Grenzdebil

11 06 2012

„Sie kommen hier nicht rein. Das heißt, Sie kommen schon rein, aber eben nur mit Reisepass. Das ist das neue Europa. Das haben wir so für Sie gemacht. Ist doch viel besser als früher, oder?

Wir haben uns entschlossen, die Grenzen wieder zu schließen. Wenn wir das Schengenabkommen jetzt ganz oder teilweise oder nur ganz in Teilen, oder allgemein: der Bundesinnenminister hat noch nicht beschlossen, es in der EU abzuschaffen. Und wenn der jetzt das Schengenabkommen abschafft oder aussetzt oder in der EU oder außerhalb, jedenfalls ist das mehr Europa. Doch, das ist mehr Europa! Schauen Sie mal, Sie kriegen doch eine Menge mehr fürs Geld. Die Grenzkontrollen, die neuen Einfuhrbestimmungen – merken Sie noch was? – das ist doch alles mehr Europa. Ja, wir haben dann bald auch wieder mehr nationale Selbstbestimmung. Dänemark ist wieder Dänemark und Deutschland ist wieder Deutschland, das ist doch ein Mehr an Plus, ich meine ein Plus an mehr von irgendwas, und wir sind hier in Europa, da ist doch ein Mehr auch ein Plus und damit ein Mehr an Europa? Wollen Sie das jetzt nicht kapieren?

Die Mitgliedsstaaten können wieder ganz souverän entscheiden, was sie wollen. Ist das denn nicht großartig? Das ist doch großartig? Ja, und da hat der Bundesinnenminister eben entschieden, dass die Deutschen wieder Grenzkontrollen möchten und Schlagbäume. Und das kann jetzt nicht nur der Bundesinnenminister, sondern jeder Depp, nicht wahr, und deshalb ist das wieder mehr Europa. Sie müssen das systemisch begreifen, also systematisch und so. Wenn wir alle zusammen hier in Europa etwas nicht mehr machen, weil es nicht mehr gebraucht wird, dann ist das ja gut und schön, aber das ist doch nicht Europa. Das ist dann – merken Sie noch was? – das ist dann eben so etwas anderes. Aber wenn jeder etwas anders machen kann, ohne sich mit den anderen ansprechen zu müssen, weil ihm Europa garantiert, dass jeder hier alles machen kann, was er will, dann – merken Sie noch was? – ist das Europa. Mehr Europa!

Es ist ja primär wegen der vielen Ausländer, die nach Deutschland kommen. Das sind ja teilweise Ausländer, die aus dem Ausland kommen! Da sieht sich der Bundesinnenminister in besonderer Weise in der Pflicht, dass diese Personen, die nach Deutschland kommen, Personen sind, die dann eben nicht nach Deutschland kommen. Weil wir für mehr Sicherheit sorgen müssen, unter anderem durch mehr Freiheit, die durch mehr Sicherheit entsteht – merken Sie noch was? – die dann für mehr Freiheit sorgt. So will das der Bundesinnenminister. Der Bundespräsident will erst mal nur das mit der Freiheit, aber das mit der Sicherheit haben wir dann wenigstens schon mal. Und dann wird hier in Deutschland ja auch alles viel besser, zum Beispiel das mit der Wirtschaft und dem Aufschwung und dem Jobwunder und so. Weil wir dann ja den Fachkräftemangel, und den gibt es ja tatsächlich, und den werden wir dann beheben. Wie? Na, wenn hier alles so schön ist, dann kommen ja bestimmt irgendwann auch wieder die Ausländer.

Dialektik, verstehen Sie? Man muss immer das Gegenteil von dem tun, was man will, dann erreicht man das Gegenteil von dem, was man tut, weil man ja tut, was man will, wenn man will, dass man tut, was man will. Oder das Gegenteil halt. Und wir sind jetzt für mehr Wachstum und Arbeitsplätze, für mehr Demokratie und Europa. Mehr Europa.

Man muss sich dann auch mal Sachzwängen unterwerfen – merken Sie noch was? – oder sie eben so definieren, dass es nur Sachzwänge sind. Oder nur Sachzwänge für uns, und für die anderen dann eben etwas anderes. Oder dialektisch. Also umgekehrt. Aber da müssen Sie den Bundesinnenminister fragen, der wird Ihnen genau sagen können, wo es versehentlich schiefläuft –merken Sie noch was? – und wo das Dialektik ist.

Natürlich ist das noch nicht ganz durchdacht. Kein Wunder, der Bundesinnenminister kümmert sich ja persönlich darum. Aber wir hatten schon mal überlegt, ob wir das Programm nicht auch als nationale EU-Erweiterung verwenden können. Mehr Freiheit, mehr Demokratie für Deutschland, das wäre doch gut? Wenn wir die Mauer wieder aufbauen, das müsste doch klappen?

Die Theorie geht ja davon aus, dass wir eine Zustimmung zu den bestehenden Verhältnissen haben, und wenn wir sie dann verändern, so wie das der Bundesinnenminister eben auch tut, dann passen wir uns an. Wenn wir jetzt wieder die Mark bekommen – merken Sie noch was? – weil der Euro im Eimer ist, oder die Abschaffung des EU-Rechts, damit wir wieder selbst über den Krümmungsgrad von Gurken entscheiden und uns Glühbirnen ins Klo hängen können, dann ist das weniger, und damit selbstverständlich gut, weil es mehr Europa ist. Damit werden wir alle wieder zu echten Europäern, die ihre Freiheit genießen, und zwar genauso, wie wir es schon immer wollten.

Nur dies Europa der Europäer, verstehen Sie – klar, im Grunde wollten Sie das doch schon immer. Wieder richtiges Geld, richtige Gesetze, eine ordentliche Regierung, nicht so eine Quasselbude, wo man die ganzen Nulpen hinschickt, deren Korruption sich nicht mehr unter den Teppich kehren lässt. Aber das ist nicht gut, wenn Sie das wollen. Lassen Sie uns das erledigen. Wir schaffen das nicht nur besser, wir kriegen das dialektisch hin.

Vertrauen Sie uns. Europa ist bei uns in den besten Händen. Für mehr Europa. Übrigens, wir exportieren jetzt noch mehr Waffen an die Araber.“


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2 responses

11 06 2012
lamiacucina

Die Europasterne werden langsam blind. Erst wankt der Euro, dann die offenen Grenzen. Freizügiger Umgang mit der Freizügigkeit.

11 06 2012
bee

Die Dialektik der Aufklärung hat es erschreckend genau vorgezeichnet, wie die Gesellschaft sich dem Primat der wirtschaftlichen Verwertbarkeit unterwirft; wir sind nach einem halben Jahrhundert Deformation der Begriffe wieder bereit für Führerstaaten, religiöse Begründungen für politisches Handeln und eine zutiefst utilitaristische Moral. Die logische Konsequenz, wie sie immer wieder sich entwickelt hat, wäre Krieg – wir haben nichts gelernt aus der Geschichte.

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