Gernulf Olzheimer kommentiert (CLIII): Grillen

8 06 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Am Anfang war das Feuer, und alles änderte sich. Hatte der Hominide seine Käfer noch roh geknabbert, noch ungekocht sein Moos gelutscht, so sorgte die Beherrschung des Funkenfluges, die Technik des kontrollierten Abfackelns für einen soliden Evolutionssprung. Das Eiweiß tierischer Provenienz schien auf einmal nicht nur kaubar, es bereicherte den Speiseplan des Steppenbewohners um Spezialitäten wie Gürteltier al forno, Nashorn vom Spieß – statt, wie sonst, umgekehrt – oder die noch heute beliebten gerösteten Singvögel. Das Hirn wuchs unter dem Ansturm der Proteine, die Waffen mussten größeres Getier erlegen, der Kreis nahm seinen Lauf, und ist vom Urmenschen auch nicht mehr viel übrig, noch immer schwelgt er in der kollektiven Erinnerung, wie sich die Sippe grunzend um kokelnde Karkassen von Mammuts scharten, das Wunder der Waberlohe preisend in frommem Schauer, dass etwas Überwirkliches sich zur Erde geneigt. Viel Spiritualität ist nicht geblieben, der Hominide baut noch immer Waffen, aber noch immer schaltet er regelmäßig sein Gehirn in den Wartungsmodus: beim Grillen.

Es scheint sich um eine krude Mixtur aus Mannbarkeitsritual und kollektivem Atavismus zu handeln, wie karnivore Neoneandertaler geifernd um die Glut stehen und dem in Fertigmarinade ersoffenen Separatorenfleisch bei der viertgradigen Verbrennung zusehen. Hochfrequentes Zischen auf dem Rost kündigt die sacht anknuspernde Kruste aus karzinogenem Schwabber an, während die Knorpel mählich zur Betonkonsistenz kontrahieren. In voller Montur – Feinripp mit Schweißrand, Bewegungshose, Sandalen samt Socken in nicht näher definierter Farbemanation plus Schlapphut im Nationalflaggendesign – erscheint der Brätler vor dem Kuppelgerät, angefüllt mit Portionen für ausgehungerte Grobschmiede, und versucht sich als Maillard-Reaktionär an der fettigen Trennfläche zwischen Tierteil und Außenluft. Vordergründig geht es noch immer darum, zerlegte Muskulatur, gewolftes Bindegewebe und Substanzen, die laut Entsorgungsverordnung auf dem Containerschiff nach Angola verbracht gehören, in rauer Menge zu schmurgeln, auf dass sich die Tischgemeinschaft die Schnitzel in die Rippen pfeifen kann. Neuere Zivilisationserscheinungen wie Plastikbesteck oder Nudelsalat geben der Aktion ein mehr oder weniger kulturelles Gepräge, doch täuscht das. Eine grelle Stichflamme, und der Grillierer kippt direkt wieder ins gefühlte Epipaläolithikum.

Wichtig allein sind die Rituale. Der Häuptling darf das Feuer entfachen, meist unter Zuhilfenahme brennbarer Chemikalien, die dem Gelände Charme und Geruch einer brennenden Bohrinsel verleihen. Dem Opferpriester nicht unähnlich schlenzt er das Kultobjekt deutscher Schlachterzeugnisse auf die qualmende Apparatur, das Nackensteak, ein von gelblichen Fettadern durchglibberter Lappen aus schlaffem Muskelgewebe, wie es nicht widerlicher von der Massenmast auf Kadaverzuchtfarmen mit Gütesiegel künden könnte. Kein Klingone wäre entmenschter, hätte er sich in eitler Verkennung der Umstände die abgelebte Sau hinters Zäpfchen gepfriemelt. In heiligem Ernst vollzieht der Feuer-Werker seine Zeremonie, weihausräuchert mit wedelnder Wurst die Dämonen des Diätwesens und huldigt mit quarzender Liturgie den Göttern von Vegetation, Fruchtbarkeit und Einzelhandel. Mag er als Astronaut, Dachdecker oder Bundesminister in diese Gesellschaft integriert sein, hier redet er in Zungen mit den höheren Wesenheiten, die er sich ins Hirn schwiemelt, und nichts, weder Fußball noch Krieg, verschaffen ihm die Ekstase, wie sie die Umwandlung harmloser Eiweiße zu polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen.

Unter dem Einfluss des Trendwahns mutiert die Rostbraterei zur Extremsportart, die Mann und Material in unerbittlichen Kampf zwingt. Fahrbare Hochtemperaturgebläse mit Reaktorbrennkammern und Gasflammenwerfer treffen auf fest installierte Drehstromkontaktbrutzler, ausgestattet wie ein OP-Saal mit Handgriffen, Holzkohleeimer und Vorglüh-Schlot. Gehämmerter Chromstahl aus der Kfz-Produktion paart sich mit Metalliclack, damit der Wurstjongleur seine Brätpelle wie im Hochofen garen kann, heroisch verklärt zur körperlichen Herausforderung, als sei der Nervenkitzel nicht die korrekte Benutzung der Grillzange, sondern die Jagd auf das ungezähmte Schwein, wie es sich in freier Wildbahn durch finstere Wälder wühlt und den Waidmann zum Showdown an die Fleischtheke lockt. Wie der Quartaner an der Dampfmaschine popelt der Fettschlucker an seinen Schaltern und Hebeln herum, wohl wissend, dass der Gammel auf dem Billiggestell von der Tanke für den Gegenwert einer Schachtel Zigaretten auch nicht besser briete. In aufreizendem Kontrast stehen die Investitionen für das hochtechnologische Heizwunder einerseits, andererseits für die Schlachtabfälle in Schmierfett samt Kanisterpils und Kornbrand, um die verweste Muskelmasse ohne Retour durch den Magen-Darm-Trakt zu bugsieren. Man gönnt sich ja sonst nichts.