der Kleine. „Da sind doch Hopfen und Birnen vor die Hunde gehupft, was sage ich: wir haben den Krug ohne den Wirt gemacht!“ Ich war verwirrt. „Sie verwechseln da wohl ein paar Dinge“, wandte ich ein, „das ist die Maus mit dem Faden, Äpfel und Birnen und…“ „Ach, rutschen Sie mir doch die andere Krähe bis an die Fahnenstange!“ „Er ist verrückt“, konstatierte ich, „absolut durchgeknallt.“ Doktor Prellwitz schüttelte energisch den Kopf. „Berufskrankheit. Er hat jahrelang Börsenberichte kommentiert, dabei hat er sich diesen Schaden zugezogen.“ Mitleidig nickte ich.

Der nächste Patient war nicht unbedingt besser dran. „Das von den verschwiegenen Verschweigern gemahnte Unwesen ist allgemein nicht gemeinsam ein Schweigen, das durch politisches Geschäft sich neu anfühlte, und das ist ohne Vergleich.“ „Von Zeit zu Zeit lese ich den Alten gern“, bemerkte ich lakonisch, „aber das muss doch nun wirklich nicht sein.“ „Wir kriegen ihn nicht mehr hin“, seufzte Prellwitz, und wie zum Beweis hub er wieder an. „Mit befeuchtetem Finger blättert die Geschichte sich die Gazetten hinüber, Seite für Seite ein im Machtbereich des Bösen erscheinender Reim einer Nation, die uns so unähnlich ist, weil sie uns gleich zu sein scheint.“ Ich rollte mit den Augen; der Pfeifenqualm war aber auch lästig. „Er hat sich in einem Poem verheddert und kommt da nicht mehr raus. Lassen Sie uns gehen, bevor er uns auch noch bedichtet.“

Die Cafeteria war trotz der frühen Stunde schon angenehm gefüllt. Patienten und Ärzte hatten sich mit einer Tasse Kaffee, mit Bienenstich oder einem Schälchen Obstsalat am Fenster niedergelassen. „Und dazu ein Würfelchen Zucker, eine fantastische Kombination, das ist ein Geschmackserlebnis – sensationell!“ „Ich trinke meinen Kaffee eigentlich immer schwarz“, merkte ich an, aber da war es schon zu spät. „Wenn Sie Kinder haben, dann lassen Sie den Alkohol einfach weg – und dann serviere ich Ihnen eine Tasse Kaffee nach Omas Rezept, schnell und einfach, sensationell!“ „Wir versuchen natürlich, die Patienten so gut wie möglich in den Alltag einzubinden.“ Prellwitz lächele ein bisschen schief. „Auf der anderen Seite könnte es für unseren jungen Freund noch etwas zu früh sein.“ „Und dann schwenken wir den Teebeutel einmal im heißen Wasser, sensationell! und schon haben wir eine Tasse Tee! Ein fantastisches Aroma, ein sensationelles Geschmackserlebnis! Einfach sensationell“ Wir suchten das Weite.

Der Mann im Garten brabbelte vor sich hin. „Das Sein als das Dem-So-Sein-vorweg-Sein ist ein der Gewesenheit des Daseins begegnendes Seiendes des Sein-bei, dessen Sich-schon-in-der-Welt-Sein des Sein-Seins die Verfallenheit des Geworfenen in die Welt west.“ „Universitärer Philosoph?“ Sie winkte ab. „SPD, Referent für Grundsatzfragen. Der merkt gar nichts mehr.“

Vom Balkon aus genoss man einen hübschen Blick über das liebliche Gärtchen im Innenhof. Doktor Prellwitz war zufrieden. „Wir haben eine ganz schöne Sammlung an Sprachgestörten bei uns, manches interessante Endstadium darunter, und wie Sie sehen, ist dies kein schlechter Ort. Es geht ihnen gut, sie werden ausreichend verpflegt, und wir haben unsere Ruhe.“ Ein Innenpolitiker schrie mit rotem Kopf Unsinn in die Vormittagssonne, eine Filmschauspielerin gurgelte, ein Komödiant feixte in sein imaginäres Publikum. „Das Fernsehen ist uns zu großem Dank verpflichtet.“ Ich war irritiert. „Das Fernsehen?“ Die Direktorin lächelte. „Ohne uns bekämen die doch keine Talkshow besetzt.“