Pfaffentheater

13 06 2012

„Er ist wirklich ein Staatsmann, dieser Gauck.“ „Ein Mann, der die Macht des Wortes hat.“ „So würde ich das nicht sehen.“ „Sondern?“ „Er ist eher für die Worte der Macht.“

„Es geht ihm aber doch nur um die Verteidigung unserer Interessen.“ „Ob diese Interessen überhaupt unsere, geschweige denn legitim sind, hat er zur Vorsicht nicht gefragt.“ „Es ist ja unser Öl.“ „Und unsere amerikanischen Verbündeten – dann scheint es sich doch um unsere Interessen zu handeln.“ „Im Grunde genommen hat Gauck doch nicht sehr viel mehr als ein bisschen Heroismus eingefordert – mit Herzblut und mehr Offenheit für Deutschland.“ „Was bei dem Mann offen ist, will ich gar nicht wissen. Ansonsten glaube ich kaum, dass er sein eigenes Herzblut hergäbe für Mädchenschulen oder Brunnenbau, oder wofür man sonst ein ganzes Land in die Steinzeit zurückbombt.“ „Und wenn dafür ein Krieg entbrennt?“ „Darf er nicht auf deutschem Boden ausgehen.“

„Wobei, dies ist ja gar kein Krieg. Nicht einmal umgangssprachlich.“ „Es wird ja auch nicht umgangssprachlich gestorben. Vermutlich haben wir nur Personalverluste.“ „Das ist doch reine Wortklauberei!“ „Was erwarten Sie von einem Theologen anderes als Pfaffentheater am offenen Grab der Demokratie?“ „Immerhin, ‚Mutbürger in Uniform‘ – so ein Schwachsinn muss einem erst einmal einfallen.“ „Er hält sich in nüchternen Momenten für Luther.“ „Das heißt, er schaut dem Volk aufs Maul?“ „Nein, er ist ein Kriecher, der im Auftrag der Obrigkeit jegliche Form von Gewalt für metaphysisch gerechtfertigt erklärt, damit er selbst nichts aufs Dach kriegt. Eben Freiheit.“

„Ist es eigentlich ein Zufall, dass er die Soldaten anspricht wie Hartz-IV-Empfänger?“ „Durchaus nicht. Die Parallelen liegen ja auf der Hand, sie sollen sich gefälligst nicht so anstellen, sondern die Zähne zusammenbeißen und Opfer bringen, damit ein paar Reiche mehr Rendite machen.“ „Immerhin hat er sie nicht als unsäglich lächerlich bezeichnet.“ „Das täte er nur, wenn sie Grundrechte in Anspruch nehmen sollten. Aber es stimmt, er verwechselt die beiden.“ „Weil weder für Arme noch für Soldaten das Recht auf körperliche Unversehrtheit gilt?“ „Weil er als Berufschrist seine Klappe vorwiegend da aufreißt, wo er nicht betroffen ist. Die Soldaten kennen den Krieg, er nicht.“

„Was heißt überhaupt ‚glückssüchtig‘?“ „Das steht gar nicht im Manuskript.“ „Richtig – er hat es nur gesagt.“ „Dumm, wenn das gesprochene Wort gilt. Man sollte als Staatsoberhaupt schon wissen, was man von sich gibt.“ „Was bedeutet das denn nun?“ „Zunächst, dass Gauck seinen eigenen feudal orientierten Freiheitsanspruch nur für sich selbst reklamiert, damit er ihn anderen absprechen kann.“ „Hat man das nicht vorher wissen können?“ „Deshalb ist es ja um so interessanter, wenn nun alle so tun, als habe er plötzlich zugegeben, ein Marsmensch zu sein. Interessant ist doch, wie er selbst die ganze Gesellschaft verkennt.“ „Weil er auch ihr Glückssucht vorwirft?“ „Weil er noch immer glaubt, diese Gesellschaft akzeptiere einen Krieg als notwendiges Übel der Politik, nur weil eine Regierung da mehr oder weniger rein rutscht. Weil er die Gesellschaft für so dumm und borniert hält, dass sie in ihrer Scheuklappenmentalität die Toten und Verwundeten ausblenden oder gar nicht mehr wahrhaben wollen, was ein gefallener Sohn, Vater, Gatte ist.“ „Eine hübsch verräterische Verbeugung vor dem üblichen Frontbericht, in dem es nie eigene Verluste gibt.“ „Und ein deutlicher Reflex seiner Sozialisation in einem totalitären Staat, der jede Katastrophe vor der Öffentlichkeit verbarg und sich vorlog, keiner würde es wissen, wenn man nicht öffentlich darüber spräche.“

„Glückssucht klingt ja auch schon fatal. Ob der Mann zu oft am Messwein genippt hat?“ „Glaube ich nicht. Vermutlich eher eine besondere Art von Gottvertrauen bei militärischen Aktionen.“ „Das klingt nach durchdachter Strategie.“ „Nein, eher nach verbalem Blitzkrieg.“

„Dass er seine ganze linke Vergangenheit aber auch so über Bord werfen kann.“ „Ach was. Eine Nationale Volksarmee hätte er hier auch gerne.“ „Aus historischer Sicht wäre zu erwarten, dass er Offenheit für Auslandseinsätze der Bundeswehr wünscht.“ „Aus heutiger Sicht dürfte er sich bald auch Offenheit für Inlandseinsätze wünschen.“

„Kann es sein, dass der Mann seine Bedeutung etwas überschätzt?“ „Weil er sich so vehement für die deutsche Exportwirtschaft einsetzt?“ „Das ist als Bundespräsident nicht seine Aufgabe.“ „Aber es ist doch nett, dass er gerade die Freiheit zum Exportschlager machen will.“ „Vielleicht sollte er sich bei Gelegenheit das Grundgesetz zu Gemüte führen.“ „Schenken Sie ihm lieber einen Stahlhelm. Er scheint häufiger mal etwas an den Kopf zu kriegen.“ „Da ist er in bester Gesellschaft, Lübke hatte dasselbe Problem.“ „Vielleicht wird man ihn auch vorzeitig entfernen. Das soll anderen auch schon passiert sein.“ „Ob Merkel sich darum kümmert?“ „Keine Ahnung, bisher war sie nur für marktkonforme Demokratie. Ob marktkonforme Militärschläge auch in ihr Ressort fallen, entzieht sich meiner Kenntnis.“ „Und was machen wir mit dem Mann?“ „Außenpolitisch wird man einen Profilneurotiker wie ihn verkraften. Westerwelle nimmt auch keiner ernst.“ „Und innenpolitisch?“ „Ich denke mal, es dürfte den einen oder anderen Teilnehmer dieser Kreuzzüge ins Glück geben, der mit einem Arm oder Bein weniger nach Hause kommt, nach einem bisschen Reha als lästiger Kostenverursacher abgehängt wird und so peu à peu erfährt, wofür er den Kopf hat hinhalten dürfen. Er kann mit Schusswaffen umgehen und wird nicht zögern, es auch zu tun. Aus Interesse und in großer Offenheit für einen kurzen, gezielten Einsatz für Volk und Vaterland.“ „Sie meinen, er schießt?“ „Wenn wir Glück haben.“